Rückzugsraum für Neonazis in Nordthüringen

Von Kai Budler
09.09.2020 -

Die Stadt Nordhausen war jahrelang ein Brennpunkt rechter Aktivitäten sowie Straf- und Gewalttaten. Während die Zahl der Straftaten in der Stadt nach einem leichten Rückgang wieder angestiegen ist, haben sich die extrem rechten Aktivitäten in den Landkreis Nordhausen verlagert.

Beliebter Veranstaltungsort der extremen Rechten; Photo: K.B.

Der „Drei-Länder-Stein“ im Südharz ist der gemeinsame Grenzpunkt der Landkreise Goslar in Niedersachsen und Harz in Sachsen-Anhalt sowie dem thüringischen Landkreis Nordhausen. In diesem Landkreis befindet sich der staatlich anerkannte Erholungsort Ilfeld, der auch als Ausganspunkt für ein „Wanderparadies“ mit 28 ausgeschilderten Wanderrouten beworben wird. Wandert man in nordöstlicher Richtung durch den Wald, erreicht man nach knapp sieben Kilometern das „Hufhaus“. Das ehemalige Forsthaus und das weitläufige Areal wurden seit 1970 als Erholungszentrum genutzt, nach einer Erweiterung fungierte es später als Betriebsferienheim.

Inzwischen dient es schon lange Jahre als „Ausflugs- und Ferienhotel“ und spätestens seit dem Jahr 2000 als fester Treffpunkt der 1951 gegründeten „Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V.“. Unter ihren Veranstaltungen befinden sich Feiern zur Sommersonnenwende und zum Erntedankfest mit bis zu knapp 300 Personen, darunter vielen Kindern. Das geht aus den Antworten der Landesregierung Thüringen auf Fragen der Linken-Abgeordneten Katharina König-Preuss hervor.

Veranstaltungen der „Artgemeinschaft“

Erkennbar ist, dass das „Hufhaus“ eine zentrale Rolle bei Veranstaltungen der extremen Rechten im Landkreis Nordhausen einnimmt und diese weiter ausgebaut hat. Machten die dortigen Veranstaltungen 2015 und 2016 noch etwa ein Drittel der gesamten Veranstaltungen im Landkreis Nordhausen aus, waren es in den folgenden zwei Jahren jeweils weit mehr als die Hälfte. 2019 schließlich fanden alle neun von den Behörden registrierten rechtsextremen Veranstaltungen in Ilfeld statt, darunter mehr als die Hälfte von der „Artgemeinschaft“ organisiert. Nach Angaben von Katharina König-Preuss waren unter den Teilnehmern unter anderem „Neonazis aus militanten und teils verbotenen Organisationen wie ‚Blood&Honour‘", andere mehrtägige Veranstaltungen in Ilfeld seien als „Vernetzungstreffen“ beworben worden.

Doch nicht nur die „Artgemeinschaft“ schätzt die abgeschiedene Lage des „Hufhaus‘“, auch der langjährig aktive Neonazi Meinolf Schönborm lädt als Herausgeber der neonazistischen Zeitschrift „Recht und Wahrheit“ regelmäßig zu „Lesertreffen“ nach Ilfeld ein. 2018 und 2019 gab es dort insgesamt fünf solcher Treffen, die nächste Veranstaltung wird für das erste Oktoberwochenende angekündigt, das vorige „Lesertreffen“ fand Anfang April im „Hufhaus“ statt. Dort referierte unter anderem das ehemalige NPD-Mitglied Günter Deckert über das Thema „Wie gehe ich mit dem Revisionismus um, ohne dem System einen Vorwand zur Repression zu liefern?“. Ein Thema, mit dem sich der heute 80-jährige Deckert auskennt, denn er war mehrfach unter anderem wegen Volksverhetzung in Haft. Deckert gilt als Begründer der Tradition der „Lesertreffen“, die er mit dem damaligen Herausgeber von „Recht und Wahrheit“, Georg Albert Bosse, initiiert hatte.

Offenbar aber nutzen inzwischen auch andere rechte Gruppen das Hufhaus. Dazu gehört die AfD-Unterorganisation „Christen in der AfD“ Nordost. Sie führte im Oktober 2019 ihre Herbstseminarfahrt zum Thema „Christliches Abendland, Ethik und Familie“ im Hufhaus durch.

Bauarbeiten in Mackenrode

Nur 20 Kilometer von Ilfeld entfernt liegt ein weiterer Hotspot der extremen Rechten. Im nordthüringischen Mackenrode unweit des dortigen Kindergartens befindet sich ein zweigeschossiges Haus mit weitläufigem Gelände, das seit 2018 von Mitgliedern der im Juni 2020 verbotenen Neonazi-Organisation „Nordadler“ genutzt wurde. (bnr.de berichtete) Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen insgesamt fünf Beschuldigte wegen des Verdachts der Gründung einer terroristischen Vereinigung und wegen des Verdachts der Unterstützung. Bereits 2018 fanden in dem Gebäude in Mackenrode gleich zwei Hausdurchsuchungen statt. Die Immobilie sollte offenbar für ein völkisches Siedlungsprojekt genutzt werden und durch den Kauf weiterer Häuser Teil einer Struktur für eine völkische „autarke Gemeinschaft“ werden.

Von Maßnahmen im Zuge des Verbotes blieb das Gebäude im Juni 2020 jedoch verschont, weil es kaum noch genutzt würde. Bilder des Hauses und seines Grundstückes, die im August dieses Jahres im Netz veröffentlicht wurden, legen jedoch das Gegenteil nah. Zu sehen sind ein gepflegter Garten mit Anbau, Bauarbeiten sowie wechselnde Fahrzeuge auf dem Hof. Beobachter sprachen im vergangenen Monat außerdem von mehreren Personen, die dort weiterhin ein- und ausgehen.