Tatverdächtige nach Überfall auf Superintendenten ermittelt

Von Kai Budler
22.03.2021 -

Jedes Jahr versammeln sich am Volkstrauertag im November Neonazis auf dem Friedhof im thüringischen Apolda für ihr geschichtsrevisionistisches Gedenken. Nachdem dabei im letzten Jahr ein Geistlicher überfallen wurde, gibt die Polizei erste Ermittlungserfolge bekannt.

Protestaktion in Apolda anlässlich eines Rechtsrock-Konzertes im Jahr 2018.

Vier Monate nach einem Neonazi-Angriff auf den Superintendenten des Thüringer Kirchenkreises Apolda-Buttstädt, Gregor Heidbrink, hat die Polizei nun 13 Tatverdächtige ermittelt. Das teilte ein Sprecher der Landespolizeiinspektion Jena jetzt mit.

Der Theologe hatte am Nachmittag des Volkstrauertages am 15. November 2020 auf einem Friedhof in der Glockenstadt eine etwa 20-köpfige Gruppe bei einer Kranzniederlegung bemerkt, die er der Neonazi-Szene zuordnete. Weil Heidbrink vermutete, dass es sich dabei um eine nicht genehmigte Veranstaltung handelte, machte er mit seinem Handy zwei Fotos von der Gruppe.

Daraufhin bedrohten ihn sechs Neonazis aus der Gruppe und verlangten die Herausgabe seines Handys. Ein Mann beleidigte den Superintendenten und trat in seinen Oberschenkel, so dass er die Bilder zeigte und sie gegen seinen Willen löschte. Als die Polizei eintraf, hatte sich die Gruppe bereits zerstreut und war mit vier Autos geflohen.

Tatverdächtige wohl aus lokaler Kameradschaftsszene

Bereits drei Tage nach dem Überfall hatte ein Thüringer Rechercheportal über den Vorfall berichtet und Bilder von den anwesenden Neonazis und ihren Autos veröffentlicht, zwölf Personen wurden namentlich identifiziert. Die Neonazis entstammen dem örtlichen Netzwerk der langjährig aktiven „Kameradschaft Apolda“ oder „Freie Kräfte Apolda“, dem Umfeld der Rechtsrockbands „12 Golden Years“ und „Radikahl“ und Strukturen der NS-Partei „Der Dritte Weg“.

Nach Polizeiangaben konnten nun 13 namentlich bekannte Tatverdächtige ermittelt werden. Einer davon ist ein 35-jähriger Beschuldigter aus Apolda, dessen Wohnung und Geschäftsräume am 9. März von der Polizei durchsucht wurden. Die Ermittler beschlagnahmten Computertechnik, Speichermedien, zahlreiche T-Shirts und illegale Pyrotechnik. Gegen den 35-jährigen wurde eine Strafanzeige wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz gestellt.