Rechtslastige Querdenker gegen Corona-Auflagen

Von Horst Freires
30.07.2020 -

Am Samstag will ein Mix aus Corona-Leugnern, Verschwörungsideologen, „Wutbürgern“ sowie extremen Rechten in der Hauptstadt demonstrieren. Angeblich sollen aus zahlreichen deutschen Städten sowie aus Frankreich, Österreich und der Schweiz dazu Busse nach Berlin fahren.

„Großdemonstration“ gegen die geltenden Corona-Einschränkungen am Samstag; (YouTube-Screenshot)

Für den 1. August ist in Berlin eine „Großdemonstration“ gegen die geltenden Corona-Maßnahmen angemeldet, die einen nicht unerheblichen rechtslastigen Anteil mit sich führt. Was als Bürgerprotest gegen Corona-Einschränkungen erscheint, wird von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten dazu genutzt, ihre radikale Gesellschafts- und Systemkritik zu transportieren. Da gesellt sich dann Seite an Seite ein unübersichtlicher Mix von Impfgegnern bis hin zu Holocaust-Leugnern.

Auf die Beine gestellt wird der Protest mit verharmlosendem Feier-Charakter, was vielleicht nicht ganz zufällig einen Hauch von vergangenen „Love-Parade“-Zeiten aufkommen lassen soll, von der Gruppierung „Nicht ohne uns“ (verantwortlich für die Postille „Demokratischer Widerstand“) um Anselm Lenz und der Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“ um Wortführer Michael Ballweg. Gemeinsam wird seit Monaten dezentral versucht, Covid 19-Leugner und -Verharmloser in größtmöglicher Form zusammenzuführen und von der Pandemie Gebeutelte in ihrem Zorn auf Staat und Behörden auf die eigene Seite zu ziehen.

Das „Ende der Pandemie“ ausrufen“

Nur so ist es beispielsweise zu erklären, dass sich die europäische Reisebus-Branche mit City Tours GmbH an der Spitze mit ihrer Initiative „Honk for Hope“ Ballweg & Co. angeschlossen hat. „Querdenken 711“ und „Nicht ohne uns“ laden nun zu einem „Tag der Freiheit“ ein und wollen „Das Ende der Pandemie“ ausrufen wie feiern, was angesichts gerade wieder deutschlandweit steigender Infektionszahlen einer hanebüchenen Realitätsverkennung gleichkommt. Und wo die Realitätsverweigerer anzutreffen sind, da sind auch die Verschwörungsideologen nicht weit.

Ziemlich großmundig haben Ballwegs Querdenker prognostiziert, dass sie für Samstag 500 000 Teilnehmer/innen mobilisieren. Bei der letzten Querdenken-Zusammenkunft am 11. Juli in Stuttgart waren es allerdings nur einige hundert. Angeblich sollen aus 60 Städten Busse nach Berlin fahren, darunter auch aus Frankreich, Österreich und der Schweiz.

„Silberjunge“ als Redner vorgesehen

Unterstützt werden die Veranstalter bei ihrem Berlin-Aufruf von Thorsten Schulte, Spitzname „Silberjunge“. (bnr.de berichtete)  Der Unternehmensberater und Vorsitzende von „Pro Bargeld – Pro Freiheit e.V.“ gilt als Verschwörungsverbreiter. Schulte ist auch als Redner in Berlin vorgesehen. Zum Ballweg-Team zählt zudem Stephan Bergmann, der sich esoterisch zu inszenieren versucht. Laut Tagesspiegel leitet er via Facebook rassistisches Gedankengut weiter oder empfiehlt entsprechende Beiträge.

Auf der Programmliste für Berlin taucht auch der Name des Verschwörungsideologen Heiko Schrang auf, der ein bekanntes Gesicht der Boykottbewegung der Rundfunkgebührenverweigerer ist. Dazu gesellt sich der Name des selbst ernannten Finanzexperten mit antisemitischem Sprachjargon Ernst Wolff, der die Behauptung in die Welt setzte, die Pandemie sei als gezielte Maßnahme zur Beeinflussung der Finanzmärkte in den Umlauf gebracht worden. Außerdem sind mit Bodo Schiffmann und Ralf Ludwig zwei Initiatoren der durch interne Differenzen dahin siechenden Sammlungsbewegung „Widerstand 2020“ angekündigt.

NPD & Co. werben für den Protest

Als musikalische Teilnehmer werden der Verschwörungs-Rapper „Kilez More“ (bürgerlich Kevin Mohr) und das Duo „Morgaine & Äon“ aus Österreich beworben. Dazu soll „Alien’s Best Friend“ aus Rheinland-Pfalz auftreten. Das Duo hat nach eigenen Angaben extra für all die Menschen, die sich als „Gegenpol zu der einseitigen Berichterstattung in den Mainstream Medien“ engagieren, einen Song komponiert,

Für die Beteiligung an dem Protest werben auch der mit großer Reichweite vernetzte antisemitische Berliner Video-Blogger Nikolai Nerling, das im Visier des Verfassungsschutzes stehende „Compact“-Magazin von Jürgen Elsässer sowie die NPD. Für sie ist die Demonstration auf der Straße des 17. Juni eine dankbare Gelegenheit, ihre Strategie von Desinformation und Befeuerung gesellschaftlicher wie demokratischer Destabilität umzusetzen, ohne selbst eine eigenverantwortliche Rolle einzunehmen oder organisatorische und logistische Arbeit leisten zu müssen. In eine größere Protest-Community auf der Straße lässt es sich auf diese Weise mehr oder weniger anonym äußerst praktisch „einsickern“.