Alternative „Fakten“

Von Rainer Roeser
08.11.2018 -

AfD-Politiker organisieren unter dem Label eines „Vereins zur Förderung des politischen Dialogs“ ihren vierten „Wissenskongress“.

AfDler mit Faible für Verschwörungstheoretisches; (Screenshot)

Die AfD bemüht sich um eine seriösere Optik. Nicht zuletzt die drohende Beobachtung durch den Verfassungsschutz sorgt für Druck von außen. Doch es gibt Gegenkräfte zu denen, die sich gemäßigt geben wollen. Vor allem im Rechtsaußen-Flügel rund um Björn Höcke. Doch das Biedermann-Image beschädigen auch jene Teile der AfD, die nicht zwingend den ideologischen Vorgaben des Thüringers folgen, dafür aber ein Faible für Verschwörungstheoretisches haben. Am kommenden Sonntag lädt der AfD-nahe „Verein zur Förderung des politischen Dialogs“ zu seinem mittlerweile schon vierten „Alternativen Wissenskongress“ ein.

Parteilogo versteckt

Entstanden ist der Verein vor rund vier Jahren. Damals hatten eigentlich die fünf Bezirksverbände der nordrhein-westfälischen AfD ihren ersten „Wissenskongress“ aufziehen wollen. Doch in der Partei wurde Kritik laut. Die AfD-Bezirke verschwanden als Veranstalter. Stattdessen übernahm der neue Verein die Vorbereitung. Zwar führten dort nach wie vor jene Funktionäre Regie, die schon vorher im Namen der Partei „Alternatives Wissen“ produzieren wollten. Aber fortan war das Quartett mit Ingo Schumacher und Udo Hemmelgarn, den damaligen Chefs der Bezirksverbände Köln und Ostwestfalen, sowie Nic Vogel und Sebastian Schulze, den stellvertretenden Sprechern der AfD-Bezirke Düsseldorf und Südwestfalen, quasi ohne Parteilogo unterwegs. (bnr.de berichtete hier, hier, hier und hier

Mindestens drei von ihnen sind auch diesmal mit von der Partie: der zum Bundestagsabgeordneten aufgestiegene Hemmelgarn, dessen Anschrift als Büroadresse des Vereins dient, Schumacher als Pressesprecher des „Wissenskongresses“ sowie Schulze, der mittlerweile aus seinem Bezirksvorstand ausgeschieden ist, dafür aber den Vorständen des AfD-Mittelstandsforums auf Bundes- und auf Landesebene angehört. Ob auch Vogel, der inzwischen seine Brötchen als AfD-Landtagsabgeordneter in Düsseldorf verdient, wieder mitwirkt, ist nicht bekannt. Transparenz in eigener Sache ist nicht die Stärke des Vereins, der von sich behauptet, den politischen Dialog fördern zu wollen. 

Wenn ein Gehirnwäsche-Forscher zum Experten wird

Fast schon logisch wirkt es daher, dass auch um den Veranstaltungsort ein Geheimnis gemacht wird. Irgendwo im „Raum Dortmund/Unna“ soll die vierte Auflage des Kongresses stattfinden, der sich im Lauf der Jahre zu einem festen Event insbesondere für AfD-Rechtsaußen und für verschwörungstheoretisch veranlagte Naturen aus dem näheren und weiteren Umfeld der Partei entwickelt hat. Gedacht ist er vor allem für alle, „die sich alternativ zu den Massenmedien informieren wollen“. 

Für die entsprechenden „alternativen Fakten“ sorgten bereits in der Vergangenheit Referenten, mit denen sich seriös gebende AfDler vermutlich nur ungern öffentlich zeigen würden. Da luden die Organisatoren des Kongresses etwa den Gründer eines „Instituts für politische Gehirnwäsche-Forschung und Befreiungs-Psychologie“ ein. Willkommen – und von den Veranstaltern als „Quelle des Wissens rund um die Souveränitätsbewegung“ angepriesen – war auch ein Referent, der zuweilen zu berichten weiß, „dass es sich bei den angeblichen Staaten nur um Vereine handelt, die sich aber Staat nennen dürfen und eben keine Staaten sind“.

„Multiplikatoren für eine bessere Zukunft“

Angekündigt wurde zudem für den „Wissenskongress“ 2016 eine Videobotschaft eines rechten Filmemachers, der sich noch wenige Jahre zuvor für eine „revolutionäre Neuordnung“ Deutschlands und die „Abschaffung des Parteienstaates“ zur „Herstellung wirklicher Volksherrschaft“ ausgesprochen hatte. (bnr.de berichtete)  

Dieses Mal wollen die Organisatoren nicht nur Vorträge anbieten, sondern auch „praktische Tipps vermitteln, wie jeder Einzelne ein Multiplikator für eine bessere Zukunft werden kann“. Solche Hinweise werden am kommenden Sonntag unter anderem von Rico Albrecht von der „Wissensmanufaktur“ erwartet. Über ihre Arbeit berichten zudem Vertreter des rechten Medienkanals „Eingeschenkt.tv“.

„Friedensfahrten“ nach Russland

Referieren wird auch der Münchener Christian Jung, der sich ebenfalls mit Videos sowie mit seinem im Kopp-Verlag erschienenen Buch „Der Links-Staat“ in der Szene einen Namen gemacht hat. In einem Workshop soll es darum gehen, wie man „Freunde und Bekannte schnell und wirkungsvoll zu den alternativen Medien lotsen“ kann. Über die Organisation rechter Demonstrationen berichten Myriam Kern („Die Stimme von Kandel“) und Leyla Bilge, Standardrednerin zahlreicher rechter Demos und „Frauenmarsch“-Organisatorin in Berlin. (bnr.de berichtete hier und hier)  

Zum Auftakt des Programms spricht Rainer Rothfuß über seine „Friedensfahrten“ nach Russland. Der ehemalige Universitätsprofessor, früher CSU-Mitglied, hat sich im Sommer der AfD angeschlossen. Das NDR-Magazin „Zapp“ berichtete Ende letzten Jahres über Rothfuß, er trete heute vor allem auf bekannten verschwörungsideologischen Kanälen wie „NuoViso“, „KenFM“ oder „KlagemauerTV“ auf. 

„Brandrede“ zum Abschluss

Am Ende des achtstündigen Kongresses steht nicht weniger als eine „Brandrede“ auf dem Programm, wie die Organisatoren vollmundig versprechen. Erwartet wird Eberhard Hamer, Autor im Kopp-Verlag und ein „Urgestein der alternativen Medien“. Für gewöhnlich klagt er bei seinen Auftritten über einen „Weltgeldbetrug“. Diesmal will er sich dem „Tiefen Staat“ widmen. Mit seiner Rede schließt sich ein Kreis: Hamer stand bereits 2015 beim allerersten „Alternativen Wissenskongress“ am Mikrofon und feierte dort Pegida als „ersten anständigen Aufstand des Mittelstands“.

„Die Veranstalter waren bei der Auswahl der Referenten nicht gut beraten. Unter den Referenten scheinen sich Verschwörungstheoretiker und Wirrköpfe zu befinden“, sagte Parteisprecher Bernd Lucke, als vor vier Jahren die Planungen für den ersten „Alternativen Wissenskongress“ in der AfD bekannt wurden. „Die Veranstalter sollten ihr Konzept überdenken“, empfahl er ihnen. Das taten sie nicht. Heute sind sie Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, machen Karriere beim AfD-Mittelstand oder führen Parteibezirke, die größer sind als mancher Landesverband. Und Lucke, der die Organisatoren für nicht gut beraten hielt? Er ist Vergangenheit.

Weitere Artikel

AfD-Rechtsaußen: „Parteipolitische Revolution“

27.09.2016 -

Der Thüringer Höcke zieht gegen einen „Putsch“ der Kanzlerin ins Feld. Parteisprecherin Frauke Petry will den Begriff „völkisch“ rehabilitiert sehen. Dass in einem solchen Umfeld Leute wie Wolfgang Gedeon und Kay Nerstheimer zu Landtagsabgeordneten werden können, erscheint eigentlich nur logisch – auch wenn es der AfD im Nachhinein peinlich ist.

„Alternatives Wissen“ mit fragwürdigem Redner

15.03.2017 -

Nordrhein-westfälische AfD-Funktionäre planen ihren dritten „Alternativen Wissenskongress“, Stargast soll ein Geschichtsrevisionist sein. Der parteiinternen Karriere sind derlei Einladungen offenbar nicht abträglich.

Rendezvous der Verschwörungstheoretiker

23.03.2015 -

Umsturzträume sowie antiamerikanische und nationalistische Töne – auf dem „Alternativen Wissenskongress“ am Sonntag in Witten kochen die Redner ihre ideologischen Süppchen.

"Wer regiert Deutschland?"

AfDler auf der Suche nach obskuren Alternativen

06.10.2016 -

AfD-Funktionäre bereiten ein obskures „Netzwerktreffen“ im Ruhrgebiet vor – ein Event für die Rechtsaußen-Fraktion in der Partei und für Verschwörungstheoretiker jeder Couleur.