Randale nach Neonazi-Gedenkritual

Von Jan Maximilian Gerlach
21.11.2019 -

Nach dem braunen „Heldengedenken“ in Remagen am vergangenen Samstag treffen bei der Abreise Neonazis in Bonn später auf Nazigegner, die von ihnen gewalttätig attackiert werden.

Brauner Spuk in Remagen am Volkstrauertag; Photo: J.M. Gerlach

Zwei Neonazis schlagen einer jungen Frau mehrfach gegen den Kopf. Die Szene wurde gefilmt. Sie ereignete sich am vergangenen Samstagabend in einer Regionalbahn im Bonner Hauptbahnhof. Was dort genau geschah, ist bislang noch unklar und Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Sicher ist, dass sich sowohl eine Gruppe Neonazis als auch eine Gruppe Nazigegner nach der Abreise aus Remagen in Bonn aufeinandertrafen.

Zum mittlerweile elften Mal hatte die braune Szene an dem Samstag zu ihrem geschichtsklitternden „Rheinwiesenlager“-Aufmarschritual nach Remagen mobilisiert. Laut Presseberichten sollen auf der Rückreise am Samstagabend in Bonn dann 80 bis 100 Antifaschisten auf rund 20 Neonazis getroffen sein. In Remagen hatte zuvor die Polizei für eine strikte Trennung der Gruppen gesorgt und die Neonazis zuerst abreisen lassen. Ob die Neonazis in Bonn gezielt auf den späteren Zug mit den Nazigegnern an Bord gewartet haben, lässt sich derzeit nicht sagen. Fakt ist, dass die Antifaschisten ihren Zug in Bonn verließen und die Neonazis in diesen Zug einstiegen. Das Bündnis NS-Verherrlichung stoppen spricht in einer Mitteilung von weiteren Attacken der Neonazis, die auch mit Quarzsand gefüllte Lederhandschuhe, einen Totschläger aus Metall und einen Feuerlöscher aus dem Zug als Schlagwaffen eingesetzt haben sollen. Einige der Angreifer werden von dem Bündnis namentlich identifiziert, darunter vor allem Sympathisanten des Duisburger Ablegers der Partei „Die Rechte“.

900 Gegendemonstranten an den Aktionen beteiligt

Das jährliche Aufmarschritual in Remagen war für die Neonazis am 16. November nicht nach Plan verlaufen.  Auf ihrem Auftaktplatz breitete sich eine unbekannte Flüssigkeit aus, die ein Team der Feuerwehr untersuchte und wobei es sich laut dem Antifa-Bündnis um Buttersäure handelte. Nach 500 Metern die erste Blockade in luftiger Höhe: Eine Handvoll Demonstranten hatte in der Jahnstraße Bäume besetzt. Die Neonazis nahmen Abstand davon, unter ihnen hindurch zu gehen und wurden von der Polizei über die B9 umgeleitet. Auf der Joseph-Rovan-Allee blockierten rund 30 Nazigegner den braunen Aufmarsch, der daraufhin einen weiteren Umweg nehmen musste.

Die Zwischenkundgebung der Neonazis wurde von wummernden Bässen teils massiv gestört. Der DGB hatte rund 150 Meter entfernt eine große Bühne aufgebaut, auf der just in diesem Moment lokale Bands spielten. Insgesamt beteiligten sich etwa 900 Gegendemonstranten an den antifaschistischen Aktionen in Remagen. „Wir werden uns schon darüber Gedanken machen, wie wir darauf reagieren können. Damit das im nächsten Jahr vielleicht auch ohne solche Störmanöver aussieht“, kündigte Sven Skoda, Bundesvorsitzender der Kleinpartei „Die Rechte“ an.

Wichtige Protagonisten der Szene fehlen

Michael Brück, stellvertretender DR-Bundeschef und Dortmunder Stadtrat, hatte auf der Kundgebung zwar betont: „Remagen ist im Rheinland ein Pflichttermin.“ Doch das kann über die nachlassende Sogkraft des Aufmarsches auf die eigene Klientel nicht hinwegtäuschen. In diesem Jahr kamen mit 130 Teilnehmern nur noch etwa halb so viele wie 2017. Wichtige Protagonisten fehlten: Ralph Tegethoff, der in Remagen regelmäßig als Redner auftrat; Christian Häger, der üblicherweise die Versammlung leitete, und mit ihm viele weitere ehemalige Angeklagte im Prozess gegen das rechtsextreme „Aktionsbüro Mittelrhein“ und Neonazis aus dem Spektrum der NPD.

Hauptredner war der wegen Holocaust-Leugnung verurteilte Henry Hafenmayer. Skoda ging während des so genannten „Heldengedenkens“ an die Grenze der Legalität: „Und ich rufe, vor allem, die Truppenteile, deren Namen ich heute nicht mehr rufen darf – ohne mich eines Strafverfahrens auszusetzen. Auch die sind heute bei uns.“ Dem Publikum reichte die Andeutung, um sich selbst zu denken, wer gemeint war: die Waffen-SS.