Aufsätze zu Globalisierungsopfern und Rechtspopulismus

Von Armin Pfahl-Traughber
04.01.2021 -

Die Soziologin Cornelia Koppetsch legt mit „Rechtspopulismus als Protest. Die gefährdete Mitte in der globalen Moderne“ einen Sammelband mit älteren Texten vor. Darin sieht sie in den Globalisierungsverlierern einen entscheidenden Ursachenfaktor. Indessen hätte man sich mehr Analyse zur Empirie und zur Bedeutung von Einstellungspotentialen gewünscht.

Cornelia Koppetsch, Rechtspopulismus als Protest. Die gefährdete Mitte in der globalen Moderne

Wie kann man den Aufstieg des Rechtspopulismus erklären? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Fülle von sozialwissenschaftlichen Studien. Zu diesen Arbeiten gehört auch ein Buch von Cornelia Koppetsch, die in Darmstadt als Professorin für Soziologie lehrt. Es war mit „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“ überschrieben und erschien 2019 mit überaus positiver öffentlicher Resonanz. Die Autorin sprach darin von Globalisierungsverlierern, die sich gegen eine kosmopolitische Elite wenden und sich dabei an einer nationalen Identität orientieren würden.

Diese Deutung erfolgte im Sinne einer verstehenden Soziologie. Letzteres brachte Koppetsch den unberechtigten Vorwurf ein, sie wolle die Anhänger des Rechtspopulismus entschuldigen oder verteidigen. Indessen versuchte sie nur deren Denkungsarten nachvollziehbarer zu machen. Bedenklicher war indessen eine andere Kritik, hatte die Autorin doch in dem genannten Buch häufiger Deutungen anderer Forscher übernommen, ohne dies in der dazu nötigen Art und Weise zu kennzeichnen.

Nutzen aus neueren gesellschaftlichen Spaltungen gezogen

Diese Fehler sollen hier indessen nicht näher thematisiert werden, geht es doch um ihren neuen Sammelband „Rechtspopulismus als Protest. Die gefährdete Mitte in der globalen Moderne“. Gleichwohl kann dieser Hintergrund nicht außen vor bleiben, wird er in dem dortigen Nachwort doch ebenfalls thematisiert. Der Band „Rechtspopulismus als Protest. Die gefährdete Mitte in der globalen Moderne“ enthält Nachdrucke früherer Veröffentlichungen.

In diesen Aufsätzen geht Koppetsch auf unterschiedliche Positionen ihrer zentralen These ein. Sie besteht in der Aussage, wonach die Benachteiligten von der Globalisierungsentwicklung diese zugunsten des Rechtspopulismus im Wahlverhalten verarbeiteten. Der Erfolg der gemeinten Parteien sei dort feststellbar, „wo es ihnen gelingt, emotionspolitische (…), symbolpolitische (…) und realpolitische Anliegen (…) aufzugreifen und in ein Antiglobalisierungsnarrativ zu integrieren“. Die rechtspopulistischen Akteure profitierten bei alldem von neueren gesellschaftlichen Spaltungen.

Kulturkonflikte

Diese Grundaussage zieht sich durch die in dem Sammelband enthaltenen Texte. Die Autorin referiert dabei konkurrierende Deutungen und erörtert, inwieweit deren Inhalte mit ihren Schlussfolgerungen konform gehen. Sie betont dabei, dass die reale soziale Lage nicht entscheidend sei. Denn die soziale Basis der rechtspopulistischen Parteien bestehe eher in materiell Zufriedenen. Es gehe mehr um Kulturkonflikte und weniger um Verteilungskonflikte: „Nicht allein ökonomische Deprivation und Prekarität, sondern Erfahrungen relationaler sozialer Deklassierungen stehen im Zentrum spät-moderner Abstiegsprozesse. Deklassierungen können, müssen aber nicht mit materiellen Einbußen oder ökonomischen Abstiegen einhergehen“.

Damit verbundene Entwicklungen stehen dann in den jeweiligen Texten im Zentrum, worin es mal um die Anfälligkeiten in der akademischen Mittelschicht, mal um soziale Deklassierung und politische Umorientierung, mal um die Entwicklungsdynamiken in der sozialen Mitte geht.

Bedeutung rechtsextremistischer Einstellungspotentiale

Auch wenn auf den ersten Blick die Erklärungen durchaus schlüssig wirken, fallen einige argumentative Leerstellen auf. Dies gilt nicht unbedingt für die Frage, warum nicht auch die politische Linke von diesen Umbrüchen profitiere. Dafür liefert die Autorin einige interessante Erklärungen. Erstaunlich ist vielmehr ein Fehlen von empirischem Material. Es wird nur gelegentlich auf Analyse zur Wählerbasis verwiesen, was aber etwa bezogen auf den Anteil von Arbeitern eher kursorisch geschieht.

Koppetsch argumentiert eher soziologietheoretisch, wobei sie auf die Aktualität von Bourdieu bis Elias verweist. Und dann unterschätzt sie die Bedeutung rechtsextremistischer Einstellungspotentiale. Es wird nur kurz auf deren Bestand verwiesen, könne die ansteigende Dynamik doch nicht durch deren kontinuierliche Existenz erklärt werden. Doch es besteht bezogen auf kontinuierlich latent vorhandene Einstellungen und abrupte gesellschaftliche Wandlungsprozesse sehr wohl ein bedeutsamer Wirkungszusammenhang.

Cornelia Koppetsch, Rechtspopulismus als Protest. Die gefährdete Mitte in der globalen Moderne, Hamburg 2020 (VSA-Verlag), 181 S.

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