Zeugenaufruf 31 Jahre nach tödlichem Brandanschlag

Von Sebastian Lipp
01.12.2021 -

31 Jahre nachdem ein fünfjähriger Junge bei einem Brandanschlag in Kempten im Allgäu ums Leben gekommen ist, sucht die Polizei jetzt mit einem Zeugenaufruf nach den Neonazis, die sich damals zu der Tat bekannten.

Erst nach Recherchen von Zeit online und Allgäu rechtsaußen wurde der Fall wieder aufgerollt, Foto: Symbol

„Wir werden nicht ruhen, bis Kempten von allen undeutschen Kreaturen befreit ist“, drohten Neonazis vor rund 31 Jahren in einem mit Hakenkreuz und Runenschrift versehenen Schreiben, in dem sie sich zu einem Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in der Allgäu-Metropole bekannten. Kempten solle die „erste Stadt sein“, die „nicht von Schwulen, Linken, Ausländern und anderen Schweinen geplagt“ werde. Bis heute konnte die Polizei nicht ermitteln, wer hinter der „Anti Kanaken Front Kempten“ steckt, von der das Pamphlet stammt und den Brandanschlag nicht aufklären.

Deshalb suchen die Ermittler*innen in einem gemeinsamen Aufruf mit der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Generalstaatsanwaltschaft München nun nach Zeug*innen: „Wer kann Angaben zum Geschehen, dem Schreiben selbst, zur möglichen Gruppierung „Anti-Kanaken-Front-Kempten“ (ggf. auch ohne den Zusatz „Kempten“) oder etwaigen Mitgliedern der Gruppierung oder zum Verfasser des Schreibens machen?“ Im Fokus der Ermittlungen stehe das Bekennerschreiben. Wer Beobachtungen im Zusammenhang damit oder dem Brand gemacht und bislang nicht von der Polizei kontaktiert wurde, solle sich bitte dort melden. Zeug*innen, die sich lieber nicht an die Polizei wenden möchten, können sich vertraulich an Allgäu rechtsaußen wenden.

Hochgestuft zu Mord

Die bis heute unbekannten Täter dringen damals in der Nacht auf den 17. November 1990 in das Gebäude am Rande der Kemptener Innenstadt ein, betreten das hölzerne Treppenhaus, verschütten vor den Wohnungen im zweiten und dritten Stockwerk eine brennbare Flüssigkeit und zünden sie an. Der Teenager Ghökan S., seine damals 18-jährige Schwester Zeynep und ihre Mutter retten sich durch einen Sprung aus dem Fenster. Erst Minuten später holen Feuerwehrleute den kleinen Sohn der Familie mit einer Drehleiter aus dem Kinderzimmer, aus dem bereits dunkler Rauch quillt. Der Fünfjährige erliegt später einer Rauchvergiftung.

Obwohl das Bekennerschreiben damals bereits vorlag, konnten die Täter bis heute nicht ermittelt werden. Bereits nach weniger als zwei Jahren stellte die Staatsanwaltschaft Kempten das Verfahren wegen schwerer Brandstiftung gegen Unbekannt ergebnislos ein. Erst als Recherchen von Zeit online und Allgäu rechtsaußen den Fall wieder aufrollen, erfahren die Hinterbliebenen 30 Jahre nach dem Tod ihres Sohnes, dass dieser Opfer eines Neonazi-Anschlages geworden sein dürfte. Daraufhin zog die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Generalstaatsanwaltschaft München Ende 2020 das Verfahren an sich, stufte den Tatvorwurf zum Mord hoch und beauftrage eine Sonderkommission mit der Wiederaufnahme der Ermittlungen.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen