Konspiratives „Oi!“-Konzert floppt

Von Sebastian Lipp
17.08.2018 -

Neonazis veranstalten in Sachsen ein „Oi!“-Sommerkonzert. Doch das Versteckspiel um den Veranstaltungsort kostet Publikum.

„Oi!“-Sommerkonzert stößt auf wenig Resonanz; (Screenshot)

Am Samstagabend führten Neonazis ein Rechtsrock-Konzert mit den „Prolligans“ im „Dancehouse Zeche II“ in Neukirchen im Landkreis Leipzig durch. Zunächst war nur bekannt, dass es irgendwo in Sachsen stattfinden sollte. Eine bekannte Anhängerin der Bornaer Neonazi-Szene, die als Veranstalterin auftrat, gab sich viel Mühe, den genauen Ort des Gigs geheim zu halten.

Selbst die Sicherheitsbehörden sollten monatelang im Dunkeln tappen. Bis zum Tag vor dem Konzert war nur bekannt, was die Veranstalter selbst im Internet veröffentlichten, wie eine Sprecherin des sächsischen Innenministeriums auf Anfrage mitteilte. Auch bei der politischen Einordnung des Events tat sich das Ministerium schwer: „Ob es sich bei dieser Veranstaltung um ein rechtsextremistisches Konzert handelt, kann gegenwärtig noch nicht abschließend beurteilt werden“, hieß es im Juni auf Anfrage. (bnr.de berichtete)

Erst rund 24 Stunden vor Konzertbeginn erhielten zahlende Gäste eine Telefonnummer. Anrufern wurde ein Treffpunkt mitgeteilt: Getränkemarkt Donat, Borna. Dort sollte es kurz vor Eröffnung des Konzertgeländes weitere Informationen geben. Doch nur weniger als 50 Personen trafen auf dem Parkplatz ein. Beobachter rechneten damit, dass deutlich mehr Teilnehmer anreisen würden. Auch die Veranstalter dürften mit erheblich mehr Resonanz gerechnet haben. Kurz vor Ende des Kartenvorverkaufs wurde sogar die Konspirativität gelockert, um noch einige Kurzentschlossene zur Teilnahme bewegen zu können.

Line-Up zusammengestrichen

Bereits im Vorfeld sagten Konzertteilnehmer wieder ab und forderten ihr Geld zurück. Manche hatten keine Lust auf ein Versteckspiel und sagten wegen der Geheimniskrämerei der Veranstalter ab. Auch mit den Bands sollte es nicht recht klappen. Lange kündigten die Veranstalter den Auftritt von sechs Bands an, behaupteten weitere seien „in Planung“ und sprachen geheimnisvoll von einer Überraschung. Einen Monat vor dem Termin erschien ein neuer Flyer, das Line-Up war auf vier Bands zusammengestrichen: „Prolligans“, „Bombecks“, „Skinfront“ und „Kotten“, die im Oktober beim Jubiläum von „Voice of Anger“ spielten. Es fehlten die ursprünglich angekündigten „Angry Bootboys“ und „Combat BC“.

Einige Konzertbesucher hätten „oben alles vollgekotzt“, Scheiben zerstört und Gläser zerbrochen, bilanziert die wenig begeisterte Veranstalterin, die nun dafür aufkommen müsse. Außerdem hätte jemand eine erhebliche Menge Getränke auf ihre Kosten „angeschrieben“. Lange waren die Rechtsrocker auf der Suche nach einem geeigneten Konzertgelände im Landkreis Leipzig. Das ist nun aufgeflogen. Der Vermieter der Zeche II auf der alten Brikettfabrik in Neukirchen würde den Neonazis wieder ein Bühne geben, sagt er am Telefon auf Nachfrage: „Klar. Ich vermiete an jeden der bezahlt.“

Auf gemeinsamer Bühne mit den „Prolligans“

Am Tag nach dem Flop veröffentlichten die „Prolligans“ ein Bandphoto. Darauf ist auch der Sänger der „Martens Army“ zu sehen. Die Gruppe ließ bislang Berührungsängste mit Rechtsrock-Bands zwar vermissen, galt aber nicht als rechtsextrem. Schon Mitte September wollen die „Oi!“-Rocker mit den „Prolligans“ und „Oi!ropäer“ auf einer gemeinsamen Bühne stehen. (bnr.de berichtete) Beide gehören zum Label „Subcultural Records“. Das Projekt versucht offenbar gezielt, eine sich als nicht-rechts verstehende Musikszene mit Neonazi-Bands zusammen zu bringen. Dahinter steht der Allgäuer Plattenproduzent Benjamin Einsiedler, der auch das einschlägige Neonazi-Label „Oldschool Records“ betreibt und zugleich als Führungsfigur der größten bayerischen Skinhead-Kameradschaft „Voice of Anger“ gilt.

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