AfD-Nachwuchs: Wie die Alten - so die Jungen

Von Rainer Roeser
21.07.2020 -

Damian Lohr, Chef der „Jungen Alternative“, tritt beim nächsten Bundeskongress nicht wieder an. Hinter dem beginnenden Streit über die Nachfolge steckt die Frage, welche Radikalisierungsstrategie für die Organisation geeignet ist.

Die „Junge Alternative“ muss sich bald einen neuen Bundesvorsitzenden suchen; (Screenshot)

Noch ist offen, wann sich die „Junge Alternative“ (JA) in diesem Jahr zu ihrem Bundeskongress trifft. Klar ist aber schon jetzt, dass sich der AfD-Nachwuchs einen neuen Vorsitzenden suchen muss. Amtsinhaber Damian Lohr (26) will nach zweieinhalb Jahren im Amt nicht mehr antreten. Lohr ist frustriert. Sein Versuch, „Brückenbauer“ zwischen den verschiedenen Strömungen zu sein, sei nicht honoriert worden – im Gegenteil, klagte er in einem Schreiben, mit dem er seinen Rückzug ankündigte. Er habe viel Ablehnung erlebt. „Für die einen war ich die Marionette des Verfassungsschutzes und der Liberale, für die anderen habe ich zu wenige Leute herausgeworfen und war der böse Flügler.“ Seine Auffassung für die künftige Ausrichtung der JA werde von der Mehrheit der Jugendorganisation nicht geteilt, mutmaßt Lohr.

Einfach hatte es Lohr in der Tat nicht, seit er Anfang 2018 den Vorsitz übernahm. Denn die verschiedenen Lager und Radikalisierungskonzepte, die in der Mutterpartei für stete Auseinandersetzungen sorgen, finden sich auch in ihrer Nachwuchsorganisation wieder: auf der einen Seite das national-neoliberale Lager, auf der anderen Seite die völkisch-nationalistischen Kräfte. Auch im JA-Bundesvorstand treffen sich die Kontrahenten wieder. Dort sitzen zum Beispiel als Lohrs Stellvertreter Tomasz Froehlich und Jan Hornuf mehr oder weniger einträchtig nebeneinander – der eine Mitarbeiter von Jörg Meuthen, der andere ein Vertrauter von Andreas Kalbitz.

Zwischen National-Neoliberalismus und völkischem Nationalismus

Lohr sollte den Laden zusammenhalten. Er gefiel anfangs sowohl den Kalbitz- wie den Meuthen-Fans im AfD-Nachwuchs. Die Radikaleren freundeten sich mit Lohr an, weil jemand, der Mitglied in einer pflichtschlagenden Burschenschaft sei und bei einer Demonstration in Kandel an der Spitze eines Blocks der „Identitären Bewegung“ gehe, doch irgendwie dazugehöre. Die angeblich Moderateren verwiesen auf seine politische Herkunft aus dem AfD-Landesverband Rheinland-Pfalz, einer der Hochburgen der angeblich „Gemäßigten“. Wer dort Karriere mache, könne nicht auf der „falschen“ Seite stehen.

Doch letztlich scheiterte Lohr an seiner Aufgabe. Zu groß war die Spannbreite zwischen moderater auftretenden Landesverbänden wie dem in Nordrhein-Westfalen und dem völkisch-nationalistischen Teil. Letzteren gibt es nicht nur in Ostdeutschland; auch im Westen, unter anderem in Baden-Württemberg, haben sich die Radikaleren breitgemacht.

Fall Kalbitz verschärft die Lage

Die Ankündigung des Verfassungsschutzes, die „Junge Alternative“ als Verdachtsfall zu behandeln, verschärfte Lohrs Probleme. Er versuchte, die JA aus der Schusslinie zu ziehen. Der besonders radikale niedersächsische Landesverband war bereits präventiv aufgelöst worden. (bnr.de berichtete) Bei einem Bundeskongress im Februar 2019 in Magdeburg beschlossen die Mitglieder zudem diverse Satzungsänderungen. Der Vorstand erhielt mehr Rechte, um unwillkommene Mitglieder geräuschlos wieder loszuwerden. Entschärft wurde zudem der „Deutschlandplan“, eine Art Grundsatzprogramm der JA. (bnr.de berichtete) Der AfD-Bundesvorstand belohnte Lohrs Bemühungen. Ende März dieses Jahres nahm er ihn als kooptiertes Mitglied ohne Stimmrecht in seine Reihen auf.

Der Grundkonflikt in der JA aber blieb, und er verschärfte sich noch einmal, nachdem der Parteivorstand beschlossen hatte, Kalbitz aus der AfD zu werfen. Und ebenso wie in der Partei, wo Jörg Meuthen Aufspaltungsideen propagierte, wuchsen auch in ihrer Nachwuchsorganisation die Zweifel am Konzept einer Einheit.

Vom Vorstand im Stich gelassen

Letzter Anstoß für Lohrs Rückzug war offenbar die Tatsache, dass er auch in wichtigen Fragen die JA-Spitze nicht mehr hinter sich wissen konnte. „Wenn die Mehrheit des Vorstandes der Meinung ist, dass ehemalige JA-Mitglieder, die ihrem Rauswurf kurz vor der Entscheidung mit einem Austritt zuvorgekommen sind, bei uns als Redner auftreten dürfen, dann konterkariert dies vieles aus dem vergangenen Jahr, in dem wir sehr viel Glaubwürdigkeit gewonnen haben“, schreibt er in seiner Rückzugsankündigung. „Eine solche Entscheidung ist völlig inakzeptabel und sendet politische Signale aus, für die ich den Kopf nicht hinhalten werde.“

Was genau er meint, ist öffentlich nicht bekannt. Womöglich aber missfallen ihm Veranstaltungen wie die „Badische Runde“, zu der die „Junge Alternative Südbaden“ am 16. August in Donaueschingen einlädt. Als Redner werden Andreas Kalbitz, Baden-Württembergs JA-Landesvorsitzender Jochen Lobstedt sowie Reimond Hoffmann angekündigt. Hoffmann wird vorgestellt als parlamentarischer Berater der AfD-Landtagsfraktion, Kreis- und Stadtrat in Rottweil, Mitbegründer der JA Südbaden und ehemaliger Ko-Landesvorsitzender der JA Baden-Württemberg. Nicht erwähnt wird, dass Hoffmann zu jenen sechs JA-Mitgliedern gehörte, deren Ausschluss aus der Jugendorganisation der AfD-Landesvorstand vor eineinhalb Jahren ultimativ verlangte, in Hoffmanns Fall wegen dessen Nähe zur „Identitären Bewegung“.

Kandidat Dünzel: „Unnötige Angriffsfläche vermeiden“

Insbesondere die JA in NRW scheint nun den Konflikt in der Organisation zu suchen. Sie besonders steht hinter Jonas Dünzel, der sich am vorigen Freitag als erster Kandidat für die Lohr-Nachfolge ins Gespräch brachte. „Die JA steht erneut vor einer Zerreißprobe“, schrieb der 26-jährige Zwickauer auf Facebook. Die durch „machtpolitische Einmischungen interessierter Kräfte“ herbeigeführte Selbstlähmung müsse aufhören. „Die JA braucht Führung und einen klaren Kurs.“ Er, Dünzel, stehe „für einen Neustart als zuversichtlicher Jugendverband, der nicht auf faulen Kompromissen beruht, sondern patriotische Jugendliche durch eine entschieden anschlussfähige Öffentlichkeitsarbeit an die AfD heranführt“.

Wichtig sei es, eine Beobachtung der JA durch das Bundesamt für Verfassungsschutz zu verhindern, betont Dünzel. Man müsse „Sorgen und Ängste junger Menschen ernstnehmen, die soziale Ächtung und berufliche Nachteile fürchten und deshalb nicht zu uns kommen bzw. austreten könnten“. Er halte es für einen „Fehlglauben, dass eine komplette Beobachtung von AfD und JA nicht zu verhindern sei. Wir haben es in der Hand, unnötige Angriffsfläche zu vermeiden und eine Verpöbelung unserer Mitglieder abzuwenden“.

Personalstreit beschäftigt JA und AfD weiter

Gerade einmal eine halbe Stunde nach seiner Kandidatur-Ankündigung sekundierte ihm die NRW-JA: Einstimmig habe deren Landesvorstand beschlossen, Dünzel zu unterstützen. „Wir brauchen auch auf Bundesebene einen entschieden vernünftigen Kurs mit klarer Führung und kein Weitergewurstel auf kleinstem gemeinsamen Nenner mehr“, erklärte JA-Landeschef Carlo Clemens.

Sein Wunschkandidat Dünzel dürfte nicht der einzige Bewerber für die Lohr-Nachfolge bleiben. Die radikaleren Teile der Organisation bringen JA-Bundesvize Hornuf ins Gespräch, der als AfD-Fraktionsgeschäftsführer im Landtag von Brandenburg arbeitet. Genannt wird auch Robert Teske, der Büroleiter von Björn Höcke im Thüringer Landtag. Wahrscheinlicher aber dürfte sein, dass die „Flügel“-orientierten Teile der Parteijugend einen Kandidaten präsentieren, der eher für eine Einheit der Organisation steht, als dies bei Hornuf und Teske der Fall ist. So oder so: Der Personalstreit wird neben der JA auch die AfD in den nächsten Monaten weiter beschäftigen.