Mordversuch an jüdischem Studenten

Von Julian Feldmann
15.02.2021 -

Vor dem Landgericht Hamburg hat der Prozess um einen Angriff auf einen jüdischen Studenten begonnen.

Vor dem Strafjustizgebäude in Hamburg demonstrieren Menschen gegen Antisemitismus. Photo: J. Feldmann

Der 29-jährige Grigoriy K. muss sich wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor dem Schwurgericht verantworten. Mit einem Klappspaten soll K. am 4. Oktober vergangenen Jahres vor der Synagoge Hohe Weide in Hamburg auf einen jungen Mann mit Kippa eingeschlagen haben. Der jüdische Student, der schwer verletzt wurde, war auf dem Weg in die Synagoge, in der gerade Sukkot, das Laubhüttenfest, gefeiert wurde.

Der in Kasachstan geborene mutmaßliche Täter soll psychisch krank und deshalb schuldunfähig sein. Deswegen klagte die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg den Mann nicht wegen der Taten an, sondern beantragte seine dauerhafte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Weil die Generalstaatsanwaltschaft davon ausgeht, dass K. nicht schuldfähig ist, wird der Prozess als sogenanntes Sicherungsverfahren geführt. Das heißt, sollte es sich bei K. tatsächlich um den Täter handeln, wird das Gericht ihn am Ende des Verfahrens nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilen, sondern seine Unterbringung anordnen.

Prozess ohne Öffentlichkeit

Beim Prozessauftakt saß K. mit schwarzem Kapuzenpullover und mit Handfesseln fixiert im Gerichtssaal, machte einen ruhigen Eindruck. Nach wenigen Minuten schloss die Kammer die Öffentlichkeit für die Dauer des Verfahrens aus. Dies ist bei „Sicherungsverfahren“ üblich. Eine Vertreterin der Jüdischen Gemeinde Hamburg darf der Verhandlung als Prozessbeobachterin beiwohnen.

Für Irritationen sorgt die Bewertung des Angriffs durch die Behörden. Weil der damals noch am Tatort festgenommene mutmaßliche Angreifer Wahnvorstellungen haben soll, wird ein antisemitisches Motiv der Tat nicht angenommen. Obwohl K. sich gezielt per Taxi zur Synagoge Hohe Weide in Hamburg-Eimsbüttel hat fahren lassen und dort einen Menschen mit Kippa, also der jüdischen Kopfbedeckung, attackiert haben soll, steht eine antisemitische Motivation für die Strafverfolger nicht im Mittelpunkt. K. trug zudem einen Tarnanzug und die Tat geschah kurz vor dem ersten Jahrestag des antisemitischen Terroranschlags von Halle. Zudem fand die Polizei bei K. neben einem Taschenmesser einen Zettel mit aufgemaltem Hakenkreuz.

Wahnvorstellungen statt Antisemitismus?

K. soll im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt haben, ist die Generalstaatsanwaltschaft überzeugt. Ein Gutachter attestierte dem mutmaßlichen Täter eine akute paranoide Schizophrenie, begleitet von wahnhaften Verfolgungsängsten, die die Tat ausgelöst hätten. Der Gutachter sieht „keinerlei Anhaltspunkte“ dafür, „dass der Beschuldigte in freier Willensbestimmung religiöse, weltanschauliche, rechtsextremistische oder antisemitische Ziele verfolgte“.

Die Jüdische Gemeinde in Hamburg hatte sich im Vorfeld der Verhandlung irritiert gezeigt, dass die Ermittler antisemitische Motive bezweifelten. Laut Generalstaatsanwaltschaft seien keine Hinweise gefunden werden, dass K. vor der Tat antisemitisches Gedankengut hegte. „Vollständig ausgeschlossen werden kann dies derzeit jedoch nicht“, so die Behörde.

Hakenkreuz als Sonnen-Symbol

Auch der Zettel mit Hakenkreuz, den K. in der Hosentasche trug, ändert an der Bewertung der Ermittler nichts. „Denn dem Beschuldigten war aus seinem privaten Umfeld wohlmeinend geraten worden, sich gegen die von ihm wahrgenommene Dämonen und Reptiloiden unter anderem mittels einer solchen Zeichnung zu schützen“, heißt es von der Generalstaatsanwaltschaft. Und weiter heißt es von der Behörde: „Dabei sollte das Kreuz in seiner ursprünglichen Bedeutung (Swastika) als Symbol des Lichts und der Sonne Schutz bieten und Glück bringen.“

Vor dem Gerichtsgebäude protestierten am ersten Prozesstag rund 25 Menschen gegen Antisemitismus. Sie verlangten, die antisemitischen Motive der Tat offen zu benennen. Eine Demonstrantin forderte auf einem Plakat: „Antisemitismus anklagen - vor Gericht und überall“

Ein Urteil wird voraussichtlich im März gesprochen werden.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen
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