Trödelhändler will kein Waffendealer gewesen sein

Von Joachim F. Tornau
05.01.2022 -

Elmar J. aus dem ostwestfälischen Natzungen soll dem Kasseler Neonazi Stephan Ernst die Waffe für den Mord an Walter Lübcke verkauft haben. Beim Prozessauftakt in Paderborn bestritt sein Verteidiger den Vorwurf – und spielte die rechte Gesinnung des 66-Jährigen herunter.

Elmar J und sein Verteidiger Ashraf Abouzeid, Foto: Joachim Tornau

Auf dem Tresen der ehemaligen Dorfgaststätte stand eine Holzfigur mit Hitler-Bärtchen, die den rechten Arm nach oben reckte. An den Wänden hingen Fotos von Wehrmachtssoldaten und SS-Männern. Jede Menge Landser-Hefte und, wie es hieß, „diverse ideologische Literatur“ fand die Polizei. Und den Schuppen schmückte eine große Reichskriegsflagge. Als „rechts-konservativ“ beschrieb sich Elmar J., als im Juni 2019 sein Haus im ostwestfälischen Natzungen, einem Ortsteil der Kleinstadt Borgentreich, durchsucht wurde.

Drei Wochen zuvor war der CDU-Politiker und Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha erschossen worden. In seinem Geständnis verriet der Attentäter, der Kasseler Neonazi Stephan Ernst, den Namen von Elmar J. Von ihm, sagte er und wiederholte es später auch im Mordprozess vor dem Frankfurter Oberlandesgericht, habe er neben mehreren anderen scharfen Waffen auch die Tatwaffe gekauft. Einen Revolver der Marke Rossi, für 1.100 Euro. Seit Mittwoch muss sich der mutmaßliche Waffendealer deshalb vor dem Landgericht in Paderborn verantworten.

Vorwurf: Fahrlässige Tötung

Die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf legt dem langjährigen Trödelhändler und heutigen Rentner neben Verstößen gegen das Waffengesetz allerdings nur fahrlässige Tötung zur Last. Für eine direkte Beihilfe zum Mord lag zwischen dem angeblichen Waffenkauf und der Tat zu viel Zeit. Mindestens zwei, eher drei Jahre sollen es laut Stephan Ernst gewesen sein.

Doch nach dem Prozessauftakt steht auch infrage, ob dem 66-Jährigen überhaupt etwas wird nachgewiesen werden können – außer dem Besitz von insgesamt 106 scharfen Patronen, die bei der Durchsuchung des von ihm bewohnten Ex-Gasthauses gefunden worden waren. „Er bedauert diesen Gesetzesverstoß und sieht ein, dass er dafür zu bestrafen ist“, sagte Verteidiger Ashraf Abouzeid. Ansonsten aber sei sein Mandant unschuldig. Zwar sei es durchaus zu „Verkaufshandlungen“ gekommen, ein Bajonett und einen Deko-Karabiner habe Elmar J. auf jeden Fall an Ernst veräußert, vielleicht auch noch mehr. Aber definitiv keinen Rossi-Revolver.

Ernst verweigert Aussage

Um das zu widerlegen, hat die Anklage nicht viel in der Hand. Da sind die belastenden Angaben des Lübcke-Mörders, die er, anders als vieles andere, was er im Laufe der Ermittlungen und danach im Mordprozess kundtat, nie revidierte. In Paderborn wird er sie trotzdem nicht wiederholen: Weil seine Verurteilung zu lebenslanger Haft wegen Mordes noch nicht rechtskräftig ist, will Ernst, wie das Gericht mitteilte, von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen. Das darf er, weil er sich nicht selbst belasten muss.

Und da ist eine Geschichte, die ein Freund und Mieter von Elmar J. erzählt: Auf der gemeinsamen Rückfahrt von einem Flohmarkt hätten sie auf der Titelseite der Bild-Zeitung ein Foto des festgenommenen Stephan Ernst gesehen. „Verdammte Scheiße, den kenn ich“, habe Elmar J. da gesagt. Er habe diesem Mann mal eine Kleinkaliberwaffe verkauft, eine Vier-Millimeter. Und: wie bescheuert man sein müsse, jemandem damit zu erschießen. „Dafür nimmt man doch eine 45er.“

„Damit könnte ich schon jemanden den Kopf wegmachen“

Das Kaliber der Mordwaffe war mit .38 weder das eine noch das andere. Vor allem aber dürfte sich auf diesen sehr speziellen Zeugen wenig stützen lassen. Der Mann, ein weißhaariger Zausel mit langen Haaren und Rauschebart, der einmal bei den berüchtigten „Hells Angels“ gewesen sein will, sich jetzt aber Tempelritter nennt, konnte am Mittwoch nicht einmal sein Alter korrekt angeben. Dafür redete er freimütig über seine Abneigung gegen die Polizei, über Fernsehteams, die er „zur Hölle“ gejagt habe, oder über sein Schwert: „Damit könnte ich schon jemanden den Kopf wegmachen.“

Dass sein Vermieter irgendetwas mit der rechten Szene zu tun haben könnte, bestritt er. Das hatte auch Elmar J. selbst getan, als er, wie sich eine Kripo-Beamtin erinnerte, bei seiner polizeilichen Vernehmung „ohne Punkt und Komma“ drauf los geredet hatte. Nicht aufgrund der gemeinsamen Gesinnung sei er mit Stephan Ernst, den er im Übrigen lediglich als „Peter aus Kassel“ gekannt habe, bekannt gewesen, sagte er. Sondern weil dieser Peter vielleicht sein ehemaliges Dorfgasthaus in Natzungen habe kaufen wollen.

Affinität zum Dritten Reich

Vor Gericht zeigte sich der Rentner deutlich zugeknöpfter. Das Reden überließ er ganz seinem Anwalt. Der bescheinigte seinem Mandanten diplomatisch „eine gewisse Affinität zum ‚Dritten Reich‘“, wollte darin aber nicht viel mehr sehen als ein Zeichen der Anhänglichkeit zum Vater, einem einstigen Panzersoldaten der Wehrmacht. Warum sein Mandant eine seiner bloß vier „Gefällt mir“-Angaben bei Facebook ausgerechnet der NPD Sachsen spendiert hat, sagte Ashraf Abouzeid nicht.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen
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