Konspirativer „Oirock“ im Sommer in Sachsen

Von Sebastian Lipp
29.05.2018 -

Für ein „Oi!“-Sommerkonzert im Freistaat werben die im Visier des Verfassungsschutzes stehenden „Prolligans“. Auch andere der angekündigten Bands sind als einschlägige Rechtsrock-Bands bekannt.

„Oirock Sommerkonzi“ in Sommer geplant; (Screenshot)

„Putz die Stiefel! Es geht nach Sachsen“, heißt es auf einem Flugblatt, das die „Prolligans“ im Internet verbreiten. Sie treten dabei auch als „Gastgeber“ auf. Im August soll demnach ein „Oirock Sommerkonzi“ in Sachsen stattfinden. Der genaue Ort wird nicht genannt, den erfahren Interessierte erst nach dem Kauf der Karten. Auch die Behörden tappen im Dunkeln. Das sächsische Innenministerium teilt auf Anfrage mit, es habe „noch keine belastbaren Erkenntnisse. Der Ort ist derzeit nicht bekannt.“ Man werde aber die Entwicklung der Veranstaltung „im Auge behalten“.

Die Geheimniskrämerei dürfte mit dem Line-Up des Events zusammenhängen. Wie zuvor sollen Protest, kritische Berichterstattung und behördliche Intervention erschwert werden. (bnr.de berichtete) Neben den „Prolligans“ als Gastgeber sollen die „Bombecks“, „Angry Bootboys“, „Combat BC“, „Skinfront“, „Crophead“ und „Kotten“ auf der Bühne stehen. Einige der angekündigten Bands geben sich gerne ein unproblematisches „Oi!“-Image und behaupten, „unpolitisch“ zu sein. Tatsächlich sind sie als einschlägige Rechtsrock-Bands bekannt.

Scheinbar unpolitische Skinhead-Szene

So geben sich die „Prolligans“ aus dem Allgäu, die Headliner des Abends, als unpolitische „Oi!“-Band aus. Auch ihr Label „Subcultural Records“ aus dem Unterallgäu gibt sich harmlos und unpolitisch. Tatsächlich spielen bei den „Prolligans“ mehrere Personen, die zuvor bei einschlägigen Neonazi-Bands mitgewirkt haben: „Faustrecht“, „Hard As Nails“ und – bis vor kurzem – „Smart Violence“. Sämtlich wurden diese Gruppen von „Oldschool Records“ produziert und vertrieben. Das ist kein Zufall – hinter „Oldschool Records“ und „Subcultural Records“ steht derselbe Betreiber, der offenbar gezielt versucht, eine sich als unpolitisch verstehende Skinhead-Szene mit Neonazi-Bands zusammen zu bringen. Gleichzeitig gilt der Plattenproduzent Benjamin Einsiedler als Führungsfigur der Neonazi-Kameradschaft „Voice of Anger“. (bnr.de berichtete)

Inzwischen führt auch der Verfassungsschutz in Bayern die „Prolligans“ als rechtsextreme Band. (bnr.de berichtete) Auf „Kotten“ und andere Bands des Abends haben die Behörden ebenfalls ein Auge. Auch Tonträger der „Angry Bootbys“ wurden bei „Oldschool Records“ veröffentlicht.

„Oi!“-Image mit „Skrewdriver“-Song

„Combat BC“, die sich erst im vergangenen Jahr gegründet haben wollen, setzen ebenso auf ein „Oi!“-Image, spielen aber live etwa den Song „Back with a bang“ von „Skrewdriver“. Deren Sänger Ian Stuart Donaldson gilt als Mitbegründer des Rechtsrocks. Später gründete er das in Deutschland verbotene aber weiterhin aktive Neonazi-Netzwerk „Blood&Honour“.

Dass die Strategie teilweise verfängt, mit einem „unpolitischen“ Image Menschen an die Neonazi-Szene heranzuführen und zu binden, zeigt sich exemplarisch an den „Southern Rebels“ aus Landsberg am Lech. Diese stießen im vergangenen Jahr zu „Subcultural Records“, wo sie ihr erstes Album produzieren wollten. Zuvor erklärten sich Band-Mitglieder noch solidarisch mit Geflüchteten, wie Photos auf Facebook zeigten, jetzt verkehrte man mit Neonazis.

Innerhalb eines halben Jahres wurden die Kontakte der „Southern Rebels“ in die extrem rechte Szene so eng, dass sie im Oktober an einem im Geheimen organisierten Konzert mit rund 250 Neonazis teilnehmen durften – dem 15-jährigen Jubiläum der Neonazi-Kameradschaft „Voice of Anger“. Nach öffentlichem Druck erklärte die Combo, das Label zu verlassen. Doch die guten Kontakte blieben. Die „Southern Rebels“ bewerben das Rechtsrock „Sommerkonzi“ in Sachsen und wollen weiter mit entsprechenden Bands auf der Bühne stehen.

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