Rassismus-Prävention während Corona: „Ideen haben wir genug!“

04.12.2020 -

„Gesicht zeigen!“ kämpft seit 20 Jahren gegen Rassismus und für Toleranz. Das geht auch im Lockdown, sagt Geschäftsführerin Sophia Oppermann, aber es ist sehr schwer. Wir haben mit ihr über fehlende Kontakte, die Radikalisierung der Corona-Proteste und den 89-Punkte-Plan der Bundesregierung gesprochen.

Die beiden Geschäftsführerinnen von "Gesicht zeigen", Sophia Oppermann und Rebecca Weis, Foto: Facebook

Frau Oppermann, „Gesicht Zeigen!“ kämpft in vielen Bereichen gegen Rassismus. Wo haben Sie während der Corona-Pandemie die größten Probleme?

Viele, die im Bereich Rassismus-Prävention beschäftigt sind, haben mit Beginn der Corona-Maßnahmen und den Protesten dagegen eine spürbare, rasante Radikalisierung bemerkt. Vor allem bei Menschen, die man vorher dort nicht gesehen hat.

Woran machen Sie das fest?

Die Menschen, die bei den sogenannten Corona-Protesten mitlaufen sind zum Teil Menschen, die wir vor zwei oder drei Jahren nie einem rechtsradikalen Kontext verortet haben. Und jetzt machen sie mit Nazis und Reichsbürger*innen gemeinsame Sache. Sie skandieren entsprechende Parolen, stehen neben Reichskriegsflaggen und behaupten sie wären nicht rechtsextrem. Da mischen sich Staatsverdrossenheit, Demokratieverdrossenheit und Medienskepsis, wie ich es noch nicht erlebt habe.

Ich halte das für sehr gefährlich und denke, dass wir damit noch lange zu tun haben.

Haben Sie in Ihrem Verein dafür Erklärungen?

Da kommt denke ich sehr viel zusammen. Diese Krisensituation ist für viele sicher sehr schwierig. Es gibt keine bewährten Handlungsmuster, diese Pandemie ist für uns alle neu. Das gilt für Bürger*innen und für die Politik.

Ich glaube auch, dass die vergangenen vier Jahre mit Donald Trump etwas radikal verändert haben. Er war zwar nicht unser Präsident, aber man konnte täglich miterleben, wie seine Rhetorik dafür gesorgt hat, dass die Hemmschwellen im Netz gefallen sind. Hetze und Beleidigungen sind normal geworden und Nachrichten wurden regelmäßig als „Fake News“ bezeichnet. Das hat sich auch auf die Debatten in Europa und bei uns ausgewirkt.

Gilt dieser Gewöhnungseffekt auch für die deutsche Politik?

Ja, definitiv. Mit dem Erstarken der AfD haben wir uns an ganz viel gewöhnt. Der Diskurs wurde nach rechts verschoben, Dinge die früher undenkbar waren, sind heute sagbar und Sachen, die früher gerade noch sagbar waren, sind jetzt sogar machbar. Das sehen wir seit längerer Zeit und es macht uns Sorgen. Die AfD wird ganz gut beobachtet von der Zivilgesellschaft und mittlerweile auch vom Verfassungsschutz. Ich glaube, wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass sie lügen, dass sie hetzen und verleumden.

Der Diskurs hat sich aber auch auf der anderen Seite verschärft. Die Geduld bei vielen, beispielsweise von Rassismus oder Sexismus Betroffenen, lässt nach. Ich kann es auch nicht mehr hören, dass man Verständnis haben soll, man mit besorgten Bürgern reden soll. Natürlich haben wir einen politischen Auftrag, in der politischen Bildung suchen wir selbstverständlich den Diskurs. Aber manchmal hat man es auch einfach mit Nazis und Rassist*innen zu tun, mit denen man nicht reden kann oder will.

Ich habe trotz allem die Hoffnung, dass einige wieder den Weg zurückfinden, wenn Corona hoffentlich irgendwann überwunden ist.

Eines Ihrer Bildungsprojekte ist der „Störungsmelder“ an den Schulen. Funktioniert sowas inmitten der Pandemie überhaupt noch?

Es ist tatsächlich schwierig. Ich habe viel Verständnis für die Schulen, die es gerade echt schwer haben. Das Konzept des Störungsmelders ist nicht ganz einfach umzusetzen. Wir kommen mit politischen Bildner*innen und einer prominenten Person in die Klassen. Dieser Besuch besteht nicht aus Frontalunterricht, sondern aus Feedback und vielen Gesprächen. Das benötigt eine Menge Gespür und Empathie und ist schwierig online umzusetzen. Wir haben das trotzdem inzwischen schon mehrmals digital gemacht, haben extra neue Methoden dafür entwickelt. Es ist lange nicht das, was wir gerne machen würden, aber es ist ein Angebot. Politische Bildung, so wie wir sie verstehen, hat es zurzeit sehr schwer.

Wie interpretieren Sie denn politische Bildung?

Auf die Gruppe spezialisiert, individuell und auf Augenhöhe. Das bekommt man digital nur ansatzweise hin. Die aktuelle Situation ist katastrophal, weil wir bestimmte Gruppen gar nicht mehr erreichen. Wir haben zum Beispiel ein Projekt mit marginalisierten, meist muslimischen Mädchengruppen, das eigentlich sehr erfolgreich läuft. Das ist ein freiwilliges Zusatzprogramm an den Schulen. Die Arbeit ist sehr intensiv. Da sind Mädchen dabei, die sich nicht wertgeschätzt fühlen in unserer Gesellschaft, sie werden ausgegrenzt, sie trauen sich vieles nicht zu, weil die Mehrheitsgesellschaft ihnen nichts zutraut. Es ist total wichtig, ihnen Wertschätzung und Selbstvertrauen zu geben. Derzeit sind sie aber nur schwer erreichbar. Wir verlieren in der Pandemie die Kontakte und das ist sehr schlimm.

Ist das also zurzeit das größte Problemfeld, der Kontaktverlust?

Für dieses Projekt ist es auf jeden Fall eine große Herausforderung, aber wir machen ja auch noch viele andere Sachen. Beispielsweise unsere ganze Social-Media-Arbeit, alles was im Netz gegen Rechtsextremismus stattfindet – da erreichen wir natürlich weiterhin die Leute, die wir erreichen wollen.

Es ist eher das Gefühl, dass wir immer neue Baustellen haben. Es kommen immer neue Aufgaben und Zielgruppen dazu. Man könnte sich theoretisch jeden zweiten Tag ein neues Projekt überlegen. Ideen haben wir jedenfalls genug!

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von der Politik?

Grundsätzlich bin ich froh, dass es den Kabinettsausschuss zum Kampf gegen Rechtsextremismus gibt. Das zeigt, dass endlich an der höchsten Stelle angekommen ist, dass wir ein Problem mit Rechtsextremismus und Rassismus haben. Beim ersten Durchlesen der 89 Punkte finde ich es erfrischend, dass sich kein Bereich einen schlanken Fuß machen kann. Jedes Ministerium ist irgendwie betroffen, jedes Ministerium kann etwas tun und es bleibt nicht nur am Familien- oder Innenministerium hängen.

Allerdings braucht die Demokratiearbeit eine nachhaltige, sichere Unterstützung. Wir müssen Planungssicherheit haben. Ich kann seit 20 Jahren meinen Kolleg*innen immer nur Jahresverträge anbieten, muss jedes Jahr neue Anträge schreiben für Projekte, die eigentlich über Jahre laufen und genehmigt sind. Das sorgt für Unsicherheit. Der Kampf für unsere Demokratie braucht einen langen Atem, Geduld und langfristige Konzepte, Ideen und Strukturen. Das kann nur entwickelt werden, wenn Planungssicherheit garantiert ist.

Sophia Oppermann ist Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied des Vereins „Gesicht Zeigen!“. Gegründet wurde der Verein im Jahr 2000 von Uwe-Karsten Haye, Michel Friedman und Paul Spiegel mit dem Ziel, Menschen dazu zu ermutigen, für ein tolerantes und weltoffenes Deutschland einzutreten und gegen rechte Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aktiv zu werden.

Zuerst erschienen beim "vorwärts".

Erschienen in: Aktuelle Meldungen
StichworteGesicht zeigen!