Werteunion-Mitglied spricht auf Querdenken-Demo von Diktatur

Von Michael Klarmann
26.04.2021 -

Max Otte, bis Anfang Januar noch Vorsitzender des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung (DES), trat am Samstag zweimal bei Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen auf. Er könnte einen ähnlichen Weg gehen wie der AfD-nahe und verschwörungsideologische Aktivist Thorsten „Silberjunge“ Schulte.

Max Otte sprach in Aachen u.a. auch von Great Reset, Foto: Michael Klarmann.

Schulte, vor vielen Jahren noch als Unternehmensberater, Investmentbänker und Experte für den Handel mit Silber tätig, näherte sich der „Querdenken“-Szene Mitte 2020 an. Seitdem tritt er regelmäßig bei Protesten gegen die Schutzmaßnahmen als Redner und zuletzt auch als Mitorganisator von Versammlungen in Erscheinung. Otte selbst war bisher nur zweimal als Redner auf solchen Versammlungen aufgetreten, nämlich im Mai 2020 in Stuttgart und in Darmstadt. Nun trat er am Samstag in Düsseldorf und Aachen gleich zweimal an einem Tag hintereinander auf.

Die Kundgebung in Düsseldorf war von einer „Querdenken“-ähnlichen Studierenden-Initiative organisiert worden. In Aachen sprach Otte später am 24. Februar auf einer „Querdenken“-Veranstaltung, auf der auch der Gründer der unterdessen vom baden-württembergischen Verfassungsschutz beobachteten Bewegung, Michael Ballweg, eine Rede hielt. Unter den rund 400 Teilnehmenden waren Linksalternative, Vertreter der Partei Die Linke, Verschwörungsgläubige, radikale Impfgegner und Esoteriker sowie AfD-Mitglieder und vereinzelt auch „Reichsbürger“ und Rechtsextremisten. Markus Wiener, einst Funktionär und Politiker der unterdessen aufgelösten rechtsradikalen Parteien „Pro NRW“ und „Pro Köln“ sowie zeitweise für den nordrhein-westfälischen AfD-Landtagsabgeordneten Roger Beckamp tätig, war ebenso in Aachen.

Trink- und Kampflieder

Nachdem Otte im Januar die DES verlassen hatte, teilte er Medienberichten zufolge mit, er habe sich in der Stiftung engagiert, „um eine Klammer zu sein im bürgerlichen Lager, zwischen der AfD auf der einen und CDU/CSU auf der anderen Seite“. Die AfD sei inzwischen jedoch tief zerstritten, was zu einem großen Teil an dem Parteivorsitzenden Jörg Meuthen liege, teilte der Unternehmer, Fondsmanager und Publizist seinerzeit mit. Die Stiftung habe sich in diesen Konflikt hineinziehen lassen, so Otte. Er selbst gehört der Werteunion von CDU-Mitgliedern an, einer konservativen Vereinigung, zu deren prominenteren Mitgliedern der frühere Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen gehört.

Ungeachtet dessen dass Otte im September auch auf dem für Investoren interessanten „Go for Gold Kongress 2021“ reden soll, scheint er sich ähnlich wie der „Silberjunge“ zu einem vermeintlich Linken von Rechts zu mausern. Fast schon hippiesk leitete er seine Rede in Aachen als Gitarrist und Sänger ein und spielte den Klassiker und Protestsong der Band „bots“ aus den Zeiten der 68er, „Sieben Tage lang“ („Was wollen wir trinken?“). Das Publikum war begeistert, denn politische Trink- und Kampflieder sprechen offenbar sowohl Linke als auch Rechte an. Selbst auf dem von Otte einst veranstalteten „Neuen Hambacher Fest“ hätte das Lied vielleicht die Stimmung lockern und den Kampfgeist stärken können.

Otte sieht Diktatur kommen

Otte sprach in Aachen über den seiner Meinung nach vorbereiteten „Großen Reset“, angelehnt auch an die Verschwörungsmythen um das Buch vom Chef des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab. Otte sagte, er selbst meine mit dem „Reset“ den Umbau der Wirtschaft vom Analogen ins Digitale. Der „Reset“ werde „brutal vorangetrieben“ und führe „direkt in die Diktatur“ oder ähnliche autoritäre Regierungsformen, sagte Otte. Dagegen müssten „wir uns“ wehren und das Menschliche verteidigen. Man nähere sich derzeit der „ersten Diktatur“ an in seinem Leben, sagte Otte.

Dann indes folgte ein Schwenk wie ihn vor rund einem Jahr ähnlich auch der „Silberjunge“ zelebrierte. Otte gab zwar zu, hautberuflich mache er „irgendwas an der Börse“. Nebenbei empfahl er dann indes auch die Lektüre des Werks „Das Kapital“ von Karl Marx. Zudem riet Otte dazu, die Menschen müssten investieren in „Sozialkapital“, also in zwischenmenschliche Bindungen, Freundschaften und in Netzwerke. Jenes „Sozialkapital“ wolle „man uns klauen“, dabei sei es das „wichtige“ Kapital, sagte Otte. Und es gehe nun darum Widerstand zu leisten „bis sich die Situation wieder normalisiert hat“. Otte wünschte seinem oben beschriebenen Auditorium dafür Kraft, Mut und Ausdauer.

Auch auf die umstrittene und seit Tagen viel diskutierte, provokative Kampagne „Alles dicht machen“ von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern ging Otte in Aachen kurz ein. Er „habe so munkeln gehört“, dass das noch nicht das Ende gewesen sei. Es werde in wenigen Tagen noch etwas folgen, raunte er wissend von der Bühne.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen