Allgegenwärtiger Antisemitismus

Von Anton Maegerle
04.10.2019 -

Ein informativer und lesenswerter Sammelband befasst sich breit angelegt mit den unterschiedlichen Facetten von Judenfeindlichkeit: Antisemitismus und politische Mitte, rechter, linker und islamischer Antisemitismus.

„Zusammenspiel von rechtem, linkem, islamistischem und Antisemismus aus der Mitte der Gesellschaft“; Photo (Symbol: Esther Stosch / pixelio

Der Band „Antisemitismus seit 9/11“ rekonstruiert zahlreiche der öffentlichen Debatten, die es seit den islamistischen Terroranschlägen vom 11. September 2001 über Antisemitismus gegeben hat. 27 Autorinnen und Autoren setzen sich in dem 452 Seiten umfassenden Werk mit den Themenfeldern Antisemitismus und politische Mitte, rechter, linker und islamischer Antisemitismus auseinander. Zentrale Ereignisse und Debatten werden in komprimierter Form vorgestellt und so einzelne Facetten von Judenfeindschaft in ihrer Entwicklung eingeordnet. Dabei wird deutlich, „dass gerade das Zusammenspiel von rechtem, linkem, islamistischem und Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft ein Charakteristikum für den Antisemitismus seit 9/11 ist“, so Samuel Salzborn, Gastprofessor für Antisemitismusforschung am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, der den sehr informativen Sammelband herausgegeben hat.

Entgrenzung, Trivialisierung und Bagatellisierung

Der renommierte Antisemitismusforscher systematisiert den Antisemitismus seit den New Yorker Terroranschlägen in drei Momenten: seine Entgrenzung, seine Trivialisierung und seine Bagatellisierung. So sah man die Entgrenzung exemplarisch im Sommer 2014, als unter der Federführung palästinensischer Organisationen in deutschen Städten Antisemiten unterschiedlichster Couleur gemeinsam aufmarschierten: islamistische Antisemiten, deutsche Neonazis und linke Antiimperialisten. Hieran schloss sich die Trivialisierung an. Antisemiten verstecken sich hinter der Formel, dass Israelkritik nicht Antisemitismus sei. Schließlich die Bagatellisierung: Antisemiten wenden sich nicht nur gegen Juden, sondern gegen die moderne, aufgeklärte Welt: gegen Freiheit und Gleichheit, Urbanität und Rationalität, Emanzipation und Demokratie. Jüdische Kritik wird oft abgetan, als sei nicht der Antisemitismus das Problem, sondern die, die von ihm betroffen sind.

Von besonderem Interesse für die bnr.de-Leserschaft sind in dem breit angelegten Sammelband die beiden Themenfelder: „Antisemitismus und politische Mitte“ (S.13 - S.150) sowie „Rechter Antisemitismus“ (S.151 - S.252).

Im Kapitel „Affektmobilisierungen in der gesellschaftlichen Mitte. Die ‚Möllemann-Debatte‘ als Katalysator des sekundären Antisemitismus“ setzen sich Salzborn und Marc Schwietring mit den nahezu zeitgleichen bundesdeutschen Debatten um die antisemitischen Äußerungen des damaligen FDP-Bundesvizes Jürgen Möllemann und den von antisemitischen Ressentiments durchzogenen Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser auseinander. Die Autoren rufen in Erinnerung, dass sowohl Möllemann als auch Walser sich als Opfer inszenierten, als Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Beide hatten antisemitischem Denken „im kulturellen und politischen Raum eine Diskursfähigkeit verschafft, die jenseits von zivilisatorischen Motiven agierte“.

Inszenierter Tabubruch

Den Zusammenhang zwischen dem Topos inszenierter Tabubruch sowie zeitgenössischem Verbal-Antisemitismus zeigt Carla Dondera anhand des Prosagedichts „Was gesagt werden muss“ im Kapitel „Was gesagt werden muss: Günter Grass und der inszenierte Tabubruch“ auf. Der Schriftsteller hatte seine Zeilen am 4. April 2012 zeitgleich in mehreren Zeitungen, darunter der „Süddeutschen Zeitung“, veröffentlicht. In seinem Gedicht unterstellte Grass Israel die Planung eines atomaren Vernichtungskrieges gegen den Iran sowie, damit einhergehend, die Bedrohung des Weltfriedens.

Ausgehend von der im April 2018 stattgefundenen Verleihung des Echo-Musikpreises an die Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang beschäftigt sich Jakob Baier mit „Antisemitismus im Rap“. Die Rapper hatten in ihrem Lied „0815“ die Zeilen „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ getextet. Baier weist nach, dass sich moderner Antisemitismus als wandlungsfähig zeigt und sich in seiner Artikulation an die jeweiligen gesellschaftlichen Kommunikationsbedingungen anpasst. Der Autor ruft dazu auf, offene und codierte antisemitische Agitation in subkulturellen Inszenierungspraktiken offenzulegen, um so deren Ausbreitung innerhalb der Jugendkultur entgegenzuwirken.

Kontinuität im deutschen Rechtsterrorismus

Matthias Quent und Jan Rathje widmen sich dem Themenfeld „Antisemitismus und rechter Terrorismus“. Sie konstatieren, dass der Terroranschlag von Robert Bowers im Oktober 2018 während eines Schabbat-Gottesdienstes in der Tree of Life-Synagoge in Pittsburgh der bisher größte, explizit gegen Juden gerichtete Anschlag in der Geschichte der USA war. Der rechtsextreme Attentäter ermordete elf Juden und verletzte mehrere zum Teil schwer. In Bezug auf den deutschen Rechtsterrorismus halten die Autoren fest, dass nicht nur „Verschleierungen“ durch den Inlandsgeheimdienst, sondern auch ideologische Komponenten des Antisemitismus im deutschen Rechtsterrorismus „Kontinuität“ haben.

Gideon Botsch erinnert in seinem Beitrag „Die NPD als antisemitische Partei“ an eine Rede des damaligen NPD-Fraktionsvorsitzenden Holger Apfel vom Januar 2005 im sächsischen Landtag. Apfel hatte demzufolge damals vom „Bomben-Holocaust“ von Dresden schwadroniert. Während die NPD eine „nationalsozialistische Partei“ sei, die aus ihrem programmatischen Antisemitismus keinen Hehl macht, mobilisiere dagegen die AfD offenen Antisemitismus selten, so Botsch. Mitunter schmücke sich die AfD mit einem „instrumentellen ‘Anti-Antisemitismus‘“ –  im Wissen darum, dass das Stigma des „muslimischen Antisemitismus“ sich auf Migranten aus dem Nahen Osten anwenden lässt.

AfD „bagatellisiert manifesten Antisemitismus“

Samuel Salzborn knüpft mit seiner Analyse „Antisemitismus in der ‘Alternative für Deutschland‘“ inhaltlich an Botsch an. Er hält fest, dass sich die AfD „formal nicht antiisraelisch äußert“ und bisweilen Israel als „strategischen Partner für ihren antimuslimischen Rassismus mit dem Ziel der Abwehr von Zuwanderung nach Europa zu sehen scheint“. Fakt, so Salzborn, sei jedoch, dass es „eine Reihe von antisemitischen Positionierungen in der AfD“ gebe. Als „Spitze vieler Eisberge“ in Sachen AfD und Antisemitismus stellt Salzborn den hinreichend bekannten „Fall Gedeon“ vor.

Salzborn fasst seine Analyse in wenigen Worten treffend zusammen: „Wer den Antisemitismus als festes Element im Weltbild der AfD übersieht, verkennt den Charakter der Partei und ihrer Entwicklung hin in den Rechtsextremismus.“ Der Wissenschaftler weiter: „Dass die AfD selbst ihren bei zahlreichen Mitgliedern und Funktionären manifesten Antisemitismus gern bagatellisieren möchte, ist offenkundig: denn mit dem Antisemitismus fällt der letzte Grund, die AfD nicht als Neuauflage zahlreicher rechtsextremer Parteien in der Geschichte der Bundesrepublik zu begreifen.“

Klare Benennung antisemitischer Ressentiments

Die Themenfelder „Islamischer Antisemitismus“ und „Linker Antisemitismus“ werden mit Kapiteln wie „Von der Delegitimierung zum eliminatorischen Antizionismus, Holocaustleugnung im Iran seit 9/11, Vernichtungsdrohungen gegen Israel und die regionale Expansion des Ajatollah-Regimes“ (Stephan Grigat) sowie „Roger Waters, das Schwein und BDS. Antisemitische Argumentationsmuster in der Boykottkampagne gegen Israel“ (Kirsten Dierolf) gefüllt. Dabei wird deutlich, dass das Zusammenspiel von Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft, rechter, linker und islamistischer Judenfeindschaft ein Charakteristikum für den Antisemitismus seit den Terroranschlägen von New York ist.

Der sehr informative 452-seitige Sammelband führt deutlich vor Augen, dass eine klare Benennung antisemitischer Ressentiments und eine eindeutige politische Polarisierung notwendig ist. Und ebenso erforderlich ist eine definitive Ausgrenzung von antisemitischen Positionen aus dem gesellschaftlichen Diskurs.

Samuel Salzborn (Hrsg.), Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatte, Kontroversen. Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden 2019, 452 Seiten, 89 Euro; ISBN 978-3-8487-5417-5 (Print), ISBN 978-3-8452-9585-5 (ePDF).