„Voice of Anger“-Konzert in Süddeutschland

Von Sebastian Lipp
17.07.2018 -

Am Samstag feierten bis zu 200 Neonazis mit Bands aus dem Umfeld von „Blood&Honour“ und den „Hammerskins“. Nachdem die bayerische Polizei die Veranstaltung verhinderte, wichen die Rechten einfach über die nahe Landesgrenze nach Baden-Württemberg aus.

Verbotenes Rechtsrock-Konzert jenseits der bayerischen Grenze durchgezogen; (Screenshot, Veranstaltungsflyer)

Die Neonazi-Kameradschaft „Voice of Anger“ führte am vergangenen Samstag ein konspirativ organisiertes Konzert in Süddeutschland durch. Das Portal „Allgäu rechtsaußen“ veröffentlichte am Dienstag ein Flugblatt, aus dem hervorgeht, dass wohl die Band „Mistreat“, „Kommando Skin“, „Proissische Herzbuben“ und „Kotten“ auf der Bühne standen. Bis dato war unbekannt, wen „Voice of Anger“ zur Veranstaltung eingeladen hatte, die Polizei sprach lediglich von „vier Bands“.

Trotz aller Konspirativität erfuhren bayerische Behörden von den Konzertplänen für den 14. Juli und erließen kurzfristig ein Verbot. Die Polizei verhinderte den Aufbau eines Festzeltes bei Memmingen im Unterallgäu. Dennoch konnte das Konzert stattfinden. Die bis zu 200 aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland angreisten Neonazis wichen einfach in den benachbarten Landkreis Ravensburg jenseits der bayerischen Grenze aus, wo sie in Stockbauren bei Aichstetten ungestört feiern konnten. Die Polizei postierte sich in der Umgebung und kontrollierte die Anreise.

„Angry, Live and Loud“ in zweiter Auflage

Das Konzert unter dem Motto „Angry, Live and Loud 2“ ist bereits die zweite Veranstaltung, die unter diesem Titel stattfand. Erst Anfang Oktober vergangenen Jahres traten „Kommando Skin“ im Kreis Ravensburg auf. Auch damals hatten „Voice of Anger“ zu einem Event unter dem Motto „Angry, Live and Loud“ auf ein nur wenige Kilometer von dem letzten Konzert entferntes Gehöft geladen. Die Immobilie war kurz zuvor in das Eigentum eines Anhängers der Allgäuer Neonazi-Kameradschaft übergegangen. Die örtliche Zivilgesellschaft befürchtet, dass sich in der Region ein neuer Brennpunkt rechtsextremer Aktivitäten etablieren könnte und fordert die Behörden zum Handeln auf.

„Mistreat“, die Ende der 80er Jahre gegründet wurde, gilt als erste finnische Band, die ein Musikalbum mit rassistischen Texten veröffentlichte. Ein Großteil der von „Mistreat“ veröffentlichten Alben wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert. Den Finnen werden Kontakte zu dem international aufgestellten Netzwerk der „Hammerskins“ nachgesagt, das sich als Elite militanter Neonazi-Skinheads versteht.

„Kommando Skin“ aus Baden-Württemberg traten 2008 auf einem „Gedenkkonzert“ für die Band „Violent Storm“ in England auf. Auf der Bühne ließ sich die Band vor einer Flagge von „Blood&Honour Deutschland“ ablichten. Bereits Jahre zuvor wurde das Netzwerk militanter Neonazis in der Bundesrepublik verboten, ist aber weiter aktiv.

„Kotten“ im August auch in Sachsen

Die „Proissischen Herzbuben“ sind bislang – jedenfalls unter diesem Namen – wenig öffentlich in Erscheinung getreten. Auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Katharina Schulze zur rechtsextremen Musikszene in Bayern listete die Bayerische Staatsregierung Anfang Juni einen Auftritt der Band. Demnach traten die „Herzbuben“ am 13. Januar 2018 vor etwa 80 Personen in einem leerstehenden Fabrikgebäude im mittelfränkischen Wachenroth auf.

„Kotten“ wollen im August auf einem von Neonazis organisierten Konzert unter dem Titel „Oi! for Saxony“ irgendwo in Sachsen auftreten. Einige der dabei angekündigten Bands sind als einschlägige Rechtsrock-Gruppen bekannt, geben sich aber ein „unpolitisches“ Image – und tanzen damit den sächsischen Sicherheitsbehörden auf der Nase herum, die sich schwer tun, die Veranstaltung insgesamt als rechtsextrem einzustufen und bezüglich des Veranstaltungsortes seit Monaten im Dunkeln tappen. (bnr.de berichtete) Teile der Musiker gehören zum Umfeld des rechtsextremen Plattenlabels „Oldschool Records“. Dessen Betreiber, Benjamin Einsiedler, versucht mit seiner Label-Ausgründung „Subcultural Records“ offenbar gezielt, eine sich als nicht-rechts verstehende Musikszene mit Neonazi-Bands zusammen zu bringen. Der Plattenproduzent gilt als Führungsfigur von „Voice of Anger“. Der Verfassungsschutz schätzt die Allgäuer als größte Gruppe ihrer Art in Bayern ein.

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