Versagen der politischen Klasse

Von Armin Pfahl-Traughber
14.07.2017 -

Frankreich zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron – eine journalistische Darstellung.

Screenshot, Verlagsseite

Die „Spiegel“-Redakteurin Julia Amalia Heyer gibt in ihrem Buch „Frankreich zwischen Le Pen und Macron“ einen Überblick zur aktuellen politischen Entwicklung im Nachbarland. Das kenntnisreich und locker geschriebene Buch ist eher personenfixiert angelegt und nicht unbedingt analytisch tiefgründig, liefert aber einen informativen Überblick zu den dortigen politischen Entwicklungen.

Im gegenwärtigen Frankreich hat es ein politisches Revolutiönchen gegeben. Dessen Dimensionen sind vielleicht noch gar nicht so richtig registriert worden: Aus Enttäuschung über die etablierte Politik wandten sich die Franzosen von den Großparteien ab und votierten bei den Präsidentschaftswahlen für „Außenseiter“. Angesichts von Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung, Stillstand und Strukturproblemen konnte dies nicht verwundern. Bekanntlich wählte ein Drittel die Rechtspopulistin Marine Le Pen und zwei Drittel den Sozialliberalen Emmanuel Macron. Die Kandidaten der etablierten Parteien hatten nichts mehr zu sagen. Dies kann auf eine grundlegende Krise der parlamentarischen Demokratie hinauslaufen, sofern der als Demokratie- und Europafreund geltende neue Präsident mit seinem Reformprojekt scheitern sollte. All dies ist Grund genug, sich die entsprechende Entwicklung noch einmal genauer anzusehen. Dazu lädt Julia Amalia Heyer, Leiterin des „Spiegel“-Büros in Paris, in ihrem Buch „Frankreich zwischen Le Pen und Macron“ ein.

Remix von Shakespeare und Denver-Clan

Am Beginn steht die Erinnerung an die Präsidentschaft von Francois Hollande und Nicolas Sarkozy, die mit großen Aussagen gestartet waren, aber keine wirklichen Verbesserungen vorangebracht hatten. Leere Phrasen und hohle Worte hätten die Franzosen nur enttäuscht. Damit sei auch der Aufstieg des Front National befördert worden. Die Entwicklung des FN steht danach im Mittelpunkt von Heyers Bericht über das gegenwärtige Frankreich. Die Darstellung ist personenfixiert. Es geht zunächst um Marine Le Pen, die den Front National scheinbar mobilisiert hat,  anschließend steht ihr Vater Jean-Marie Le Pen, der Gründer des Front National, im Zentrum. Bekanntlich gab es zwischen Tochter und Vater ein heftiges Zerwürfnis. Die formale Mäßigung deutete Jean-Marie Le Pen als Verrat, dessen Radikalität hatte eine abschreckende Wirkung. Den familiären wie politischen Konflikt kommentiert die Autorin mit treffender Ironie als ein Remix von Shakespeare und Denver-Clan. Und dann kommt später auch noch die wieder radikalere Nichte Marion Maréchal-Le Pen ins Spiel.

Zwischen diese Personenportraits „packt“ Heyer dann Ausführungen zur Professionalisierung des Front National. Letzteres ist das Werk von Strategen wie Florian Philippot. Auch die „Graswurzelstrategie“, womit das Land über die Lokalpolitik erobert werden soll, findet große Aufmerksamkeit. Die Autorin fragt an dieser Stelle denn auch danach, inwieweit sich die Partei nicht nur vom Erscheinungsbild, sondern auch von der Grundausrichtung verändert habe. Sie ist hier aber nicht richtig eindeutig, hält die Partei auch nicht für „rechtsextrem“ wie die DVU oder NPD in Deutschland (vgl. S. 75).

„Dornröschen und der Prinz“

Erst gegen Ende geht es dann um den politischen Gegner der Le Pens, den neuen Präsidenten Emmanuel Macron. Auch dieser konnte von der Missstimmung über das Versagen der politischen Elite profitieren. Mit ironisierenden, aber treffenden Bildern wird er von der „Spiegel“-Autorin charakterisiert: „Macron … hält Frankreich für Dornröschen und sich selbst für den Prinzen“ (S. 151) oder „Selbst eine Waschmaschine habe mehr Programme als Macron, hieß es in einer Satiresendung im Radio“ (S. 158).

Julia Amalia Heyer ist bedingt durch ihre besondere berufliche Perspektive gut mit den politischen Entwicklungen in Frankreich vertraut. Sie schreibt eingängig und locker und liefert damit einen interessanten Rückblick auf die letzten Jahre im Nachbarland. Insbesondere die Rekonstruktion des Aufstiegs und Wandlungsprozesses des Front National verdient dabei Interesse. Allerdings ist die Darstellung doch insgesamt recht oberflächlich geraten. Das ist der Nachteil bei einer Personenfixierung. Andere Aspekte mehr struktureller Natur finden demgegenüber nicht so große Aufmerksamkeit. Gleichwohl muss man dies auch nicht immer von einem journalistischen Produkt erwarten. Lehrreich ist das Buch allemal, zumal es ja in anderen Ländern wie Österreich ähnliche Entwicklungen gibt.

Julia Amalia Heyer, Frankreich zwischen Le Pen und Macron, München 2017 (Deutscher Taschenbuchverlag), 188 S., 14,90 Euro.

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