Rechter Spuk am Niederrhein

Von Michael Klarmann
12.03.2018 -

In Mönchengladbach haben am Samstag zu Spitzenzeiten bis zu 350 extreme Rechte und Rechtspopulisten demonstriert. Vertreter der AfD gingen teils auf Distanz nach extremen Redebeiträgen.

 

Neonazi Kurth bezeichnet auf der Kundgebung den Bundestag als die „größte kriminelle Vereinigung auf deutschem Boden“; Photo: mik

Organisator der Versammlung war die örtliche „Bürgerbewegung – Wir sind das Volk“, das Motto des Aufmarsches lautet „Gerechtigkeit für Deutschland!“ Obschon die Organisatoren und deren Unterstützer im rechtsradikalen bis rechtsextremen Lager zu verorten sind (bnr.de berichtete), hatten neben dem AfD-Kreisverband Mönchengladbach auch einzelne Parteimitglieder aus dem Rheinland via Facebook zur Teilnahme aufgerufen.

In Mönchengladbach versammelten sich daher am 10. März neben einer Reihe von AfD-Anhängern überwiegend „besorgte Bürger“, alte „pro NRW“-Anhänger, Verschwörungsideologen, militante Rechtsextremisten und rechtsradikale Hooligans sowie Vertreter der „Identitären Bewegung“ (IB) und der NPD. Die offen rechtsextreme Ausrichtung der Versammlung wurde bei der Auftaktkundgebung auf dem Marktplatz im Stadtteil Odenkirchen auch durch die Auswahl der Redner offensichtlich.

Neonazi Kurth als Redner

Der ehemalige „pro NRW“-Vorständler und Mitinitiator der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa), Dominik Roeseler, rief zum Widerstand auf gegen das „System, das unser eigenes Volk ausbeutet“. Man sei gegen die Schaffung des „Multikulti-Einheitsmenschen“ und gegen den „Asylwahnsinn“. Während der Rede Roeselers stimmten auch noch AfD-Vertreter in die „Widerstand“-, „Merkel muss weg“- und „Abschieben“-Rufe ein und applaudierten dem über die extrem rechte Splitterpartei in den Stadtrat gewählten Lokalpolitiker.

Die Stimmung änderte sich dann allmählich während der Rede von Alexander Kurth aus Leipzig, der sich seit vielen Jahren in verschiedenen Spektren der neonazistischen Szene bewegt.  Zwar lobte dieser zuerst die „anständigen Patrioten“ auf dem Platz und die AfD, bezeichnete jedoch schon nach wenigen Minuten den Bundestag als die „größte kriminelle Vereinigung auf deutschem Boden“, die neue Koalition aus SPD und Union nannte Kurth „Verbrecherkabinett“ und Kirchenvertreter beschimpfte der Neonazi als „rückgratlose Pfaffen“. Das kam gut an bei den „Kameraden“, Hooligans und „besorgten Bürgern“ – AfD-Teilnehmer schienen jedoch zunehmend konsterniert.

Rechtsextreme Parolen skandiert

Klarheit schaffte als dritter Redner dann Silvio Rösler, ebenso aus Leipzig und einst Kopf des extremen Pegida-Ablegers „Legida“. Antisemitisch interpretierbar schimpfte er gegen den „verkommenen imperialistischen Marionettenstaat“. Rösler wetterte gegen den „Giftzahn demokratischer Systeme“ und meinte damit die „Lüge vom Wandel“ durch Wahlen. „Eine legale Revolution wird es nicht geben“, rief der Leipziger. Und kritisierte dann sogar die eigene Versammlung als „eine vom System genehmigte und geschützte Veranstaltung“ die selbst Teil des „Systems“ sei. Dabei gehe es doch eigentlich darum, „das System" zu bekämpfen und zu „beseitigen“.

Spätestens bei dieser Rede geizten die meisten AfD-Vertreter mit ihrem Applaus, einige Gesichtszüge der aus dem gesamten Rheinland angereisten AfD-Mitglieder erstarrten förmlich. Viele nahm kurz darauf dann auch nicht mehr an dem Aufmarsch durch Odenkirchen teil. An diesem dürften sich zuerst noch rund 250, am Ende knapp 200 Personen beteiligt haben. Einige wenige der AfD-Vertreter zogen dennoch mit durch die Straßen - und hatten dabei offenbar, so wie ein aus Aachen stammender Ordner, keine Probleme damit, dass sich an der Spitze des Aufmarsches Rechtsextremisten und Hooligans sammelten und Parolen skandierten, die man eher von Neonazi-Aufmärschen her kennt.

Glockengeläute aus Protest

Ein AfD-Mitglied aus dem Kreis Düren postete ungeachtet dessen später stolz bei Facebook: „…und ich war dabei!!!!!!“ Eine AfD-Frau aus dem rheinischen Düren bot via Internet einen eigenen Livestream zu dieser rechtsextremen Kundgebung an und kommentierte zuweilen das Geschehen aus dem Off ähnlich einer Reporterin. Als am Samstag etwa noch zu Beginn der Auftaktkundgebung gegen Mittag auf dem Marktplatz in Odenkirchen die angrenzende evangelische Kirchengemeinde aus Protest gegen den rechten Spuk die Glocken läuten ließ, kommentierte Yennyfer I. derlei mit den Worten, die Kirchen könnten „ihr Schandmaul nicht halten“.

Auf der Abschlusskundgebung am Nachmittag trat als Redner noch Silvio R. aus Bremerhaven in Erscheinung, der in seiner zuweilen konfus anmutenden Rede von Flüchtlingen als „Sozialschmarotzer“ sprach. Vor vor vielen Jahren war er noch in einem an Adolf Hitler angelehnten Outfit als Kopf seiner ominösen NBD („national-sozialistische Bewegung Deutschlands“) aufgefallen. Wegen seiner eigenwilligen und peinlichen Aktionen sei er indes „aus der Bewegung entfernt“ worden, teilten Neonazis 2007 über R. in einer Stellungnahme mit.

Daniel S., der sich auf der Kundgebung als Sprecher und Hauptinitiator der „Bürgerbewegung - Wir sind das Volk“ präsentierte, kündigte bei der Abschlusskundgebung an, im Mai werde man erneut am Niederrhein aktiv werden. Am Samstagabend bedankte sich die „Bürgerbewegung“ dann noch auf ihrer Facebook-Seite bei den „Kooperationspartnern“, darunter auch eine Gruppe namens „Deutschland erwache“. Alsbald wurde der entsprechende Eintrag jedoch wieder gelöscht. „Deutschland erwache" war eine der Hauptlosungen von NSDAP und SA, deren Nutzung steht in Deutschland unter Strafe, sollte sie im rechten Kontext geäußert werden.

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