Rechtsextreme Schattenboxer

Von Robert Kiesel
19.10.2017 -

Beim „Kampf der Nibelungen“ versammelten sich am vergangenen Samstag mehrere hundert Rechtsextreme. Experten und Beobachter betonen die Bedeutung des Kampfsport-Events für die Szene und mahnen die Sicherheitsbehörden zu genauerem Hinsehen.

 

Zum diesjährigen Kampfsport-Event kamen weit mehr als 500 Zuschauer und Teilnehmer nach Kirchhundem im Sauerland; (Screenshot)

Die Antwort auf die Frage, wer im „Schattenboxen" um das rechtsextreme Kampfsport-Event „Kampf der Nibelungen“ (bnr.de berichtete) gesiegt hat, ist eindeutig: Während die konspirativ organisierte Veranstaltung in den vergangenen vier Jahren nie mehr als 200 Teilnehmer anzog, hat sich die Zahl der Teilnehmer in diesem Jahr verdreifacht. Bis zu 600 Menschen waren Polizeiangaben zufolge am Samstagabend nach Kirchhundem im Sauerland gekommen, um im dortigen Schützenhaus entweder selbst zu kämpfen oder anderen dabei zuzuschauen.

Bis zuletzt war es den Organisatoren gelungen, den rechtsextremen Charakter der Veranstaltung vor dem Vermieter der Halle, dem Schützenverein Kirchhundem, geheim zu halten. Dieser zeigte sich wenig später vollkommen überrumpelt und distanzierte sich umgehend von dem braunen Treiben seinen Räumen.

„Größte nationale Kampfsportveranstaltung in Europa“

Derweil feiern die Organisatoren des „Kampfs der Nibelungen“, für dessen Homepage sich der in Dortmund lebende Rechtsextremist Alexander Deptolla verantwortlich zeichnet, ihren Erfolg. In einem am Mittwoch auf Facebook veröffentlichten Beitrag brüsten sie sich damit, den „Kampf der Nibelungen“ „von einer belächelten ‚Hinterhofveranstaltung“ zu einer festen Größe etabliert zu haben. Von der „größten nationalen Kampfsportveranstaltung in Europa“ ist die Rede und mit Blick in die Zukunft kündigen sie an: „Unser Mut wurde nur gesteigert und wir freuen uns starke Freunde an unserer Seite zu haben.“

Wenig überrascht vom Erfolg der jüngsten Auflage des „Kampfs der Nibelungen“ zeigt sich Robert Claus. Der Autor hat für sein Buch „Hooligans - Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ unter anderem zu dem aus Russland stammenden Denis Nikitin und dessen Umtrieben im Geschäftsfeld zwischen Kampfsport und Rechtsextremismus recherchiert. Nikitin, Chef des russischen Neonazi-Kampfsportlabels „White Rex“, trat auch beim diesjährigen „Kampf der Nibelungen“ als Sponsor auf, stieg zudem selbst in den Ring.

Wachsende Bedeutung subkultureller Szene-Events

Für den Erfolg des „Kampf der Nibelungen“ hat Claus mehrere Erklärungen: „Die Professionalität der Veranstaltung ist stetig gewachsen, gerade was die Bewerbung angeht. Das Event ist Kult in der Szene geworden“, erklärte er gegenüber bnr.de. Weil klassische Parteien und Kameradschaften wiederholt mit Verbotsverfahren konfrontiert waren, wachse die Bedeutung subkultureller Szene-Events, so Claus weiter. Ähnlich wie bei dem zuletzt im thüringischen Themar durchgeführten Rechts-Rock-Konzert könnten sich Rechtsextreme dort ungestört vernetzen. Das Gemeinschaftserlebnisse wie diese die Szene zusammenschweißen, ist hinlänglich bekannt.

Szenegrößen wie Nikitin - der vor den rund 6000 Rechtsextremen in Themar als Redner aufgetreten war und von Claus als „zentrale Schlüsselfigur des rechtsextremen Hooliganismus in Europa“ beschrieben wird - profitierten außerdem vom allgemeinen Hype um Fitness und Kampfsport. „Der Bereich ist in den vergangenen Jahren sehr populär geworden“, so Claus weiter. Das wissen auch die Hintermänner des „Kampfs der Nibelungen“ zu nutzen, die den Namen ihrer Marke bereits beim Deutschen Patent- und Markenamt haben eintragen lassen.

„Großer polizeilicher Erfolg"

Angesichts des wachsenden Vernetzungsgrads der Szene fordert Claus die Sicherheitsbehörden dazu auf, Veranstaltungen wie den „Kampf der Nibelungen“ ernster zu nehmen. Tatsächlich war es der Polizei am Samstagnachmittag eher zufällig gelungen, den Ort der über Monate beworbenen Veranstaltung ausfindig zu machen. André Dobresch, Leiter der Staatsschutzabteilung der Polizei in Hagen, sprach dennoch von einem „großen polizeilichen Erfolg“.

Das Landesamt für Verfassungsschutz in Hessen, das Ende September per Rundbrief an die Kommunen davor gewarnt hatte, die Veranstaltung könne in Hessen stattfinden, beschränkte sich auf Nachfrage von bnr.de am Freitag vor der Veranstaltung auf die Aussage, für den „Kampf der Nibelungen“ werde international geworben. Zielsetzung sei die Verfestigung der bestehenden aggressiven rechtsextremistischen Ideologie und Szenestruktur durch ein Gemeinschaftserlebnis, so die Verfassungsschützer weiter.

Sind die Behörden hier auf der Höhe?

Diese Einschätzung teilt auch Monika Lazar, Bundestagsabgeordnete der Grünen und aufmerksame Beobachterin der Szene. Lazar forderte die Sicherheitsbehörden dazu auf, bei Kampfsportveranstaltungen der rechtsextremen Szene künftig genauer hinzuschauen. Gegenüber bnr.de erklärte sie: „Dass ein Treffen einer solchen Größenordnung so konspirativ organisiert werden kann, macht zumindest stutzig. Die Ermittlungsbehörden müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie die Bedeutung dieser Veranstaltung für die rechtsextreme Szene richtig einschätzen.“

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