Kandel ist doch nicht überall

Von Fabian Jellonnek und Pit Reinesch
13.06.2018 -

Der Mordfall Susanna bestimmt bundesweit die Schlagzeilen. Die „Alternative für Deutschland“ instrumentalisiert die Ermordung der 14-jährigen Mainzerin für ihre politischen Zwecke. Beim Versuch die Stimmung auf die Straße zu tragen scheitern die Rechtspopulisten bislang jedoch: Nicht nur am Wetter, sondern auch an der eigenen Zerstrittenheit.

Nur geringe Beteiligung an der Kundgebung von „Kandel ist überall“ in Mainz; © achtsegel.org

Die große Deutschlandfahne der jungen Frau aus dem Spektrum der „Jungen Alternative“ mag längst nicht mehr wehen. Vollkommen durchnässt hängt das triefende Bündel im Dauerregen. Lediglich ein paar Dutzend Menschen haben sich am Montagabend in Mainz unter dem Motto „Kandel ist überall“ versammelt.

Anlass für die Mahnwache ist die Ermordung einer 14-jährigen Mainzerin, mutmaßlich durch einen geflüchteten Iraker. Der Fall ist durch die Rezeption in Politik und Medien zu einem Thema mit bundesweiter Bedeutung geworden: Bundesinnenminister Horst Seehofer verkündete persönlich die Festnahme des Täters im Irak, an der sich der Chef des Bundeskriminalamts beteiligte und die Zeitung mit den vier großen Buchstaben präsentiert ihrer Leserschaft ein Foto von einem Rosenstrauch, unter dem der Täter gefasst wurde.

Es überrascht nicht, dass hier die AfD bemüht ist, den Fall für ihre politischen Absichten zu missbrauchen. Die Konstellation aus einer jungen deutschen Frau, getötet durch einen Menschen mit Fluchthintergrund, bietet die Vorlage für die rassistische Erzählung der Partei, die Kriminalität mit Herkunft verknüpft und überall Bedrohung durch Fremde wittert.

Auf Augenhöhe mit Pegida

Eine ganz ähnliche Konstellation konnten die Veranstalter des Protests vom Montagabend vor mehreren Monaten für sich nutzen. Die Instrumentalisierung der Ermordung einer Teenagerin zog damals mehrere tausend Rechtsextreme ins beschauliche Kandel. (bnr.de berichtete) Das mobilisierende Bündnis um die stellvertretende Fraktionssprecherin der AfD im Landtag von Baden-Württemberg, Christina Baum, wähnte sich da bereits auf Augenhöhe mit dem Dresdner Vorbild Pegida.

Im Höhenflug verkündete man sogar, Fehler von Pegida vermeiden zu wollen und ließ das hölzerne Demo-Motto „Kandel ist überall“ kurzerhand als Marke anmelden, um sich von Trittbrettfahrern abgrenzen zu können.

An dem Montag im Juni im Mainzer Dauerregen ist es angesichts der überschaubaren Mobilisierung kaum vorstellbar, dass jemand versuchen könnte, von der „Marke“ zu profitieren. Die Gründe für den schnellen Abstieg in die Bedeutungslosigkeit sind dabei keineswegs nur beim Wetterfrosch zu suchen: Christina Baum und ihr Umfeld haben sich während der Organisation der großen Proteste in Kandel mit zahlreichen Mitstreitern überworfen.

Eigene Mahnwache der AfD am Samstag

Schon im März spaltete sich Marco K., der im Reichsbürger- und Verschwörungstheoretiker-Spektrum über Mobilisierungspotenzial verfügt, vom AfD-nahen Bündnis „Kandel ist überall“ ab. In der Folge konkurrierte er mit „Kandel ist überall“ um die Gunst des Bündnisses „Beweg was Deutschland“, einer Mainzer Variante der „Merkel muss weg“-Proteste. K. scheint sich dabei durchgesetzt zu haben. Mit dem eigenen Parteikollegen und AfD-Vorsitzenden aus Rheinland-Pfalz, Uwe Junge, trug man öffentlich via Facebook einen leidenschaftlichen Streit aus. Das Spektrum der extrem rechten Hooligans, dass im März großen Anteil an der Mobilisierung hatte, scheint das ganz große Interesse an „Kandel ist überall“ verloren zu haben.

Auf der Straße äußert sich diese interne Zerstrittenheit darin, dass man inzwischen selbst in einer Stimmungslage wie dem Fall Susanna nicht mehr zusammenfindet. Die rheinland-pfälzische AfD veranstaltete am Samstag ihre eigene Mahnwache, sonntags folgte „Beweg was Deutschland“. Die beiden Demonstrationen am Wochenende trieben mehr Menschen auf die Straße, mobilisierten laut einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ jedoch auch kaum mehr als jeweils einhundert Menschen.

Die Gegenproteste fielen in allen Fällen deutlich größer aus. Ihren Frust darüber zeigt am Montag die Frau aus dem Spektrum der „Jungen Alternative“, indem sie den Gegendemonstranten demonstrativ den Mittelfinger zeigt.

Das könnte neben dem Wetter und der Zerstrittenheit der Szene ein weiterer Grund für die geringe Beteiligung am Montagabend sein: Vielleicht haben gar nicht so viele Menschen Lust darauf, dass trauernde Familien und ermordete Jugendliche für politische Zwecke und rassistische Kampagnen missbraucht werden.

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