Studie: Starke AfD-Ergebnisse und hohe Infektionszahlen gehen einher

Von Michael Klarmann
19.11.2021 -

Die Zustimmung zur Politik der AfD hat einer Studie zufolge Einfluss auf Anstieg und Höhe bei den Corona-Infektionen in unterschiedlichen Regionen. Ähnliches gilt auch für Landkreise und Städte, in denen antidemokratische Einstellungen seit längerem schon in Teilen der Bevölkerung stärker verankert sind.

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Vergangene Woche wiesen Medien auf eine Umfrage zur Analyse des Wahlverhaltens von nichtgeimpften Personen hin. Diese hatte das Meinungsforschungsinstitut forsa durchgeführt. Demnach wählten bei der Bundestagswahl 2021 unter den Ungeimpften 50 Prozent die AfD. Befragt wurden dafür 3.048 Menschen. Bedenkt man, dass die AfD bei den Zweitstimmen nur 10,3 Prozent erzielte, liegt der Anteil Ungeimpfter bei den AfD-Wählern gegenüber jenen bei anderen Parteien überproportional hoch.

Der Frage, ob es regional gesehen einen Zusammenhang zwischen AfD-Wählern und der Höhe an Corona-Infektionen gibt, wollten hingegen Forscher mehrere Institute klären. In der heute veröffentlichten Studie „Politische Raumkultur als Verstärker der Corona-Pandemie? Einflussfaktoren auf die regionale Inzidenzentwicklung in Deutschland in der ersten und zweiten Pandemiewelle 2020“ kommen sie zu ähnliche Schlüssen wie die forsa-Umfrage. Ausführlich analysiert und mittels Modellrechnungen verglichen wurden Daten von den beiden Infektionswellen 2020 und der AfD-Zweitstimmenanteile bei der Bundestagswahl 2017.

Signifikante Anstiege der Infektionszahlen

Das Ergebnis der Studie lautet: Dort, wo 2017 die AfD-Zweitstimmenanteile hoch waren konnte man auch relativ hohe, statistisch signifikante Effekte auf den Anstieg der Infektionszahlen in den beiden genannten Infektionswellen feststellen. Das bedeutet laut der Studie, dass in Regionen mit höherem Zuspruch zur AfD die Infektionszahlen in beiden Wellen schneller anstiegen als in Regionen mit vergleichbar niedrigeren Zustimmungsraten für die in Teilen rechtsextreme Partei.

An der Studie beteiligt waren Wissenschaftler des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) unter Mitarbeit eines Epidemiologen vom Helmholtz Zentrum München. Das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena veröffentlichte die Ergebnisse nun. In die Studie, deren Essenz nur knapp 25 Seiten füllt, wurden auch andere Daten einbezogen. Um Fehlschlüsse zu vermeiden, wurden 28 zusätzliche regionale „Indikatoren“ einbezogen, etwa die wirtschaftliche Situation, Altersstruktur und Pflegebedürftigkeit der Menschen, die Mobilität und Dichte der medizinischen Versorgung.

AfD-Anhänger als Treiber der Pandemie

Laut der Studie stiegen in Regionen mit höherem Zuspruch zur AfD die Infektionszahlen in beiden Wellen 2020 schneller an als in Regionen mit vergleichbar niedrigeren Zustimmungsraten für die Partei. Der Soziologe Christoph Richter vom IDZ teilte dazu mit: „Ein Anstieg des AfD-Wahlergebnisses um einen Prozentpunkt erhöht die durchschnittliche Infektionshöhe in der Anstiegsphase der ersten Welle um 2,2 Prozentpunkte. Damit liegt statistisch die Infektionshöhe in einem Kreis mit 20 Prozent AfD-Zweitstimmenanteil zirka 22 Prozentpunkte über einem Kreis mit einem Stimmenanteil von lediglich 10 Prozent“.

Solche Zusammenhänge zeigen sich laut der Studie sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. Für andere im Bundestag vertretene Parteien lassen sich keine vergleichbaren Effekte für die Anstiegsphasen beider Wellen finden. Hinzugezogen wurden ebenso Daten, aus denen hervorgeht wie rechtsradikale oder rechtsextreme Parteien bei früheren Wahlen abgeschnitten oder inwiefern rechte antidemokratische Meinungen sich verfestigt haben. Vor allem in solchen Regionen, in denen man auch eine stärkere Distanz zu demokratischen Institutionen feststellen kann, stiegen laut Studie die Covid-19-Inzidenzen im Untersuchungszeitraum signifikant an.

Demokratiedefizite contra staatliche Maßnahme

Matthias Quent, Direktor des IDZ und Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal, stellte dazu fest: „Die regionale politische Raumkultur ist ein entscheidender Faktor für das Inzidenzgeschehen. Unsere Studie untersucht die ersten zwei Wellen, aber ausgehend von diesen Ergebnissen ist die Annahme naheliegend, dass auch in der aktuellen vierten Welle und bei der mangelnden Impfbereitschaft rechte Einstellungen als Verstärker der Pandemie wirken könnten.“

In der Studie selbst wird zudem festgestellt, nicht nur in Deutschland sondern auch europaweit sei die Ausbreitung der Pandemie „immer wieder durch die Ausbildung regionaler Infektionscluster geprägt.“ Mit Blick auf ganz Europa stellen die Autoren der Studie daher fest: „Aufgrund unserer Befunde gehen wir davon aus, dass [auch] die politische Raumkultur einen Erklärungsbeitrag für die Entstehung dieser Cluster liefern könnte.“

Demokratiedefizit und Pandemiegeschehen korrelieren

Mitautor Axel Salheiser vom IDZ sieht nach der Studie auch einen Zusammenhang im Vorgehen gegen Demokratiedefizite und den Maßnahmen gegen die Pandemie. „Besonders in den Regionen, in denen die demokratische Partizipationsbereitschaft niedrig und der Zuspruch zu Parteien der radikalen Rechten hoch ist, müssen bestehende zivilgesellschaftliche Strukturen noch stärker gefördert, ausgebaut und langfristig abgesichert werden und verstärkt für Vertrauen und für Impfungen geworben werden.“

Erschienen in: Aktuelle Meldungen
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