Die Misstrauensgesellschaft der Querdenker

Von Armin Pfahl-Traughber
15.09.2021 -

An wissenschaftlichen Analysen zur Querdenker-Bewegung mangelt es noch. Erste Ergebnisse der Forschung zu Internetnutzung, Selbstverständnis und Strukturmerkmal enthält ein Sammelband.

Teilnehmer einer Querdenken-Demo in Stuttgart, Foto: Thomas Witzgall

Über die Corona-Protestler wurde in den Medien häufig berichtet. Dadurch entstand das Bild von ganz unterschiedlichen Protestgruppen, wozu Dauerkritiker und Esoteriker, Kleinunternehmer und Rechtsextremisten, Selbstermächtigte und Verschwörungsideologen zählen. An genaueren Analysen mangelte es dazu, die erschienenen Sammelbände blieben eher beschreibend. Und die wenigen empirischen Analysen stützten sich auf nicht repräsentatives Datenmaterial.

Dem wollen die Autoren eines Sammelbandes mit folgendem Titel etwas entgegen setzen: „Die Misstrauensgemeinschaft der ‚Querdenker‘. Die Corona-Proteste aus kultur-und sozialwissenschaftlicher Perspektive“. Herausgegeben hat ihn der Historiker Sven Reichardt von der Universität Konstanz. Seine Autoren arbeiten dort als Kultur- und Sozialwissenschaftler. Hinzu gekommen sind Angehörige des Dresdener Hannah-Arendt-Instituts, welche die ostdeutsche Dimension anhand von Sachsen untersuchen. Damit dominiert der qualitative Ansatz mangels repräsentativer Studien.

„Die Querdenker bilden … eine Misstrauensgemeinschaft“

Dieses Defizit gleicht auch nicht eine Online-Befragung aus, bleibt die Auswahl der Befragten dadurch doch von deren aktiver Bereitschaft abhängig – und dafür kann es besondere Gründe geben, welche wiederum zu schiefen Resultaten führen. Gleichwohl sind auch diese Erkenntnisse von Interesse, mangelt es doch schlicht an Alternativen zu diesem Datenmaterial. Als ein Ergebnis wird konstatiert: „Die Teilnehmenden an den Corona-Protesten sind im Durchschnitt um die 50 Jahre alt und haben überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse; dabei ist die Gruppe der Selbständigen unter den Teilnehmenden überrepräsentiert.“

Die Befragten hätten hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung eher eine pessimistische Zukunftsperspektive. Bilanzierend hießt es: „Die ‚Querdenker‘ bilden eine ‚Misstrauensgemeinschaft‘ …“. Sie seien gegen die Medien und Politik, aber offen für Verschwörungsvorstellungen. Dieses Motiv gehe mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein mit starker moralischer Überlegenheit einher.

Internet-Nutzung der „Querdenker“

Die meisten anderen Beiträge gehen aber auf eigene Beobachtungen oder qualitative Interviews zurück, wobei auch die Existenz einer eigenen Weltsicht deutlich wird. Anschaulich ist hierbei die Rede von „Wissensparallelwelten“, woraus ein Avantgardebewusstsein mit Selbstermächtigungsanspruch abgeleitet wird. Dabei handelt es sich um eine treffende Beobachtung zu Einstellungen und Mentalitäten, die man aber bei noch ganz anderen Protestbewegungen ebenfalls ausmachen kann.
 
Durch die Fixierung auf das Internet als Kommunikationsraum verschärfen sich solche Resonanzen noch. Auch für die Corona-Bewegung sind derartige Gesichtspunkte von besonderer Relevanz, was eigenständige Analyse eben zu dieser Mediennutzung erklärt. Insbesondere Telegram entfaltet eine solche Wirkung - und auch darum geht es anhand von Beispielen ausführlicher. Und schließlich werden noch die Rhetoriken und Symbole näher untersucht, wobei die Beschwörung von Frieden, Freiheit und Liebe mit Verschwörungsdenken verbunden ist.

Forschungsergebnisse als Momentaufnahme

Den fragmentarischen Charakter des Sammelbandes kann man kritisch hervorheben, indessen ist gegenwärtig für ein solches neues Phänomen mehr nicht möglich. Es wird darüber hinaus deutlich, dass man es mit einer heterogenen und nicht einer homogenen Protestbewegung zu tun hat. Diese Einsicht verbietet vorschnelle Verallgemeinerungen. Die Autoren belassen es darüber hinaus meist bei der Beschreibung von Handlungen und Positionen, ohne sie hinsichtlich ihrer politischen Folgen und Relevanz näher einzuschätzen. Auch dies erklärt sich durch den gewählten Forschungsansatz wie das begrenzte Wissen. Deutlich werden auch immer wieder formale Merkmale, die für den Populismus allgemein Strukturprinzipien bilden. „Misstrauensgemeinschaft“ ist auch eine gute Sammelbezeichnung. Es bedarf darüber aber noch weiterer Analysen, das hier sind aber wichtige Momentaufnahmen.

Sven Reichardt (Hrsg.), Die Misstrauensgemeinschaft der „Querdenker“. Die Corona-Proteste aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive, Frankfurt/M. 2021 (Campus-Verlag), 323 S.

Erschienen in: Ausgabe