Aufsätze des Historikers Ulrich Herbert zur Geschichte des Nationalsozialismus

Von Armin Pfahl-Traughber
06.04.2021 -

Der Historiker Ulrich Herbert hat intensiv zur Geschichte des Nationalsozialismus geforscht. In dem Band „Wer waren die Nationalsozialisten?“ finden sich elf seiner Aufsätze, die von Differenzierungsvermögen, Kritikfähigkeit und Sachkenntnis geprägt sind.

Cover zum Buch von Ulrich Herbert: "Wer waren die Nationalsozialisten?"

„Wer waren die Nationalsozialisten?“ – ein so betiteltes Buch lässt Informationen darüber erwarten, wie sich die Führungskräfte des NS-Regimes ideologisch, mental und sozial zusammensetzten. Derartige Antworten findet man auch bei dem Historiker Ulrich Herbert, der eine Monographie mit diesem Titel vorlegte. Dadurch entsteht indessen ein schiefer Eindruck bei den Käufern und Lesern, behandelt doch nur der erste Beitrag dieses Thema. Es handelt sich um eine Aufsatzsammlung, also einen Sammelband, was sich weder aus dem Titel noch aus dem Untertitel ergibt.

Die damit einhergehende kritische Anmerkung spricht indessen nicht für den jeweiligen konkreten Inhalt. Denn der Autor, der in Freiburg Neuere Geschichte als Professor an der dortigen Universität lehrte, gehört zu den bekanntesten deutschen Zeithistorikern. Darüber hinaus versteht es Herbert, historische Entwicklungen differenziert, kenntnisreich und sachlich zu vermitteln. Er neigt weder zu Moralisierung noch zu Simplifizierung, was auch die elf Aufsätze dieses Sammelbandes zeigen.

Hochrangige NS-Funktionäre nicht nur fanatische Überzeugungstäter

Der erste titelgebende Beitrag macht etwa deutlich, dass hochrangige Funktionäre des NS-Regime nicht fanatische Überzeugungstäter sein mussten. Der Autor schreibt: „Die Vorstellung, nur wer ganz und gar böse, ganz eindimensional und un-amibivalent sei, sei zu solchen Taten fähig, erweist sich am Ende als Selbstschutz vor allzu großer, aufdringlicher Nähe dieses Geschehens“. Derartige Ausführungen informieren nicht nur über historische Details, sie liefern auch für die Gegenwart bedenklichen Reflexionsstoff.

Danach geht es in den folgenden Aufsätzen um die Bedeutung des Ersten Weltkriegs in der Wahrnehmung führender Nationalsozialisten oder die gesellschaftlichen Hintergründe für den aufgekommenen Judenhass. Herbert untersucht auch die Lager, die das 20. Jahrhundert prägten. Dabei macht er deutlich, dass eine vergleichende Analyse großen Erkenntnisgewinn hinsichtlich deren Spezifika in unterschiedlichen Systemen und Zusammenhängen bringen kann. Es geht dabei nicht um Gleichsetzungen, sondern Typologisierungen.

Keine Gleichsetzungen, sondern Vergleiche

Anschließend betrachtet er anhand von vier Fallstudien den Professor im Dritten Reich, jeweils zwischen Anpassung und Opposition. Besonders interessant ist danach der vergleichende Blick auf die nationalsozialistische und stalinistische Herrschaft, welche ebenso durch gemeinsame Strukturmerkmale wie unterschiedliche Zusammenhänge geprägt war. Differenziert heißt es etwa: „Das Stalin-Regime war die Diktatur einer Minderheit, die sich nie auf größere Teile der eigenen Bevölkerung verlässlich stützen konnte außer bei der Verteidigung gegen den äußeren Aggressor. … Das NS-Regime wurde anfangs von einer starken Minderheit, aber bald von einer vermutlich erheblichen Mehrheit im eigenen Volk getragen“.

Deutlich wird danach, dass ein „Deutsches Europa“ und nie ein „Großgermanisches Reich“ von den Nationalsozialisten gewollt wurde. Hier bestanden zu den Faschisten in anderen europäischen Ländern wichtige Unterschiede. Und dann ist auch noch der Angriff auf die Sowjetunion ein besonderes Thema.

Entwicklungsstufen hin zum Holocaust

Beachtenswert ist ebenfalls die Darstellung der Entwicklung hin zum Holocaust, die keinem festen Plan, sondern den Umständen folgte. Herbert rekonstruiert die entsprechenden Stufen und bringt sie mit dem Kriegsgeschehen in eine inhaltliche Verbindung. „Wir sehen … ein System von Aushilfen und Unzulänglichkeiten, gepaart mit zunehmender Verrohung, Brutalisierung, Fanatismus und Enthemmung, getrieben von dem Wunsch sich der Juden im deutschen Machtbereich auf irgendeine Weise zu entledigen …“.

Und schließlich geht es noch um gesellschaftliche Nachklänge der „Volksgemeinschaft“ und NS-Eliten in der Bundesrepublik. Damit liegt eine Ansammlung von interessanten und lesenswerten Aufsätzen vor, die von dem Differenzierungsvermögen und der Sachkenntnis des Verfassers geprägt sind. Es werden auch immer wieder kursierende Fehlwahrnehmungen korrigiert und innovative Vorschläge gemacht. Insofern hat man es mit einem beachtenswerten Band zu tun, trotz des schiefen Eindrucks durch einen unangemessenen Titel.

Ulrich Herbert, Wer waren die Nationalsozialisten?, München 2021 (C. H. Beck), 303 S., 24 Euro

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