Neonazi belastet „Kameraden“

Von Anton Maegerle
09.01.2020 -

Der Hauptverdächtige im Mordfall Walter Lübcke, Stephan Ernst, hat ein neues Geständnis abgelegt. Er bestreitet jetzt, den tödlichen Schuss aus einem Trommelrevolver, Kaliber 38, auf den Kasseler Regierungspräsidenten abgegeben zu haben.

 

Neonazi bestreitet den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke; Photo (Symbol): Gunther Gumhold / pixelio

Wie sein Rechtsanwalt Frank Hannig am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Kassel erklärte, sagte Ernst aus, es habe neben ihm einen zweiten Täter gegeben. Demnach belastet Ernst nun auch den 43 jährigen Neonazi Markus Hartmann, an dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten am 2. Juni 2019 auf der Terrasse von dessen Haus direkt beteiligt gewesen zu sein. Beide seien in der Tatnacht zum Haus von Walter Lübcke gefahren. Bei einer verbalen Auseinandersetzung mit Lübcke habe sich ein „Schuss gelöst“. Die Tatwaffe soll Hartmann in der Hand gehalten haben.

Zu den Vorwürfen, Hartmann (Jg. 1976) sei am Tatort gewesen und habe geschossen, erklärte dessen Rechtsanwalt Björn Clemens: „Es kann sich im Übrigen jeder Beobachter selbst die Frage stellen, wie glaubwürdig jemand ist, der im Laufe des Verfahrens ständig mit neuen Versionen eines Geschehens aufwartet, zu dem er ursprünglich ein vollständiges (Geständnis) abgelegt hat.“

Gemeinsam bei Schießübungen im Schützenverein

Ernst, bis 2004 NPD-Mitglied sowie Abonnent der rechtsextremen Strategiezeitschrift „Nation&Europa“, und Hartmann kennen sich aus der Kasseler Neonazi-Szene, in der beide aktiv waren. Sie besuchten unter anderem zusammen rechtsextreme Aufmärsche, nahmen am 1. September 2018 an einer AfD-Demonstration in Chemnitz teil und führten gemeinsam Schießübungen in Schützenvereinen durch. Am 14. Oktober 2015 besuchten beide die Bürgerversammlung mit Walter Lübcke in Lohfelden. Das Lübcke-Statement „Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen“ veröffentlichten Ernst und Hartmann auf YouTube.

Bei einer Wohnungsdurchsuchung bei Hartmann stellte die Polizei das Buch „Umvolkung: Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden“ des rechtspopulistischen Autors und Pegida-Redners Akif Pirinçci sicher, in dem dieser auch über die Versammlung in Lohfelden berichtet. In dem Band hatte Hartmann den Namen Walter Lübcke mit einem Textmarker gelb markiert.

Bastelanleitungen für den militanten Kampf

Hartmann wurde 2006 wegen „Sieg Heil!“-Rufen und Zeigen des verbotenen Hitlergrußes zu einer Geldstrafe verurteilt. Er gehörte der Neonazi-Kameradschaft „Freier Widerstand Kassel“ an und nahm in seiner frühen Jugend an Veranstaltungen bei dem Neonazi-Ehepaar Ursel und Kurt Müller in Mainz-Gonsenheim teil. In internen braunen Internet-Foren gab er sich seit 2005 unter dem Pseudonym „Stadtreiniger“ kämpferisch und diskutierte über die Beschaffung von Waffen und Sprengstoff. In einer Mail an den österreichischen Empfänger „AnamCara“ (= Christoph S., Jg. 1977) vom 4. April 2005 gab Hartmann kund, dass er schon überlegt habe, seinen „wohnsitz in das ausland zu verlegen“, um „Langwaffen“ zu erwerben. Von einem Gleichgesinnten ließ er sich Bastelanleitungen für den militanten Kampf empfehlen – wie das „Handbuch des Stadtguerilleros“ oder die Schrift „Revolutionäre Kriegswissenschaft“. „Wenn ich mir das so recht überlege, sollte es wieder eine Reichskristallnacht geben.“

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Björn Clemens (Jg. 1967) war über Jahre stellvertretender Bundesvorsitzender der Republikaner und der wichtigste Repräsentant des für eine Annäherung an die NPD eintretenden Parteiflügels. 2007 trat der Burschenschafter bei den Republikanern aus und ist seitdem laut Eigenbekunden „als Referent und Strafverteidiger für das gesamte nationale und konservative Spektrum tätig“.