IB-„Patrioten“ am Zirkus-Standort

Von Andrea Röpke
18.07.2018 -

Die „Identitäre Bewegung“ mobilisiert für ihren geplanten „Europa Nostra“-Kongress Ende August in die Pegida-Stadt an der Elbe.

Agitation der „Identitären“ an ihrem Haus in Halle; Photo: Otto Belina

„Lernt den patriotischen YouTube-Star hautnah kennen!“ In einer Art Bravo-Style von rechts wirbt die „Identitäre Bewegung“ für den Auftritt des Österreichers Martin Sellner beim geplanten „Europa Nostra“-Festival am 25. August im Zentrum der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Erst rund vier Wochen vorher wird jetzt mobilisiert, Tickets können über einen „IB Laden“ im Internet erworben werden.

Als weitere Redner werden unter anderem Daniel Fiß aus Rostock, der sächsische Satire-Vlogger Alexander Malenki und Philip Stein von „Ein Prozent“ angekündigt. Die sonst eher als Zirkus-Standort bekannte, freie Cockerwiese vor dem Deutschen Hygienemuseum soll als Veranstaltungsort dienen. Um 12.00 Uhr beginnt das politische Programm. Die Entscheidung für Dresden scheint kein Zufall, in Sachsen wird im nächsten Jahr gewählt. Das Motto des „Europa Nostra“-Festivals lautet: Gegenkultur – Vernetzung – Widerstand. Zeitgleich findet am 25. August in der Nähe von Weimar der neonazistische Event „Rock gegen Überfremdung“, organisiert aus dem Umfeld des NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben statt.

„Patriotische Vernetzungsapp“

Die „Identitären“ wähnen das „gesamte patriotische Milieu“ politisch im Aufwind, großspurig erklärt sich die Gruppierung, deren Mitgliederzahl bundesweit wohl immer noch nicht über die „eines kleinstädtischen Schützenvereins“ („Huffington Post“) hinausgeht, zur „aktivsten patriotischen Jugendbewegung“. Worte wie „nationalistisch“ werden in der Einladung tunlichst vermieden, durch Chiffres ersetzt. Europaweit soll in die Pegida-Stadt an der Elbe mobilisiert werden, um „das breite Mosaik patriotischer Jugendkultur“ mit verschiedenen Ausstellern, Modelablels, patriotischen Unternehmen, Initiativen und Kampagnen zu präsentieren. Dazu zählen die antifeministische Mini-Frauengruppe „120 Dezibel“, „Phalanx Europa“ und „Ein Prozent für unser Land“.

Auch die „patriotische Vernetzungsapp“ für Smartphones, „Patriot Peer“ benannt, will ihr Konzept der Bildung rassistischer und nationalistischer Synergien vorstellen, sie nennen es „Vernetzung aller Kräfte“. Der politische Widerstand soll per Handyspiel vermittelt werden. Die App beinhaltet anhand von Punkten ein Wertesystem. Die „taz“ schreibt dazu: „Der Hass, der durch die IB verbreitet wird, soll nun auch noch Punkte und Spaß bringen und die Hierarchien untereinander festigen. Schon jetzt misst Sellner sich in seinen Videos mit anderen Identitären an seinen Punkten.“  Die App soll bald auf den Markt kommen.

Österreichische IB-Anhänger vor Gericht

„Wir holen uns alles zurück! “, mit dem kämpferischen Satz beginnt der 55-Sekunden-Videoclip zur relativ kurzfristig beworbenen Veranstaltung bei YouTube.  Als Hauptlockmittel für junge interessierte YouTube-Nutzer wird auf Martin Sellner, enger Zögling von Götz Kubitschek, gesetzt, der zum Thema „Defend Europe – wie sich patriotische Kampagnenarbeit in reale Politik transformiert“ sprechen wird. Selbstbewusst heißt es in der Ankündigung: „Jeder kennt ihn“ –  den „Nazi-Hipster“ („Der Spiegel“) aus Wien. Dabei plagen insbesondere die „Identitären“ in Österreich große Probleme. Vor einem Grazer Gericht müssen sich seit einigen Tagen 16 Männer und eine Frau, Mitglieder und Sympathisanten der IBÖ, wegen des Vorwurfs der Bildung einer kriminellen Vereinigung verantworten, unter ihnen die mutmaßlichen Bundesleiter Sellner und Patrick Lenart. Weitere Anklagen kommen hinzu. Am Ende seines Plädoyers richtete der Grazer Staatsanwalt Medienberichten zufolge seine Worte direkt an die Beschuldigten: „Die Frage der Zuwanderung kann nicht durch Hetze gelöst werden. Sie können in Österreich links, linkslinks, rechts, östlich oder westlich sein, das ist egal, aber Sie dürfen nicht hetzen.“ 

„Identitäre“ wieder in die öffentliche Wahrnehmung bringen

Doch auch in der Bundesrepublik nimmt vor allem das mediale Interesse an den Provokationen der IB ab.  Bankenkonten und Facebook-Accounts wurden auch hier gesperrt. Nichts trifft die „Identitären“ härter, als offline zu sein. Massiv betreiben sie ihre PR im Netz. Es gibt einen regen Merchandising-Betrieb, über den der Umsatz ordentlich angekurbelt wird, immerhin leben Stars wie Vollzeitaktivist Sellner inzwischen anscheinend voll und ganz von Spenden und Einnahmen ihrer Gefolgschaft. Allein der ausgiebig Monologe haltende Hobbyfilmer Sellner hat bei YouTube knapp 50.000 Abonnenten, doch die ganz großen Klickzahlen blieben in diesem Jahr bisher aus. „Ihre Aktionen sind zuletzt häufiger gefloppt“, sagt die Wiener Sozialwissenschaftlerin Judith Goetz, die ein Buch über die IBÖ veröffentlicht hat. Das liege schlicht daran, dass die Medien ihre Taktik durchschaut haben und nicht mehr darüber berichten. Allerdings erhält die IB auch politische Konkurrenz von rechten Regierungsparteien in Österreich und Deutschland, die Europa selbst abschotten wollen und Mittelmeer-Retter in IB-Manier kriminalisieren. Der August-Event im Zentrum von Dresden soll die „Identitäre Bewegung“ nach deren Willen nun wieder in die öffentliche Wahrnehmung bringen.

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