Absonderliche Verschwörungsideologen

Von Armin Pfahl-Traughber
08.07.2020 -

Attila Hildmann und Xavier Naidoo – zwei radikalisierte Prominente auf stramm rechten Abwegen.

Das rechtspopulistische „Compact“-Magazin gibt den verschwörungsideologischen „Promis“ Hildmann und Naidoo Raum; (Screenshot)

Die „Compact“-Juni-Ausgabe brachte gleich zwei Interviews mit „Promis“. Dazu standen folgende Hinweise auf dem Titelblatt: „Xavier Naidoo – Das große Interview. Wie er wurde, was er ist – und warum das Regime ihn hasst“ und „So Gates nicht. Attila Hildmann im Interview“. Der Aufhänger für beide Gespräche war die öffentliche Kritik, die dem bekannten Koch Hildmann und dem prominenten Sänger Naidoo angesichts ihrer verschwörungsideologischen Positionen entgegenschlug.

Das rechtspopulistische „Compact“-Magazin machte aus ihnen verfolgte Nonkonformisten. Attila Hildmann spricht dort von „einem Land, für das unsere Großeltern geblutet haben“, womit historisch eigentlich nur der Zweite Weltkrieg gemeint sein kann. Er meinte auch, man habe „schon eine Art Weltregierung in Gestalt der WHO“. Bill Gates fühle sich „über seine Stiftung zum Diktator der ganzen Welt berufen“. Und die NATO bereite sich schon auf die zweite Infektionswelle vor, dies sei dann „ein militärischer Diktaturstaat.“ Hildmann fielen wohl die den Statements eigenen immanenten Widersprüche nicht auf.

Missionarisches Selbstverständnis

Danach interviewte „Compact“ den von dem Magazin geschätzten Naidoo in einem längeren Text. Bereits 2017 hatte man den Sänger auf das Cover gehoben und mit der Schlagzeile„Jagd auf Naidoo“ seine Sympathie bekundet. Demnächst soll sogar ein Sonderheft über ihn erscheinen: „Naidoo. Sein Leben, seine Lieder, seine Wut“. Im Gespräch behauptet der Sänger: „Europol oder eine ähnliche Institution hat ja gerade veröffentlicht, dass es eigentlich gar keine rechte Gewalt in Deutschland gibt“, was eine bloße Erfindung oder ein schlichter Irrtum ist. Er kann denn auch noch nicht einmal die genaue Institution nennen, welche angeblich zu einer solchen Einschätzung kommt, die nicht nur der Alltagswahrnehmung von Menschen, sondern auch den Daten der Sicherheitsbehörden widerspricht. Naidoo bekundete auch ernsthaft: „Ich kann erst ruhen, wenn den Deutschen Gerechtigkeit widerfährt.“ Erkennbar liegt dieser Einschätzung ein missionarisches Selbstverständnis zugrunde. Doch wie kommen diese beiden Personen mit Migrationshintergrund zu derartigen Positionen?

Starke religiöse Prägung mit apokalyptischen Bildern

Die Frage lässt sich gegenwärtig nicht beantworten, mangelt es dazu doch an genauerem Wissen. Während allerdings Hildmann mit seinen Statements überraschte, gab es hier eine Kontinuität bei Naidoo. Der 1971 geborene Sohn von Eltern, die aus Südafrika stammen, wurde 1998 durch sein Album „Nicht von dieser Welt“ mit deutschsprachiger Soulmusik bekannt. 2002 folgte ein weiteres Album „Zwischenspiel – Alles für den Herrn“, wo bereits die Benennung seine starke religiöse Prägung veranschaulichte. Damit einher gingen mitunter apokalyptische Bilder, die mit die Empfänglichkeit für Verschwörungsvorstellungen erklären dürften. In den folgenden Jahren machte Naidoo dann Karriere, erreichten seine CDs doch in den Hitparaden hohe Plätze. Darüber hinaus wurde er als Juror, Produzent und Schauspieler bekannt. Diverse Bekundungen lösten indessen immer wieder Skandale aus, was etwa zur Absage seines eigentlich fest geplanten Auftritts beim Eurovision Song Contest führte. Darüber hinaus hatten die Einwände gegen ihn kaum Konsequenzen.

Konspirationsideologische Vorstellungen

Dabei gab es vehemente Aussagen von dem Sänger: 2009 hieß es etwa in einem Lied: „Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“ Damit wurde unverkennbar auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild angespielt und deren Herrschaft auf die Politik suggeriert. Derartige verschwörungsideologische Aussagen ließen sich dann mit gewisser Regelmäßigkeit bei dem Sänger ausmachen. 2012 wurde eine vehemente Homosexuellenfeindlichkeit in einem Songtext deutlich, worin den Gemeinten kaum verdeckt Kindesmissbrauch und Pädophilie unterstellt wurde: „Ich schneide euch jetzt mal die Arme und Beine ab und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr’s mit den Kleinen macht“. Bei verschiedenen Gelegenheiten behauptete Naidoo auch, Deutschland sei ein besetztes und kein freies Land. 2014 äußerte er sich so bei einer Demonstration der „Reichsbürger“. Diese sah Naidoo wie sich selbst als„Systemkritiker“ an und verstärkte damit seine konspirationsideologischen Vorstellungen.

Fanatismus und Irrationalismus

Diese wurden auch 2017 in dem Lied „Marionetten“ zusammen mit den „Söhnen Mannheims“ deutlich, worin von den Politikern pauschal als „Puppenspielern“ die Rede war:„Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter. Teile eures Volks nennt man schon Hoch- bzw. Volksverräter. Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid. Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid.“ Derartigen Aussagen folgten noch viele andere Statements, die etwa die Gefahren der Fluchtentwicklung dramatisierten oder bei der Klimaschutzbewegung einen Satanismus nahe legten. Auch die Bedrohung durch Corona wurde geleugnet. Welchen Einflüssen der Sänger bei all dem erlegen ist, lässt sich nicht sagen. Gleichwohl wird deutlich, dass er Auffassungen reproduzierte, welche im neueren wie traditionellen Rechtsextremismus vertreten werden. Seine absonderliche religiöse Ausrichtung, die bereits in der Frühphase der Karriere feststellbar war, dürfte hinsichtlich des Fanatismus und Irrationalismus eine strukturelle Voraussetzung dafür geliefert haben.

„Selbstverstümmelung deutscher Werte und Kultur“

Bei Hildmann lässt sich hier noch eine schnellere Radikalisierung konstatieren. Er wurde1981 geboren und wuchs bei deutschen Adoptiveltern als türkischstämmiges Kind auf. Bekanntheit erlangte Hildmann später als Kochbuchautor, wobei er sich für vegane Ernährungsweisen aussprach. Indessen wurde er in der einschlägigen Szene aufgrund seiner persönlichen Unglaubwürdigkeit eher skeptisch gesehen. Über verschiedene Fernsehauftritte erreichte Hildmann eine gewisse öffentliche Präsenz. Politische Bekundungen wurden von ihm lange Zeit nicht bekannt. Jedoch äußerte er bereits 2016 bezogen auf die Flüchtlingsentwicklung: „Integration ist in Deutschland ein heikles Thema aufgrund der deutschen Vergangenheit, was zu einer aktuellen Selbstverstümmelung deutscher Werte und Kultur führt.“ Eine solche Aussage geht über eine begründbare Kritik hinaus, sind doch nicht die Entwicklung selbst, sondern deren angebliche Folgen thematisiert worden. Und dabei lässt sich eine klassische nationalistische Grundauffassung konstatieren.

„Deutscher Nationalist“ gegen den „Judenstamm“

Dass diese Einschätzung berechtigt ist, machten dann nach Ausbruch der Corona-Krise die Kommentare zu den Schutzmaßnahmen deutlich. Hildmann bezeichnete sich dabei selbst als „deutschen Nationalisten“, der gegen den „Judenstamm“ der „Zionisten“ eingestellt sei. Letztere versuchten schon lange, „die deutsche Rasse auszulöschen“. Bereits nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sei dies durch Reparationszahlungen versucht worden. Die Deutschen habe Hitler davor schützen wollen, er wäre im Gegensatz zu Angela Merkel „ein  Segen“ gewesen. Diese sei von eben dem „Judenstamm“ als Kanzlerin eingesetzt worden und darüber hinaus selbst Jüdin. Insofern gehöre sie wie die Rothschilds oder Soros dem gleichen Stamm an. Aufgrund der völligen Absurdität und Aggressivität derartiger Behauptungen distanzierten sich auch einige Gegner der Pandemie-Schutzmaßnahmen von ihm, unterstellte man Hildmann doch sogar, er sei zur Diskreditierung der Protestbewegung von der Regierung vorgeschickt worden. Naidoo stellte sich allerdings öffentlich auf seine Seite.

Öffentlich bekannte Personen mit relevanter Fangemeinschaft

Auch hier ist unbekannt, wie dieser Prominente zu seinen Vorstellungen kam. Er erwähnte einmal gelegentlich, dass ihn der RT-Sender bezüglich solcher Themen sensibilisiert hätte. Indessen finden sich dort zwar auch konspirationsideologische Darstellungen, jedoch nicht in dieser spezifischen Form. Denn gerade die erwähnten antisemitischen Bilder stehen eher für eine neonazistische Sicht. Indessen existieren im Internet diverse Seiten, die eine inhaltliche Kombination der unterschiedlichsten Verschwörungsvorstellungen vornehmen. Bezogen auf Hildmann wie Naidoo kann verständlicherweise gefragt werden, ob man derartige Absurditäten überhaupt zur Kenntnis nehmen und nicht kommentarlos der Lächerlichkeit preisgeben sollte? Doch ergibt sich nicht ein Gefahrenpotenzial aus der inhaltlichen Qualität, sondern der schlichten Wirkung. Beide sind mit einer relevanten Fangemeinschaft ausgestattete öffentlich bekannte Personen, die eben dadurch auch eine bedenkliche Resonanz entfalten können. Als Chance für sich hat dies offenbar das „Compact“-Magazin verstanden.