Zwei Ex-Funktionäre berichten aus dem AfD-Innenleben

Von Armin Pfahl-Traughber
13.07.2021 -

Nicolai Bodaghi und Alexander Leschik gehörten zu den jüngeren Funktionären der AfD. In ihrem Buch „Im Bann der AfD“ berichten sie aus dieser Zeit. Chats voller Hassbotschaften Machtkämpfe um Posten und eine Fülle dubioser Spendengelder prägen das Parteileben.

Die AfD bemüht sich um ein bürgerliches, konservatives und seriöses Image. Doch immer wenn der Blick hinter die Kulissen dieser Selbstdarstellung möglich wird, zeigt sich ein ganz anderes Bild, das nicht nur von rechtsextremistischen Auffassungen, sondern auch von rabiaten Machtkämpfen, schlechtem Sozialverhalten und finanziellen Unregelmäßigkeiten geprägt ist. Davon zeugen auch einige mittlerweile vorliegende „Aussteigerberichte“. Gemeint sind damit Darstellungen von ehemaligen Parteimitgliedern, die mit der AfD gebrochen haben und eine öffentliche Distanz vollziehen. 
So interessant dabei der Blick in das Innenleben der Partei ist, so bedarf es vom Grundsatz her aber auch immer einer gewissen Skepsis. Denn die jeweiligen Autoren präsentieren nur eine subjektive Sicht. Sie kann durch persönliche Auffassungen mit einer inhaltlichen Verzerrung verbunden sein. Indessen: Wenn die meisten Aussteigerberichte von ähnlichen Entwicklungen und Zuständen berichten, dann spricht dies doch in der bilanzierenden Gesamtschau für eine zutreffende Schilderung.

Ehemalige jüngere AfD-Funktionäre berichten über das Innenleben

Dies gilt auch für eine neuere Buchveröffentlichung in diesem Sinne. Sie stammt von zwei ehemaligen jüngeren Funktionären der Partei: Nicolai Boudaghi, Jahrgang 1991, trat 2013 in die AfD ein und war stellvertretender Bundesvorsitzender der „Jungen Alternative“, und Alexander Leschik, Jahrgang 2000, der 2015 in die Partei eintrat und dort auch der „Arbeitsgruppe Verfassungsschutz“ angehörte. Boudaghi trat im September 2020, Leschik im April 2021 aus. Zusammen legten sie das Buch „Im Bann der AfD. Chats, Worte, Taten. Zwei Kronzeugen berichten“ vor. 
Die einzelnen Kapitel enthalten jeweils getrennte Texte beider Verfasser. Zunächst geht es auch um deren persönliche Entwicklung in die Partei, wo sie sich durchgängig als „Gemäßigte“ verstanden, indessen die „Radikalen“ nicht wirklich kritisch angingen. Beteiligt waren die Autoren auch an diversen Chatgruppen, wo der eigentliche innere „Diskurs“ zumindest in der Jugendorganisation deutlich wird. Denn ausgiebig zitieren sie aus den einschlägigen Kommentaren, die ein bezeichnendes Licht auf die Partei werfen.

Chats voller Hassbotschaften, Höcke als Kultfigur

In der scheinbaren Anonymität und Sicherheit übertraf man sich jeweils an Wutbotschaften, die mitunter in Gewaltphantasien und NS-Anspielungen gipfelten. Gleich zu Beginn werden Beispiele aus Facebook, Telegram und WhatsApp genannt: „Das einzige Ticket, das ich einem Flüchtling wirklich geben würde, wäre ein Expresszug nach Auschwitz-Birkenau“., „Es ist absurd zu behaupten, Juden sind Deutsche.“ oder „Schwule sind in meinen Augen meistens Viecher.“ Dann werden auch viele Begegnungen geschildert, wobei insbesondere die Akteure des „Flügels“ thematisiert werden. 
Sie hätten schrittweise immer mehr Einfluss in der Partei erlangt, auch im Jugendverband, habe sich dort doch um Höcke ein wahrer Kult entwickelt. Grußformen wie „Heil Höcke, Kameraden!“ seien nicht nur provokativ-spaßig gemeint gewesen. Neben derartigen Ereignissen werden die gehässigen Machtkämpfe thematisiert. Auch „Die AfD und das Geld“ ist ein kurzes Thema, wobei es allgemein um entstandene Schulden wie kuriose Millionenspenden geht. 

Interessanter Einblick in das nicht-öffentliche Parteiinnenleben

Mitunter ermüden indessen bei der Lektüre die immer gleichen Schilderungen, die aber auch bezeichnende Blicke auf den Charakter vieler Parteifunktionäre werfen. Die als gemäßigt Geltenden erscheinen dabei als frühere Hoffnungsträger, wobei ihr bedenkliches Agieren nicht kritisch genug reflektiert wird. Dies gilt etwa für Uwe Junge und Georg Pazderski. Beachtlich sind randständige Anmerkungen, etwa bezogen auf die „Antifa“. Sie habe „für das Teambuilding der AfD über Jahre eine wichtige Rolle gespielt“ (S. 28). 

Durch ein Agieren wie das von ihr seien auch Brüche nicht so einfach gewesen. Über Ausstiegswillige heißt es: „Draußen erkennen sie … überwiegend Feinde. … Es ist … nicht leicht für sie, das AfD-Milieu zu verlassen. Oft fehlen ihnen überhaupt erst mal Leute, bei denen sie nach einem Ausstieg sozial andocken können“ (S. 224). Derartige Betrachtungen hätte es ruhig mehr geben können. Ansonsten enthält das Buch nicht viele neue Erkenntnisse, gibt aber mit vielen Details einen interessanten Einblick in das nicht-öffentliche Parteiinnenleben. 

Nicolai Boudaghi/Alexander Leschik, Im Bann der AfD. Chats, Worte, Taten. Zwei Kronzeugen berichten, München 2021 (Europa Verlag); 232 S., 18 Euro