Arbeiter als soziale Basis für Rechtsextremismus

Von Armin Pfahl-Traughber
15.04.2021 -

Klaus Dörre, bekannter Arbeitssoziologe in Jena, legt mit „In der Warteschlange“ ältere Aufsätze in einem eigenen Buch erneut vor. Darin geht es um die Frage, warum Arbeiter zu einer sozialen Basis des Rechtsextremismus geworden sind und welche unterschiedlichen Erfahrungen in der Industriearbeit und im Kapitalismus dafür als Ursachen gelten können.

Klaus Dörre, In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte, Foto: Screenshot

Wer wählt die AfD? Antworten auf die Frage liefert die Wahlforschung. Demnach gehören die Arbeiter vor allen anderen Berufsgruppen zu diesen Wählern. Der genaue Blick auf die vorliegenden Daten macht dann noch deutlich: Mehr Gewerkschaftsmitglieder als Nicht-Gewerkschaftsmitglieder stimmen für die Partei. Wie kann das sein, wie erklärt sich dies? Ähnlich verhält es sich übrigens in anderen Ländern, geht es doch nicht um ein deutsches Spezifikum. Offenbar haben damit verbundene Entwicklungen auch etwas damit zu tun, wie sich die Industriearbeiterschaft in den sozioökonomischen Umbrüchen verändert hat. Denn bekanntlich votierte sie früher mehrheitlich eher für linke Parteien.

Ein Analytiker derartiger Entwicklungen ist der Soziologe Klaus Dörre, der eine Professur für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena innehat. Er veröffentlichte zwischen 1994 und 2020 immer wieder Aufsätze zum Thema. Sie hat er zu einem gesonderten Buch zusammengefasst: „In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte.“

Soziale Lage und politische Orientierung

Damit entstand eine Darstellung und Einschätzung einschlägiger Entwicklungen, die das Denken und Empfinden insbesondere der Industriearbeiterschaft prägte. Berechtigt hebt der Autor bereits in der Einleitung dazu hervor: „Soziale Lagen, auch Klassenlagen, sagen für sich genommen noch wenig über die politische Ausrichtung von Produktions- und Industriearbeitern aus“. Sie können, was hier ergänzt werden soll, inhaltlich unterschiedliche Formen annehmen, es ginge demnach insbesondere um die mit betrieblicher und sozialer Erfahrung einhergehende ideologische Verarbeitung.

Für den erstgenannten Aspekt liefert Dörre viel empirisches Material, was er über die Jahre im Kontext mit anderen Studien gewonnen hatte. Damit blickt der Autor auf die Entwicklung seit der Nachwendezeit über die Jahrtausendwende und spätere Finanzkrise bis zur unmittelbaren Gegenwart. Ihm geht es bezogen auf das Alltagsbewusstseins des Arbeitermilieus und dessen Deutung von Krisen- und Umbruchserfahrungen um analytische Tiefenbohrungen.

Paradoxien in der Kapitalismuskritik

Er hebt jeweils unterschiedliche Aspekte hervor, etwa die Bedeutung der Globalisierung durch internationale Unternehmen, die Erfahrung von Prekarisierungseffekten in Umbruchprozessen, die Grenzen einer Kapitalismuskritik mit sozialen Verschiebungen oder die Relevanz von Ungleichheitserfahrungen in verängstlichenden Wahrnehmungen. Da die Beiträge nicht immer primär bezogen auf die konkrete Fragestellung entstanden waren, kommt es häufig zu Abschweifungen durch Hinweise auf allgemeinere Veränderungen.

Dörre verweist bei der Kapitalismuskritik auch auf Paradoxien: „Je hermetischer das kapitalistische Wettkampfsystem in der alltäglichen Weltsicht erscheint, desto näher liegt es, sich auf die Seite derjenigen zu schlagen, die siegreich aus der Konkurrenz hervorgehen“. Er konstatiert auch zu dieser scheinbaren oder verschobenen Revolte: „Unfähig, ihre Anliegen im organisierten demokratischen Klassenkampf durchzusetzen, tendieren (…) Arbeiter (…) dazu, ihre Interessen an die radikale Rechte zu delegieren“.

Leistungen für die und Lücken in der Ursachenanalyse

Viele Beobachtungen und Daten stützen Dörre in dieser Sichtweise. Er kann aufgrund seiner langjährigen Forschungen auch die gemeinten Umbruchprozesse nachvollziehbar machen. Dabei arbeitet der Autor mit dem Klassengesellschaftsmodell, was ähnlich ausgerichtete Forscher wie Cornelia Koppetsch oder Andreas Reckwitz negieren. Dörre nennt indessen auch Gründe für seine Perspektive. Gleichwohl enthält seine Argumentation trotz der Breite an empirischen Daten und genannten Faktoren auch inhaltliche Lücken, die erst die politische Ausrichtung der angesprochenen Industriearbeiterschaft in die rechte Orientierung nachvollziehbar machen.

Denn es wäre für sie durchaus naheliegend, in den Gewerkschaften oder Linksparteien eine Orientierung zu finden. Dagegen sprechen aber bei den Arbeitern ideologische Einstellungen und die offenkundigen Mängel etwa von linken Parteien. Derartige Aspekte müssten stärker in einen komplexen Erklärungsansatz integriert werden. Gleichwohl liefern Dörres detaillierte Einblicke dafür wichtigen Stoff.

Klaus Dörre, In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte, Münster 2020 (Westfälisches Dampfboot), 355 S.

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