Kriminelle braune Hooligantruppe

Von Kai Budler
09.10.2020 -

Sechs Jahre nach der Gründung der extrem rechten Hooligan- und Kampfsportgruppe „Jungsturm“ stehen vier mutmaßliche Mitglieder demnächst vor Gericht. Die Gruppierung ist seit Jahren ein zentraler Bestandteil der Thüringer Neonazi-Szene und international gut vernetzt.

Im Visier hatten die Ermittler auch das Veranstaltungszentrum „Erlebnisscheune/Erfurter Kreuz“; Photo (Archiv): K.B.

Vor dem Landgericht Gera müssen sich demnächst vier mutmaßliche Mitglieder der Gruppierung „Jungsturm“ wegen der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ verantworten. Bereits Ende April 2020 hatten Polizisten bei Hausdurchsuchungen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen drei Männer festgenommen, darunter Theo W., einen preisgekrönter Kampfsportler aus Sachsen-Anhalt. Auf der Suche nach der Infrastruktur des „Jungsturms“ durchsuchten die Ermittler das extrem rechte Veranstaltungszentrum „Erlebnisscheune/Erfurter Kreuz“ im thüringischen Kirchheim, das seit Jahren für Konzerte und Veranstaltungen der neonazistischen Szene genutzt wird.

Gewalttätige Übergriffe auf gegnerische Fans

Für den „Jungsturm“ meldete unter anderem Marco K. in Kirchheim Räumlichkeiten an, dort trafen sich die Mitglieder, führten Kampfsporttrainings durch und verabredete sich zu weiteren Straftaten. Ende Juli folgte in Gotha die Festnahme eines weiteren Mannes, der an schweren Gewalttaten beteiligt gewesen sein soll. Unter anderem geht es um militante Überfälle auf Fans des FC Carl Zeiss Jena in den vergangenen zwei Jahren mit teils schwer verletzten Personen.

Wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermitteln die Behörden seit Monaten gegen den „Jungsturm“ aus der Hooligan-Szene im Umfeld des FC Rot-Weiß Erfurt. Dem heute 29-jährigen Steve W. wirft die Staatsanwaltschaft vor, mit dem ebenfalls beschuldigten Marco K. die Gruppierung gegründet zu haben. Zwei Jahre später soll Theo W. hinzugekommen sein, der später zu den führenden Köpfen des „Jungsturms“ gehört haben soll. W. soll unter anderem die Finanzen verwaltet, Kampfsporttrainings durchgeführt und an Kämpfen teilgenommen haben. Als weitere Führungsfigur sei K. „für die Festigung des internen Zusammenhalts und Organisator für gruppeninterne Veranstaltungen zuständig gewesen“.

Nachwuchsgruppierung von „Kategorie Erfurt“

Neben den Überfällen auf gegnerische Fans werden den Beschuldigten auch „Drittortauseinandersetzungen“ vorgeworfen, also verabredete Schlägereien gegen andere Hooligan-Gruppen. Für den Prozess sind bislang 27 Verhandlungstage angesetzt.

Die Gruppierung „Jungsturm“ wurde 2014 gegründet, spätestens seit 2017 sollen Mitgliedbeiträge erhoben worden sein. Die oft verharmlosend als „Problemfans“ bezeichnete Gruppierung sieht sich als Nachwuchs der 2002 gegründeten Gruppe „Kategorie Erfurt“ (KEF), deren Mitglieder bei Neonazi-Aufmärschen Gegendemonstranten angriffen und NPD-Veranstaltungen gewalttätig absicherten. Doch die bloße Einstufung als „Hooligangruppe“ wird der Bedeutung des „Jungsturms“ bei weitem nicht gerecht. Schon lange ist die Fanszene des Erfurter Fußballvereins mit Neonazis durchsetzt, die die Spiele als Bühne für ihr menschenverachtendes Gedankengut nutzen und gewalttätige Überfälle verüben.

In der Neonazi-Szene sozialisiert

Auch international pflegt die Gruppierung gute Kontakte zu anderen Gruppen von Neonazi-Hooligans, die teilweise den Netzwerken von „Blood&Honour“ und „Combat 18“ zuzurechnen sind. Die Projektkoordinatorin der „Mobilen Beratung in Thüringen“ (Mobit), Romy Arnold, warnte erst im Mai dieses Jahres, „dass Mitglieder vom ‚Jungsturm’ in die deutsche und internationale Neonazi-Szene verwickelt sind, dass auch die Taten mit einem politischen Hintergrund verübt wurden, beispielsweise der Übergriff auf Connewitz 2016, an dem ‚Jungsturm’-Mitglieder beteiligt waren und dass ‚Jungsturm’-Mitglieder in der Neonazi-Szene sozialisiert worden sind.“