Abkupfern vom Feindbild

Von Armin Pfahl-Traughber
09.11.2017 -

Der Journalist Thomas Wagner erörtert in seinem Buch "Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten" das widersprüchliche Verhältnis der im Untertitel genannten Akteure.

 

Die Neue Rechte hat Aktionsformen der 68er übernommen; (Screenshot, Verlagsseite)

Die Neue Rechte hat eine ambivalente Einstellung zu den Achtundsechzigern: Einerseits beschwört man eine „Kriegserklärung“ gegen sie, andererseits übernimmt man ihre Handlungsweisen für die eigene Strategie. Dies ist Grund genug, das Verhältnis einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Eine solche verspricht der promovierte Soziologe Thomas Wagner, der als freier Autor für verschiedene Zeitungen von der „Süddeutschen“ bis zur „Jungen Welt“ schreibt, in seinem Buch „Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten"“.

Als Einstieg berichtet Wagner von einer Kundgebung und kommentiert diese mit folgenden Worten: „Die politische Rechte greift auf Sprüche und Aktionsformen zurück, die man seit den Tagen der Achtundsechziger-Studentenrevolte vor allem mit der Linken in Verbindung bringt. Besonders beliebt sind gezielte Provokationen“. (S. 11) Wie kam es zu dieser Entwicklung, und wie kann man das widersprüchliche Verhältnis deuten? Diese Fragen will Wagner mit dem historischen Rückblick auf die Neue Rechte seit 1968 beantworten.

„Kulturrevolution“-Konzept in Anlehnung an Gramsci

Zunächst erinnert der Autor aber an den konservativen Soziologen Arnold Gehlen, der mit seiner Kritik der „Hypermoral“ auch heute noch von den Neuen Rechten geschätzt wird. Anschließend geht Wagner auf die Entwicklung der Nationalrevolutionäre in den 1970er Jahren ein und berichtet von Gesprächen mit deren wichtigstem Vordenker Henning Eichberg. Größere Aufmerksamkeit findet auch die französische Neue Rechte um Alain de Benoist und Dominique Venner.  Dabei darf dann der Hinweis auf deren „Kulturrevolution“-Konzept, das in Anlehnung an den italienischen Marxisten Antonio Gramsci entstand, nicht fehlen. In diesem Zusammenhang werden auch ein früher „Antiimperialismus“ und „Befreiungsnationalismus“ erörtert.

In dem Abschnitt über „Ethnopluralismus“ finden sich Auszüge aus Interviews mit Ellen Kositza und Götz Kubitschek. Beide gelten als wichtige Repräsentanten der gegenwärtigen Neuen Rechten. Sie kommen später bei der Dokumentation eines Gesprächs zum Gewaltverständnis auch noch einmal gesondert zu Wort. Nachgezeichnet wird auch die Entwicklung der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und deren Bruch mit dem Institut für Staatspolitik.

Faszination für den Eurofaschismus

Der Autor hebt die Bedeutung von Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk als „Türöffner“ für eine „Rechtsentwicklung“ im intellektuellen und öffentlichen Diskurs hervor. Als eine nicht direkte, aber indirekte Folge davon gelten die Mobilisierungserfolge von Pegida und die Wahlerfolge der AfD. Gleiches über die „Identitäre Bewegung“ gesagt werden, die dann Aufmerksamkeit findet. Thomas Wagner dokumentiert hier Interviewaussagen mit Martin Sellner, dem bedeutendsten Sprecher dieser Szene im deutschsprachigen Raum. Und dann kommt er wieder auf das Institut für Staatspolitik und dessen publizistisches Umfeld zurück. Betont wird die dort kursierende Faszination für den Eurofaschismus, aber auch die Kenntnis von als typisch links geltender Debatten und Positionen. Beides sieht Wagner in Benedikt Kaiser, der in der Zeitschrift „Sezession“ schreibt und für den Verlag Antaios arbeitet, vereint.

Wagner hat ein journalistisches Buch vorgelegt, das von einer lockeren Schreibe geprägt ist. Die Interviews mit vielen Protagonisten der Szene geben ihm eine besondere Note. Und auch die Fachkenntnis des Autors und den Informationsgehalt des Werkes kann man nicht abstreiten. Er bleibt aber meist einer beschreibenden Darstellung verhaftet, wobei er in seiner kenntnisreichen Monographie gelegentlich auch den Schwerpunkt aus dem Auge verliert. Was Wagner genau unter „Neue Rechte“ versteht, bleibt unklar. Eigentlich meint man damit eine Intellektuellen-Gruppe, die sich auf die Gedankenwelt der Konservativen Revolution beruft. Wagner nennt aber viele Akteure und Phänomene ohne derartige Bezüge. Er dokumentiert und referiert auch Aussagen der gemeinten Neuen Rechten und fordert gegen Ende eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen. In seinem Buch bleibt er aber selbst einer Beschreibung  ohne genauere Kritik verhaftet. Beim Interview mit Götz Kubitschek zum Gewaltverständnis hätte man durchaus kritischer nachfragen können. Und schließlich: Im Verlauf des Buches geht das eigentliche Thema - die Neue Rechte und die Achtundsechziger - immer wieder verloren.

Thomas Wagner, Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten, Berlin 2017 (Aufbau-Verlag), 351 Seiten, 18,95 Euro.

Weitere Artikel

Kleinverlag für die Neue Rechte

31.05.2017 -

Der Jungeuropa-Verlag aus Dresden veröffentlicht Schriften bekannter rechtsextremer Intellektueller aus Frankreich.

Die Neue Rechte auf der Straße

31.08.2017 -

Martin Sellner, das Gesicht der „Identitären Bewegung“, legt ein Buch über die Strategien der Bewegung vor.

Rechte Burschenschaft lädt zur Denkfabrik

21.06.2017 -

Auf dem Haus der „Burschenschaft Danubia“ in München finden vom Freitag bis Sonntag die „Bogenhausener Gespräche“ statt.

Neurechter Provokateur

19.02.2016 -

Ideologische und strategische Auffassungen eines „Legida“- und „Pegida“-Redners. Ein erneuter Blick in Götz Kubitscheks Buch „Provokation“.