„Volkstod“ in historischer Kontinuität

Von Armin Pfahl-Traughber
29.11.2019 -

Die Verwendung von Schlagworten wie „Umvolkung“ und der „Große Austausch“ hat in extrem rechten und auch teilweise sich konservativ verstehenden Szenen eine lange Tradition.

Rechte Untergangsszenarien und Verschwörungsmythen sind kein neues Phänomen; (Screenshot, Verlagsseite)

Von der AfD über die „Identitären“ und die NPD bis zur Neonazi-Szene gibt es gegenwärtig einen agitatorischen Schwerpunkt: die dramatisierende Klage über eine bevorstehende „Umvolkung“ und einen kommenden „Volkstod“. Einschlägige Behauptungen werden auch mit anderen Schlagworten verbunden, wozu der „Große Austausch“ an vorderster Stelle gehört. Dabei beziehen sich die jeweiligen rechtsextremistischen Akteure auf aktuelle Ereignisse, die mit dem Anstieg der Flüchtlingsentwicklung ebenso wie mit dem Rückgang der Geburtenrate verbunden sind. Einschlägige Entwicklungen werden dramatisierend aufgegriffen und dann mit einer rechtsextremistischen Ideologie inhaltlich verknüpft. Doch nur auf den ersten Blick handelt es sich um ein neues Phänomen, neu ist nur der Bezug auf gegenwärtige Entwicklungen. Dass ein solcher Diskurs eine lange historische Tradition hat, machen Gideon Botsch und Christoph Kopke deutlich.

„AfD hat sich früh jener Verschwörungsmythen und Feindbilder angenommen“

Die beiden Politikwissenschaftler legen mit „‘Umvolkung‘ und ‚Volkstod‘. Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia“ hierzu eine kleine Studie vor. Damit ist eine Abhandlung gemeint, die nicht über 40 reine Textseiten hinauskommt. Gleichwohl wird darin bezogen auf den gemeinten Diskurs eine historische Kontinuität verdeutlicht. Am Beginn geht es zunächst um die neue Bundestagspartei: „Mit der Rede von einer angeblichen ‚Umvolkung‘ und dem so genannten Volkstod der Deutschen, hat sich die AfD früh jener Verschwörungsmythen und Feindbilder angenommen, die bis dato nur im rechtsextremen Spektrum geteilt wurden“ (S. 8f.). Tatsächlich gibt es eine solche Kontinuität wie Präsenz nur im Rechtsextremismus. Insofern ist allein die Aufmerksamkeit für diese Diskursübernahme eine interessante Feststellung. Diese gilt aber nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit, was dann an vielen Beispielen mit einschlägigen Zitaten verdeutlicht wird.

Degenerations- und Untergangsszenarien in vielen früheren Schriften

Dabei zeigt sich, dass die Agitationsmuster in heute Rechtsrock-Songs mit denen der früheren Völkischen übereinstimmen. Denn die gemeinten Degenerations- und Untergangsszenarien findet man bereits in vielen früheren Schriften. Das bekannteste Beispiel dafür dürfte Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ sein, worauf sich heute noch die Neue Rechte positiv bezieht. Andere Autoren und Bücher sind weitgehend vergessen und meist in den 1930er Jahren einflussreich gewesen. So erschien bereits 1932 ein kleines Buch mit dem Titel „Volkstod?“, worin ein Reinhold Lotze mit Rekursen auf Spengler seine Untergangsbeschwörungen verfasste. Einschlägige Denkungsarten fanden dann auch ihre Fortsetzung in der Nachkriegszeit. Hier verweisen die Autoren etwa auf den Diskurs in „Nation Europa“, einem seinerzeit sehr einflussreichen rechtsextremistischen Strategie- und Theorieorgan. Auch das „Heidelberger Manifest“ von 1981 wird angesprochen.

„Bestandteile des Bildes werden immer wieder mobilisiert und neu montiert“

Bilanzierend heißt es: „Die einzelnen Bestandteile dieses Bildes werden seit Jahrzehnten in der extremen Rechten, aber auch in einer sich oft selbst als konservativ verstehenden Szene, etwa bei sogenannten ‚Lebensschützern‘, in unterschiedlicher Gewichtung immer wieder mobilisiert und neu montiert bzw. unterschiedlich verknüpft“ (S. 35). Dies machen die beiden Autoren, die durchgängig eher als Historiker schreiben, obwohl sie Politikwissenschaftler sind, anhand von vielen Fallbeispielen und Quellen über die Zeit anschaulich deutlich. Damit belegen sie, dass die Gemeinten keineswegs primär gegenwärtige Probleme ansprechen wollen. Vielmehr besteht eine Kontinuität bei den einschlägigen Vorstellungen. Diese müssen insofern kaum etwas mit realen Entwicklungen in einer Gesellschaft zu tun haben. Damit zusammenhängende Gesichtspunkte hätten noch stärker betont werden können. Aber auch unabhängig davon werden die ideengeschichtlichen Kontinuitäten gut belegt.

Gideon Botsch/Christoph Kopke, „Umvolkung“ und „Volkstod“. Zur Kontinuität einer extrem rechten Paranoia, Ulm 2019 (Verlag Klemm + Oelschläger), 46 Seiten, 10,-- Euro.