Neonazi sucht neue Verbündete

Von Susanne Müller
07.11.2019 -

Unter dem Motto „Multikulti trifft Nationalismus“ hat der braune Kampfsportler und Rechtsrock-Musiker Frank Kraemer zu einer Diskussionsveranstaltung unweit des Kölner Doms eingeladen.

Rechtsextremer Ideologe sucht den Schulterschluss; (Screenshot)

Der Versuch der Selbstdarstellung von hartem Rechtsextremismus war gekoppelt mit einer räumlichen Provokation: Mit „direktem Blick auf den Kölner Dom“ wolle man, so teilten der rechtsextreme Kampfsportler Frank Kraemer (Eitdorf) und ein politisch bisher nicht hervorgetretene „Livestyler“ mit, wolle man über „mehr Nationalstaat oder mehr Europa“ diskutieren.

Zweifel an der entsprechenden extrem rechten Position konnten nicht wirklich aufkommen: Als Diskussionspartner nach Köln hatte Kraemer ausgerechnet den langjährigen NPD-Spitzenfunktionär und „Bandido“-Mitglied Sascha Roßmüller aus Bayern eingeladen. Weiterhin würden zwei namentlich genannte „Linke“ mitdiskutieren, wurde via Facebook mitgeteilt. Dass diese politisch bisher nicht in Erscheinung getretenen Personen politisch „links“ einzuordnen sind, war in Köln bisher nicht bekannt.

„Menschen verbinden“

Die Ankündigung des sich atheistisch-völkisch-keltisch inszenierenden YouTubers und Online-Versandhändlers („Sonnenkreuz“) Kraemer – der seine Materialien über eine Anschrift in Köln-Longerich vertreibt –, nur wenige Meter vom Kölner Roncalliplatz entfernt, kann nur als räumliche Machtgeste verstanden werden. Der Veranstaltungsort wurde geheim gehalten, man konnte sich nur über die vermutlich von Kraemer selbst betriebene Website „Multikulti trifft Nationalismus“ anmelden.

Der Ort sickerte dennoch durch: Kraemers Partner, ein Moderator und Entertainer, soll vor wenigen Monaten unweit des Roncalliplatzes ein „Media Connecter Office“ eröffnet haben, wie der „Kölner Stadtanzeiger“ im August vermeldete. Er wolle dort „Menschen verbinden“. Dass er hierbei ausgerechnet die neonazistische Rechte mit einbezieht, könnte verwundern.

Während der nicht öffentlichen Veranstaltung versuchten ein Fotograf sowie ein Filmmacher vom Veranstaltungsraum aus, mögliche Gegner abzufilmen. Der Zulauf im Herzen Kölns war spärlich, laut Facebook nahmen nur acht Personen daran teil. Einen Tag später veröffentlichten Kraemer & Co. auf Facebook ein Foto des Veranstaltungsraumes, auf dem sich 30 Besucher auf einem Gruppenfoto präsentierten, darunter zwei Frauen, ebenso ein Vertreter der Neonazi-Partei „Die Rechte“.

Langjährige Karriere in braunen Kreisen

Der 1977 geborene in der Kampfsportszene fest verankerte Krämer gehört zu den umtriebigsten Rechtsextremisten in Nordrhein-Westfalen. Der 42-Jährige ist laut Selbstbeschreibung seit seinem 14. Lebensjahr Aktivist der NPD beziehungsweise deren Jugendorganisation JN, und er war im Umfeld der 1995 verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP) aktiv. In den letzten Jahren trat Kraemer auch als Redner und YouTuber auf. Die NPD will er kürzlich verlassen haben, um sich noch radikaler als Freier Aktivist zu betätigen. Im Mai 2018 referierte Kraemer auf dem „Europakongress“ der Junge Nationalisten zu dem ideologisch unmissverständlichen Thema „Die europäischen Völker als Lebenskampfgemeinschaft.“ (bnr.de berichtete)

Auch als Rechtsrock-Musiker blickt Kraemer auf eine lange Karriere zurück: In den 1990er Jahren gründete der Gitarrist und Sänger die rechte Neofolk-Band „Halgadom“. Heidnischer Mystizismus wurde gekoppelt mit verbalen Angriffen auf Antifaschisten, die er zu „asozialen Randgruppe“ ernannte. Parallel hierzu rief er 1995 gemeinsam mit Daniel „Gigi“ Giese die Rechtsrock-Band „Stahlgewitter“ ins Leben, die sich in Neonazi-Kreisen großer Beliebtheit erfreute.

„Werde unsterblich“

Kraemer, der sich als Alkoholverächter und als Vertreter einer naturnahen, den eigenen Körper „stählenden“ Ernährung in Szene setzt, zeigte sich in den letzten Jahren häufiger mit der in seinem Umfeld lebenden rechtsextremen Aktivistin Melanie Dittmer, so im Juli 2017 beim Neonazi-Festival in Themar.  Auch in seinem YouTube-Projekt „Der dritte Blickwinkel“ trat er 2017 gemeinsam mit Melanie Dittmer auf.

Vor einem Jahr legte Kraemer eine mit „Werde unsterblich“ betitelte Publikation vor, mittels der er sich auch als rechtsideologischer Vordenker einen Namen zu machen versuchte. Hierin stellt er insbesondere sein neues, 2016 gestartetes Projekt „Multikulti trifft Nationalismus“ mit Nana Domena – der ghanische Wurzeln hat und gelegentlich auch als Schauspieler auftritt – vor. Besagtes Projekt hatte nun auch „zum Kölner Dom“ eingeladen. Der Drang nach öffentlichkeitswirksamer Selbststilisierung und -vermarktung scheint das ungleiche Paar zu verbinden. Inwieweit der „Lifestyler“ und das spärlich erschienene Publikum unweit des Kölner Roncalliplatzes Kraemers äußerst rechte Überzeugung kennt beziehungsweise zu verstehen vermag sei dahingestellt.