Rechter Aktivist macht auf Kiez-Kümmerer

Von Horst Freires
12.03.2019 -

Berlin – Der umstrittene „Volkslehrer“ tritt als Kandidat für die Stadtteilvertretung Turmstraße in Berlin-Moabit an.*

Verschwörungstheoretiker als Kandidat für lokales Mitbestimmungsgremium; (Screenshot)

Nikolai Nerling, wegen umfänglicher rechtsextremer Aktivitäten 2018 aus dem Berliner Schuldienst entfernt, ist in der gesamten rechten Szene ein inzwischen vielbeachteter Videoblogger. Am heutigen Dienstag will er sich nun in das niedrigschwellige Mitbestimmungsgremium der Stadtteilvertretung Turmstraße in Berlin-Moabit wählen lassen. Entsprechende Werbeplakate zwecks Mobilisierung sind im Stadtteil anzutreffen.

Szenebekannt als „der Volkslehrer“ sucht er eloquent geradezu die Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahren hatte er sich ideologisch immer mehr radikalisiert. Bereits 2016 forderte Nerling die Abschaffung des Volksverhetzungsparagrafen 130. Er ist folgerichtig im Umfeld von Holocaust-Leugnern anzutreffen, ob nun bei Prozessen oder Kundgebungen, oder provoziert mit Besuchen in Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager. Nerling besucht auch Rechtsrock-Veranstaltungen wie das „Schild & Schwert“-Festival von NPD-Bundesvize Thorsten Heise im sächsischen Ostritz, berichtet von Zusammenkünften wie dem von Axel Schlimper und Angela Schaller initiierten regelmäßig stattfindenden „Thing-Kreis“ im thüringischen Themar oder wie zuletzt im Februar von den Aktivitäten rund um den braunen „Day of Honour“ in Budapest.

Als Redner beim „III. Weg“

Bei Nerling kommen ebenso „Reichsideologen“ wie Rüdiger Hoffmann von „staatenlos“ zu Wort wie der zurzeit vor Gericht stehende Adrian Ursache. Auch bei der Jahrestagung der rechtsextremen „Gesellschaft für freie Publizistik“ ist Nerling anzutreffen. Ebenso wurde der aktivistische Berliner zuletzt immer häufiger als Redner gebucht, sei es beim Berliner Pegida-Ableger „Bärgida“, beim geschichtsrevisionistischen Verein „Gedächtnisstätte“ im thüringischen Guthmannshausen oder bei der Neonazi-Splitterpartei „Der III. Weg“ in Bayern.  

Anfang des Jahres hatte das Berliner Arbeitsgericht Nerlings fristlose Kündigung als Grundschullehrer für rechtens erklärt. Der Enddreißiger, der sich selbst inzwischen als freier Journalist bezeichnet, tritt aber nicht nur als Berichterstatter, sondern auch als Aktivist auf. So trommelte er am 19. Januar vor dem Reichstagsgebäude in Berlin rund 150 Verschwörungstheoretiker und Hetzagitatoren gegen das Judentum zusammen, darunter schillernde Holocaust-Leugner wie den Schweizer Bernhard Schaub. (bnr.de berichtete)

Videoclip gegen die Internationalen Wochen gegen Rassismus

Schaub, der sich inzwischen in Mecklenburg-Vorpommern niedergelassen hat, wurde gerade erst vom Amtsgericht Dresden wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 900 Euro verurteilt. Es ging dabei um seine Rede bei der Kundgebung am 11. Februar 2017 in Dresden. Der Holocaust-Leugner saß nun zwar nicht im Gerichtssaal, sein Verteidiger Martin Kohlmann von „Pro Chemnitz“, inzwischen selbst im Visier des Verfassungsschutzes gelandet, kündigte vor Ort allerdings bereits Berufung an.

Von Nerling, der in „Reichsbürger“-Manier von Deutschland als besetztem Staat spricht, kursiert aktuell ein Videoclip im Internet, in dem er sich über die Internationalen Wochen gegen Rassismus lustig macht. Er spekuliert womöglich darauf, dass sich am heutigen Dienstag weniger als 25 Kandidaten für die Stadtteilvertretung zur Verfügung stellen, dann müsste er sich keiner Kampfabstimmung mit der Konkurrenz stellen.

Aktualisierung: Wegen massiver Gegenproteste mussten die Wahl und auch der Ort am gestrigen Dienstag verschoben werden.