Martialische sportliche Aktivitäten

Von Anton Maegerle
23.10.2020 -

Die Bundesregierung sieht in personellen Überschneidungen zwischen rechtsextremen Kampfsportlern und Gruppen sowie gewaltorientierten Fußballfans ein „hinlänglich bekanntes Gefahrenpotenzial“. Nur in verhältnismäßig geringem Umfang seien allerdings Verbindungen zwischen Rockern und der rechtsextremen Kampfsportszene bekannt.

Kampfsport ist in der braunen Szene beliebt; Photo (Symbol): Thomas Miersch / pixelio.de

Kampfsport stellt innerhalb des gesamten rechtsextremen Spektrums ein „organisationsübergreifendes und verbindendes Element“ dar, schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort (Drucksache 19/23365) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (Drucksache 19/21993). Nach Kenntnis der Bundesregierung werden in zahlreichen partei- oder organisationsgebundenen Strukturen in örtlich/regional höchst unterschiedlicher Intensität Selbstverteidigung und Kampfsport betrieben: „Insbesondere junge Rechtsextremisten interessieren sich zunehmend für gemeinsame sportliche Aktivitäten“ wie Kampfsport, aber auch Kraftsport und alpines Wandern, heißt es in der Antwort weiter.

Personelle Überschneidungen zwischen rechtsextremen Kampfsportlern, gewaltorientierten Fußballfans und rechtsextremen Gruppierungen insbesondere bei Veranstaltungen mit einem hohen Mobilisierungspotenzial bei Demonstrationen bilden ein „hinlänglich bekanntes Gefahrenpotenzial“. Der Bundesregierung sind weiterhin nur in verhältnismäßig geringem Umfang Verbindungen zwischen Rockern und der rechtsextremen Kampfsport-Szene bekannt. Eine Mobilisierung zu Kampfsportveranstaltungen erfolgt über persönliche Kennverhältnisse und geschlossene oder private Kommunikationswege, wobei eigens für diesen Zweck eingerichtete Gruppen in den sozialen Medien, in Messengerdiensten oder Homepages genutzt würden.

Zur Finanzierung szenetypischer Aktivitäten von Bedeutung

Grundsätzlich sind Kampfsportveranstaltungen nach Erkenntnissen der Bundesregierung auch unter finanziellen Gesichtspunkten insbesondere zur Finanzierung szenetypischer Aktivitäten von einer gewissen Bedeutung für Rechtsextreme. Dies wird anhand des Beispiels der im Hinblick auf Personenzahl und Finanzvolumen größten Kampfsportveranstaltung, dem „Kampf der Nibelungen“ (KdN), deutlich. Diese wurde im Jahr 2019 von den örtlichen Ordnungsbehörden unter anderem aufgrund eines Behördenzeugnisses des Verfassungsschutzes verboten. Seitens der Veranstalter wurde in diesem Zusammenhang beklagt, dass der Ausfall der Veranstaltung zu einem Verlust von 20.000 Euro geführt habe.

Im Visier der Sicherheitsbehörden sind auch kleinere Kampfsportturniere, die die neonazistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ durch die eigens im Jahr 2018 mit dem Ziel der „körperlichen Ertüchtigung“ gegründete „AG Körper & Geist“ durchführt. Die Bundesregierung hat Kenntnis, dass aktive Angehörige der Bundeswehr auf Facebook Likes zum „Kampf der Nibelungen“ getätigt haben. Ebenso seien Teilnahmen von Bundeswehrangehörigen als Besucher der Veranstaltung bekannt, heißt es.

„Pride France“ im Juni nächsten Jahres in der Schweiz

Die Anzahl solcher Kennverhältnisse liegt im knapp zweistelligen Bereich, wobei sie in ihrer Intensität stark variieren. Dem rechtsextremen Spektrum rechnet das Bundesamt für Verfassungsschutz derzeit folgende Kampfsport-Label und -gruppierungen zu: „Black Legion“, „Kampf der Nibelungen“, „Greifvogel Wear“, „Pride France“, „White Rex“ und „Wardon“ „Baltik Korps“ und „Knockout 51“. Aufgrund der bekannten Einschränkungen für Veranstaltungen während der Corona-Pandemie liegt der Bundesregierung bislang lediglich eine Planung für ein rechtsextremes Kampfsportturnier in den nächsten Monaten vor: „Pride France“ am 5. Juni 2021 in der Schweiz. Das rechtsextreme Kampfsportlabel „Pride France“ konnte seinen Stellenwert innerhalb der deutschen rechtsextremen Kampfsportszene nach Einschätzung der Bundesregierung leicht ausbauen. Es verfügt jedoch nicht über das Netzwerk an Kämpfern wie das Label „White Rex“.

„Einzelfälle“ sind nach Auffassung der Bundesregierung rechtsextreme Musiker, die zugleich auch intensiv beziehungsweise (semi-)professionell Kampfsport betreiben und sowohl als Musiker in braunen Bands als auch als Kämpfer, Trainer oder Betreuer von Kampfsportlern fungieren. Als „prominentestes Beispiel“ wird hierfür die Kampfsport-Gruppierung „Wardon“ gewertet, deren Mitglieder teilweise der wechselnden Besetzung der deutsch-österreichischen Band „Terrorsphära“ angehören. Darüber hinaus liegen Erkenntnisse zu Rechtsextremisten vor, die Kampfsport betreiben oder auch führend in Kampfsportstrukturen eingebunden sind und zugleich als Besucher rechtsextremer Musikveranstaltungen bekannt werden und umgekehrt.

An den Ausschreitungen in Leipzig-Connewitz beteiligt

Auf die Frage „Welche Hooligan-Gruppierungen ordnet die Bundesregierung als rechtsextrem und welche als rechtsoffen ein“, heißt es in deren Antwort: Die Hooligan-Gruppierungen „Borussenfront“ (Dortmund), „Kaotic Chemnitz“ (aufgelöst 2018/Sachsen), „Inferno Cottbus“ (aufgelöst 2017/Brandenburg), „Jungsturm“ (Erfurt) und „First Class Limburgerhof“ (Kaiserslautern/Rheinland-Pfalz) werden als rechtsextrem eingestuft. Darüber hinaus ist der Bundesregierung bekannt, dass Einzelpersonen von Hooligan-Gruppierungen der rechtsextremistischen Szene zugeordnet werden können. Befragt wurde die Bundesregierung auch nach Erkenntnissen über die Beteiligung rechtsextremer Kampfsportler an den Ausschreitungen in Leipzig-Connewitz am 11. Januar 2016. Demnach sind mehr als ein Drittel der Tatverdächtigen der rechtsextremen Szene in Sachsen zuzuordnen, darunter Anhänger der ehemaligen Hooligan-Gruppen „Faust des Ostens“ (Dresden) und „Scenario Lok“ (Leipzig).