Völkische Expansion oft unter dem Radar

Von Horst Freires
30.11.2020 -

Mit einer neuen Broschüre wird die Aufmerksamkeit auf wachsende völkische Kulturbestrebungen im ländlichen Raum gerichtet. Mehrere Fachleute beschreiben anhand von Beispielen entsprechende Szenarien in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen sowie Bayern und ordnen diese ein.

Die Publikation kann über die Böll-Stiftung bezogen werden.

Herausgekommen ist bei „Naturliebe und Menschenhass – Völkische Siedler*innen“ ein knapp 70-seitiger Leitfaden, der informieren will, das rechtsextreme Bestrebungen sich nicht nur öffentlich sichtbar, laut, plump und radikal vollziehen, sondern auch häufig im Verborgenen und auf subtile Art und Weise im Bereich von Siedlungsprojekten mit ökologischem Anstrich anzutreffen sind.

Augenmerk auf „Anastasia-Bewegung“

Die Schrift knüpft dabei an die Buchveröffentlichung „Völkische Landnahme“ von Andreas Speit und Andrea Röpke an. Letztere ist daher nicht von ungefähr mit mehreren Beiträgen für die Hälfte des aktuellen Readers verantwortlich. Einen Schwerpunkt in der Aufklärung nimmt die selbsternannte „Anastasia-Bewegung“ mit ihren Familien-Landsitze-Aktivitäten ein. Für das Thüringer Innenministerium war der dazu zählende Personenkreis in seiner Antwort auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage der Grünen im Vorjahr trotz einschlägiger Beobachtungen kein Zielobjekt des Verfassungsschutzes. Dabei ist die antisemitische Ausrichtung dieser Fantasie-Figur einer russischen Buchreihe offenkundig.

In diesem Kontext beschäftigen sich verschiedene Autoren und Experten auch mit historischen Aspekten völkischen Denkens. Dabei tauchen dann bei äußerlich engagierten Ökologen immer wieder Schnittmengen zu sogenannten Reichsbürgern, Verschwörungsideologen oder stramm rechts einzuordnenden Esoterikern auf. Selbst staatliche Verbote wie von der Wiking-Jugend oder der Heimattreuen Deutschen Jugend haben weltanschauliche und personelle Kontinuitäten zu jugendbündischen Verbindungen wie „Sturmvogel“ oder der rassistischen „Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensführung e.V.“ bis heute nicht aufhalten können.

Besiedelung mit braunen Hintergedanken

In Zeiten anhaltender Landflucht werden selbst obskure Neusiedler in dörflichen Regionen in der Regel unvoreingenommen willkommen geheißen. Genau das machen sich Protagonisten aus der rechten Szene zunutze, rufen in einem Positionspapier sogar zu einer gezielten Umsiedlung aus dem urbanen Westdeutschland in ländliche Gebiete der neuen Bundesländer auf („Initiative Zusammenrücken“).

Das informative Heft der Heinrich-Böll-Stiftung will genau dabei helfen, auf Symbole, Zeichen und Verhaltensweisen Obacht zu geben, um eben nicht auf ein womöglich schleichendes Einwandern einer rechten Gruppierung hereinzufallen.

Genau deshalb ist im Anhang eine Liste zu weiterführender Literatur angefügt, ferner der Hinweis auf kompetente Beratungsstellen. Ausführliche Quellenangaben bieten ebenfalls eine zusätzliche Orientierung.

Die Broschüre kann über die fünf Landesstiftungen sowie über die Heinrich-Böll-Bundesstiftung kostenlos bestellt werden.