In den Fußstapfen der verbotenen KAL

Von Michael Klarmann
17.03.2017 -

Fast fünf Jahre nach dem Verbot der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) haben Neonazis den Wiederaufbau von Strukturen unter Tarnlabels umgesetzt und werben wieder verstärkt Jugendliche an. In Aachen spitzt sich ein Konflikt zwischen Nazigegnern sowie Neonazis und Hooligans dabei zu.

Inoffiziell in der Nachfolge der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“; Photo: M.K.

Ausgangspunkt für den aktuellen Konflikt scheint ein Angriff von zwei Neonazis auf Schüler in Aachen am Rande des linksalternativ geprägten Frankenberger Viertels gewesen zu sein. Die Angegriffenen engagieren sich offenbar in der linken Szene. Antifaschisten zufolge fand die Attacke am 2. November 2016 in einer Schulpause statt. Einer der Angreifer wurde kurz darauf an einer benachbarten Schule mittels Sprühaktionen „geoutet“ und bedroht. Dieser junge Neonazi feixte mit zwei anderen „Kameraden“ am 9. November am Rande des Pogromnachtnacht-Gedenkens. Er selbst mischte sich sogar provokativ unter die Mahnwache, sodass die Situation fast zu einer wilden Schlägerei zwischen ihm und Antifaschisten eskaliert wäre. Die Polizei sprach gegen den Störer einen Platzverweis aus.

Rund um Weihnachten und dem Jahreswechsel versuchten Neonazis, im besagten Viertel ihr Revier beziehungsweise ihren „Nazi-Kiez“ mit Aufklebern von „Syndikat 52“ (S52), der „Identitären Bewegung“ (IB) und der „Identitären Aktion“ (IA) sowie „Anti-Antifa“-Schmierereien zu markieren. Das nahe gelegene „Autonome Zentrum“ (AZ), ein Treffpunkt für Nazigegner, wurde beklebt und mit Hakenkreuzen beschmiert. In einem anonym via Internet publizierten Bericht wurde darauf hingewiesen, dass Anfang Januar zudem zwei mit Schlagstöcken bewaffnete Neonazis AZ-Besucher, die gerade das linke Zentrum verließen, angegriffen hätten. Anfang März „outeten“ dann im Gegenzug Antifaschisten den jungen Schüler und dessen beide „Kameraden“: Den aus Düsseldorf stammenden Sebastian „Seppel“ L. sowie Timm M., Sohn eines bekannten Neonazis und Gastsänger für den braunen Musiker „Makss Damage“.

Als Unterorganisation von „Die Rechte“-Kreisverband getarnt

Die Nazigegner verteilten dazu im Wohnumfeld steckbrief-artige Flyer und bezichtigten das Trio, an den Übergriffen beteiligt gewesen zu sein. Alle drei Neonazis gehören „Syndikat 52“ an oder bewegen sich im Umfeld der Nachfolgeorganisation der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL). Vergangenen Sonntag wollten Personen jener Klientel dann provokativ in dem linksalternativen Viertel ein Transparent an der Burg Frankenberg aufhängen, bis sie von Nazigegnern mit Tritten und Schlägen attackiert und „verjagt“ wurden. Donnerstagabend wurden im Viertel erneut zwei Neonazis von rund 15 bis 20 teils vermummten Antifaschisten unter den Augen von Passanten angegriffen. Autos mussten abrupt abbremsen, Flaschen flogen und Pfefferspray wurde versprüht. Sebastian L. wehrte sich mit einem Schlagwerkzeug, bis zahlreiche Streifenwagen der Polizei anrückten. Am selben Abend marschierten dann fast zehn Neonazis am AZ auf.

„Syndikat 52“ (S52) firmiert nicht offiziell als Nachfolgegruppe der im Sommer 2012 verbotenen KAL, sondern tarnt sich geschickt als Untergruppierung des Kreisverbandes Aachen-Heinsberg der neonazistischen Minipartei „Die Rechte“ (DR). Allerdings sind die Kader teils identisch. Neue, jüngere oder zugezogene Mitläufer und Neonazis tragen jedoch dazu bei, den Schein einer neuen Organisationsstruktur zu wahren. Aktivitäten indes sind oft altbekannt und reihen sich immer offener in die Traditionslinie der KAL ein, inklusive der häufig zum Teil konspirativen Vorbereitung. So reisen Vertreter und Sympathisanten von S52 gemeinsam zu Aufmärschen. Ähnlich wie früher die KAL hält S52 „Heldengedenken“, „Sonnenwendfeiern“ und neonazistische Weihnachtsfeiern ab. Sporadisch treten Mitglieder und Sympathisanten, darunter auch Ex-KAL-Kader, bei Aktionen und Aufmärschen in „S52“-Shirts auf.

Organisator von Rechtsrock-Veranstaltungen

Ein für den „Raum Aachen“ angekündigtes, konspirativ vorbereitetes Konzert mit der extrem rechten Bremer Hooligan-Band „Kategorie C“ (KC) und „Makss Damage“ fand am 20. Februar 2016 im belgischen Burnenville nahe Malmedy statt. Auf nur szenenintern verbreiteten Flyern wurde „Syndikat 52“ als Organisator für das Konzert benannt. Eine zuvor von S52 konspirativ vorbereitete „Party für Deutsche!“ mit einem Auftritt von „Makss Damage“ gab es  bereits am 5. September 2015 in Heinsberg. S52 bewarb auch das höchst konspirativ vorbereitete „Lichtbringer-Festival“ am 5. November 2016 mit den Rechtsrock-Bands „Frontalkraft“, „Brainwash“ (beide Ostdeutschland) und „Flak“ (Rheinland), das – wie erst nun bekannt wurde – in Heinsberg veranstaltet wurde.

Schon kurz nach dem Verbot der „Kameradschaft Aachener Land“ hatten ehemalige KAL-Mitglieder verbreitet, man sei „trotz Verbots nicht tot!“, (bnr.de berichtete) Seit geraumer Zeit tritt S52 nun auch durch illegale Sprüh- und Transparentaktionen in Erscheinung, zudem wurden eigene Aufkleber unter dem Label der Gruppe massenhaft in der Region verklebt – so wie in KAL-Zeiten schon echte oder vermeintliche Reviere als „NS befreite Zone“ oder „Nazi Kiez“ markiert wurden. Und auch wenn S52 eine Art Freizeitgruppe sein soll, die formal der Partei DR untergeordnet ist, fällt doch auf: Je offensiver und präsenter S52 auftritt, umso weniger Aktivitäten zeigen die regionalen DR-Verbände noch.

Werbung um aktionsorientierte Hooligans

„Syndikat 52“ scheint derzeit im Großraum Aachen, also dem alten KAL-Gebiet, im neonazistischen, jugend(sub)kulturellen Bereich noch die einzige Struktur zu sein.  Wie zuvor schon durch die KAL werden von S52 junge Interessierte angesprochen beziehungsweise angeworben, um sie an die neonazistische Ideologie und Szene heranzuführen. Überdies wildert man erneut auch in der Problem-Fanszene des Fußball-Clubs Alemannia Aachen, um aktionsorientierte Hooligans und Jugendliche anzuwerben. Und eben jener Szene entstammt auch der junge Neonazi, der gemeinsam mit Sebastian L. seinerzeit in der Schulpause an einer Nachbarschule andere Schüler angegriffen haben soll.

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