Jeder fünfte Thüringer rechtsextrem

Von Kai Budler
02.11.2017 -

Obwohl die Zufriedenheit mit der Demokratie in Thüringen gestiegen ist, wachsen auch rechtsextreme und rassistische Einstellungen im Freistaat. Das belegt der jetzt vorgelegte „Thüringen-Monitor 2017“.

 

Rechtsextreme Einstellungen haben sich in Thüringen verstärkt; (Screenshot)

In Thüringen ist die Zufriedenheit mit der Demokratie angestiegen, die Forscher sprechen von „ausgesprochen positiv zu bewertenden Entwicklungen“. Etwa zwei Drittel der Befragten gaben an, sie seien mit der „Demokratie, so wie sie in Deutschland funktioniert“, zufrieden. Noch 2015 betrug der Wert noch nicht einmal die Hälfte der Befragten, 2017 ist in diesem Bereich ein Spitzenwert seit Erhebung der Studien im Jahr 2001 erreicht. So stieg der Wert bei den „zufriedenen Demokraten“ gegenüber dem Vorjahr um 16 Punkte auf 61 Prozent an. Mit 26 Prozent bei „unzufriedenen Demokraten“ und 9 Prozent bei „Demokratieskeptikern“ wurden die kleinsten Werte seit Beginn der Studie gemessen. Bei der Kategorie „Antidemokraten“ stagnierte der Wert mit 6 Prozent  auf dem Niveau der beiden Vorjahre.

Gleichzeitig stimmen aber wie bereits im vergangenen Jahr 69 Prozent der Befragten den Aussagen zu, dass „in unserer Demokratie die Anliegen der Menschen nicht mehr wirksam vertreten“ werden und die „Herrschenden und Mächtigen in unserer Gesellschaft ... gegen die Interessen der einfachen Bevölkerung“ handeln. 63 Prozent meinen, dass Deutschland „jetzt“ eine „starke Partei“ brauche, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Mit 44 Prozent ist auch der Anteil der Befragten gestiegen, die glauben, dass „die Ausländer“ nur hierher kommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen, 54 Prozent glauben, dass die meisten Asylbewerber nicht wirklich befürchten, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden. Mit 83 Prozent fordern gegenüber dem Vorjahr zehn Prozent mehr der Befragten, dass der Staat bei der „Prüfung von Asylanträgen nicht großzügig sein“ solle. Dabei haben lediglich rund sechs Prozent der Thüringer einen Migrationshintergrund, nur rund ein Prozent sind Flüchtlinge. Trotzdem sehen 53 Prozent der Befragten, „die Bundesrepublik … durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“.

„Ausgeprägte Rechtsverschiebung“ in der Mitte

Die Forscher erklären, angesichts dieser Befunde „überrascht es nicht, dass die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr nicht weiter zurückgegangen“, sondern um drei Prozentpunkte gestiegen ist. Nach dieser Erhebung weist fast jeder fünfte Thüringer rechtsextreme Einstellungen auf, acht Prozent der Befragten hängen neonazistischen Einstellungsmustern nach. Deutlich erhöhte Werte für Rechtsextremismus und Ethnozentrismus erkennen die Forscher in der Mitte der Thüringer Gesellschaft, also bei „in zentraler Mittellage positionierten Personen mit mittlerem Einkommen, subakademischer Bildung und einfacher Tätigkeit“. Die oftmals erwartete „systemintegrative Wirkung“ sei folglich von dieser Schicht nicht zu erwarten, heißt es im Fazit der Studie, vielmehr weise sie eine „ausgeprägte Rechtsverschiebung“ auf.

Der „Thüringen-Monitor“ ist eine jährliche Studie zu den politischen Einstellungen der Thüringer Bevölkerung und wird seit dem Jahr 2000 von einem Forscherteam der Universität Jena erarbeitet. Schwerpunkt liegen insbesondere bei der Erforschung rechtsextremer Einstellungen, der Demokratieakzeptanz, der Demokratiezufriedenheit und dem Vertrauen in die Institutionen.

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