Sprengsätze gegen Flüchtlingsunterkunft

Von Sebastian Lipp
08.01.2019 -

Wegen einer in kurzer Zeit immer weiter gesteigerten Serie von Anschlägen verurteilte das Landgericht Traunstein zwei Neonazis zu mehrjährigen Haftstrafen. Zuletzt hatten sie eine Asylunterkunft in Oberbayern mit einem selbstgebauten Raketenwerfer angegriffen.

Mehrjährige Haftstrafen für Neonazis wegen Anschlägen auf Flüchtlingsunterkunft; Photo (Symbol): Tim Reckmann / pixelio.de

In der Nacht auf Ostermontag zündete ein „Knallkörper“ vor einer Unterkunft für Asylsuchende in Nußdorf am Inn, hieß es damals in einer Pressemitteilung der Polizei. (bnr.de berichtete) Was genau gezündet wurde, wollte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd auf Anfrage von bnr.de aus ermittlungstaktischen Gründen damals nicht erläutern. Inzwischen ist klar: Bei dem „Knallkörper“ handelte es sich um einen selbst gebauten Sprengsatz, den zwei Neonazis aus einem langen Metallrohr wie aus einer Bazooka auf die Unterkunft abfeuerten.

Die Tat war der Höhepunkt einer Serie von Anschlägen, die der damals 20-jährige Josef B. und sein drei Jahre älterer Komplize Alexander Z. auf die Unterkunft in der kleinen Gemeinde bei Rosenheim durchführten. Dafür verurteilte sie das Landgericht Traunstein vor Kurzem zu mehrjährigen Haftstrafen. Wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Sachbeschädigung, versuchter schwerer Brandstiftung und dem Umgang mit explosionsgefährlichen Stoffen muss das Duo drei Jahre und neun Monate absitzen. Bei dem Jüngeren kommt noch der unerlaubte Besitz von Schusswaffen dazu. Als Heranwachsender wurde er jedoch milder behandelt.

Tötungsfantasien gegenüber Asylsuchenden

Die Neonazis hätten „menschenverachtende, rassistische und ausländerfeindlich motivierte Taten“ begangen, sagte Richter Klaus Weidmann in der Urteilsbegründung. Was die Polizei nach der Festnahme auf ihren Handys fand, nannte er „zynisch und pervers“. Hier tauschten die jungen Männer Tötungsfantasien gegenüber Asylsuchenden und Ausländern sowie positive Bezüge auf die Verbrechen des Nationalsozialismus aus. „Auf diesem Nährboden kam es zur Tat“, so der Richter.

Am Abend des 2. Februar 2018 sprühten die beiden ein Hakenkreuz an die Fassade der Unterkunft. Nur vier Wochen später kamen sie mit zwei Molotowcocktails zurück, die der Jüngere kurz zuvor in seiner Werkstatt fabriziert und mit Seenotfackeln als Zünder versehen hatte. Die Neonazis zündeten die Fackeln und warfen die Brandsätze laut Anklage in Richtung eines hölzernen Erdgeschossbalkons, einer landete darunter. Schlagartig wurde ein Feuer von mehreren Qudratmetern und etwa zwei Metern Höhe entfacht.

Doch die Flammen erlöschen, ohne auf das Gebäude überzügreifen. Also begeben sich die beiden zwei Wochen später ein drittes Mal zur Unterkunft und versuchen es mit dem selbstgebauten Sprengsatz, den sie aus der Abschussvorrichtung auf das Gebäude feuern. Auch dieses Mal bleibt das Gebäude verschont. Doch der Schock bei den Bewohnern sitzt tief. Bis heute seien sie „von Angst geplagt wegen dieser Taten“, so Richter Weidmann.

Schussfähiges Repetiergewehr im Schlafzimmer

Während die Polizei parallel zu den Taten noch nach den Tätern fahndete, gerieten auch die Betroffenen selbst in den Fokus der Ermittlungen. Erst als die Fahnder nach der dritten Aktion im Rahmen einer Befragung der Anwohner bei Josef B. klingelten, kamen sie den wirklichen Attentätern auf die Spur. Sie trafen den Schreiner mit angelegtem Pistolengürtel und aufgeborter Schreckschusswaffe an und fanden in dessen Schlafzimmer ein schussfähiges Reptiergewehr. Noch am selben Tag wurde das Neonazi-Duo festgenommen. (bnr.de berichtete)

Die Angeklagten gestehen zwar die Taten. Sie beteuern aber, dass sie niemanden hätten verletzen wollen. In den Kurznachrichten, die die beiden nach der ersten Tat verschickten, ließt sich das anders: „Jetzt kommt Bewegung in den N[…]stall“, schreibt einer der beiden nach der Sprühaktion gehässig, „die Gutmenschen sind drumrum unterwegs wie die Wespen“. Anschließend peitschen sie sich auf: „Sollen wir uns steigern?“ – „Ja, das muss brutaler werden.“ Nach dem Anschlag mit den Molotowcocktails „hatten Sie noch die Stirn“, mit der Feuerwehr zum Tatort zurückzufahren, schimpfte Richter Klaus Weidmann angesichts der Unverfrorenheit der beiden Neonazis.

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