KZ-Aufseher vor Gericht

Von Julian Feldmann
08.10.2021 -

Brandenburg an der Havel – Vor dem Landgericht Neuruppin hat der Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Berlin begonnen.

Das Eingangstor des KZ Sachsenhausen heute. Foto: Julian FeldmannDas Eingangstor des KZ Sachsenhausen heute. Foto: Julian Feldmann

Mit 100 Jahren dürfte Josef S. der älteste Angeklagte in der bundesrepublikanischen Rechtsgeschichte sein. Seit Donnerstag muss sich der Mann vor dem Landgericht Neuruppin wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 3518 Fällen verantworten. Um dem Angeklagten eine kurze Anreise zu den Prozesstagen zu ermöglichen, wird an dessen Wohnort, der Stadt Brandenburg an der Havel, verhandelt. Wegen des großen Interesses und der Corona-Vorgaben dient eine Sporthalle als Verhandlungsort.

Als Josef S. den Verhandlungssaal, gestützt auf einen Rollator, betrat, warteten rund 100 Zuschauer und Journalisten auf den Prozessbeginn. Sein Verteidiger Stefan Waterkamp schirmte S.‘ Gesicht mit einem blauen Papphefter ab. Der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann stellte zum Prozessbeginn wie allgemein üblich die Personalien des Angeklagten fest. Auf die Frage nach dem Alter gab S. an, er werde im November 101 Jahre alt.

Mit ruhiger Stimme verlas Oberstaatsanwalt Cyrill Klement die Anklageschrift. Im Anklagezeitraum von Januar 1942 bis Februar 1945 – mit Ausnahme vom September bis Dezember 1944 – soll S. Hilfe zur grausamen und heimtückischen Ermordung von mindestens 3518 Menschen im Hauptlager des KZ Sachsenhausen geleistet haben. S. gehörte zum SS-Totenkopfsturmbann, zu verschiedenen Kompanien der Wachmannschaften des KZ. Seine Ausbildung begann im Oktober 1941. S.‘ stieg auf bis in den Rang eines SS-Rottenführers, der höchsten Dienstgradgruppe innerhalb der Mannschaftsränge. 

Anklage umfasst drei Tatkomplexe

Zu den Aufgaben des Angeklagten gehörte der allgemeine Wachdienst, etwa auf den Türmen oder in der kleinen oder großen Postenkette um das Lager. Auch soll S. KZ-Häftlinge bei Arbeitseinsätzen bewacht haben. Von den auf Anordnung der Staatsführung durchgeführten „systematischen Tötungen“ habe S. gewusst.

Die Anklage listet drei Tatkomplexe auf, die die systematische Ermordung von KZ-Häftlingen in Sachsenhausen während der Dienstzeit von Josef S. umfassen. Einerseits geht es um Erschießungen mithilfe einer Genickschussanlage im Jahr 1942. Mindestens 200 sowjetische Kriegsgefangene fielen dieser Mordmethode während S.‘ Dienstzeit laut Anklage zum Opfer. Während der Taten hätten sich die Wachmannschaften „in Alarmbereitschaft“ befunden, erklärte Oberstaatsanwalt Klement.

Der zweite Tatkomplex umfasst die Aufrechterhaltung lebensfeindlicher Bedingungen im Lager. Der SS erschien es zeitweise „weit effektiver und weniger aufwändig“, Häftlinge durch Kälte, Krankheiten und Unterernährung sowie durch die Nötigung zur Zwangsarbeit umzubringen. Durch diese unmenschlichen Lebensbedingungen wurden von Herbst 1944 bis Februar 1945 mindestens 566 KZ-Häftlinge ermordet.

Als dritter Komplex der Anklage werden die Erschießungen und Vergasungen vor allem jüdischer KZ-Häftlinge im KZ aufgeführt. Insgesamt starben bei diesen Mordaktionen mindestens 2752 Menschen Mithilfe des Giftgases Zyklon B durch die Hand der SS. Der Staatsanwalt schilderte hier eindrücklich den „durch große Qualen gekennzeichneten Todeskampf“ der Opfer in der Gaskammer. Außerdem erfolgten im Februar 1945 weitere Erschießungen mit einer Genickschussanlage.

Sieben Überlebende treten als Nebenkläger auf

Zu den Morden habe S. Beihilfe geleistet, indem er als Wachmann die Tötungsmaschinerie unterstützte, so der Vorwurf. Die Tätigkeit des Angeklagten, so Oberstaatsanwalt Klement, habe sich „nahtlos in das Vernichtungsgeschehen eingefügt“.

Zwei Nebenkläger waren zu den ersten Verhandlungstagen gekommen. Christoffel Heijer aus den Niederlanden und Antoine Grumbach aus Frankreich haben ihre Väter verloren, die im KZ Sachsenhausen ermordet wurden. Beide waren Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer. Insgesamt haben sich 16 Nebenkläger dem Prozess gegen S. angeschlossen, darunter sieben Überlebende des Konzentrationslagers.

Angeklagter bestreitet, in Sachsenhausen gewesen zu sein

Josef S.‘ Veteidiger Waterkamp kündigte an, dass der Angeklagte sich zu den Tatvorwürfen nicht äußern werde. Der Hamburger Rechtsanwalt kennt sich aus bei Prozessen um NS-Verbrechen. Waterkamp hatte bereits den SS-Wachmann Bruno Dey vertreten, der im vergangenen Jahr vom Landgericht Hamburg zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde. Dey war mit 17 und 18 Jahren Aufseher im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig und hatte dort die Ermordung von mindestens 5232 Menschen unterstützt. Josef S. droht im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren. Er war zur Tatzeit 21 bis 24 Jahre alt.

Am zweiten Verhandlungstag machte der Angeklagte dann Angaben zu seiner Person, erzählte über seine Kindheit als „Volksdeutscher“ in Litauen. Auch über sein Leben nach dem Zweiten Weltkrieg gab S. Auskunft. Und dann äußerte sich S. überraschend doch zum Konzentrationslager: Sachsenhausen kenne er überhaupt nicht, sagte S. „Ich bin unschuldig.“

Extrem rechter Videoblogger verfolgte Prozessbeginn

Auch die rechte Szene interessiert sich für den Prozess. An den ersten beiden Verhandlungstagen nahm der Rechtsextremist Nikolai Nerling teil, der im Internet Videos als „Volkslehrer“ veröffentlicht.  Nerling ist wegen Volksverhetzung vorbestraft, weil er den Holocaust relativiert hatte. In einem Video über den ersten Prozesstag äußerte Nerling Zweifel an der Ermordung von KZ-Häftlingen durch eine Genickschussanlage („ich weiß ja nicht…“). Einen solchen Prozess wie den gegen S. dürfe es gar nicht geben, meint Nerling.

Der Sachsenhausen-Prozess in Brandenburg ist das zweite Verfahren gegen mutmaßliche NS-Verbrecher, das innerhalb weniger Tage begann. Vor dem Landgericht Itzehoe muss sich seit vergangener Woche die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. wegen Beihilfe zum Mord in 11.380 Fällen und Beihilfe zum versuchten Mord in sieben Fällen verantworten. F. war zwischen Mitte 1943 und April 1945 Sekretärin des Kommandanten des KZ Stutthof. Die 96-Jährige floh am ersten Verhandlungstag, wurde jedoch einige Stunden später von der Polizei gefasst. Anschließend kam F. zunächst in Untersuchungshaft. Neonazis feierten nach der Flucht die „Rebellin von Itzehoe“ und forderten im Internet nach F.s Inhaftierung die „Freiheit für die letzte Gefangene des Zweiten Weltkriegs“. Inzwischen ist der Haftbefehl gegen F. außer Vollzug gesetzt worden.
 

Erschienen in: Aktuelle Meldungen