Hassmusik unter freiem Himmel

Von Kai Budler
07.11.2017 -

Thüringen ist trauriger Spitzenreiter bei Open Air-Rechtsrock. Mehr als die Hälfte der braunen Konzertveranstaltungen fand zwischen Mitte April und Ende September in Südthüringen statt.

Rechtsrock-Konzerte sind durchaus lukrativ; Photo (Archiv): K.B.

In Thüringen fanden in diesem Jahr durchschnittlich fast zwei Rechtsrock-Konzerte pro Monat unter freiem Himmel statt. Das geht aus einer Antwort des Thüringer Innenministeriums auf die Anfrage der Landtagsabgeordneten der Grünen, Madeleine Henfling, hervor. Demnach gab es zwischen Mitte April und Ende September dieses Jahres elf solcher Veranstaltungen, die als politische Versammlungen angemeldet wurden. Mehr als die Hälfte dieser Rechtsrock-Open Airs im Freistaat wurden nach Angaben des Ministeriums am Gasthaus „Goldener Löwen“ des Neonazis Tommy Frenck in Kloster Veßra durchgeführt, vier Hasskonzerte unter freiem Himmel auf einer Wiese im nur knapp drei Kilometer entfernten Themar. Mit den NPD-nahen Open Airs „Eichsfeldtag“ und „Rock für Deutschland“ fand jeweils eine Rechtsrock-Veranstaltung in Leinefelde und Gera statt. Die Teilnehmerzahlen bei den braunen Events schwankten dabei zwischen 25 und knapp 6000, im Durchschnitt wurde jedes der elf Open Airs von knapp 826 Personen besucht.

Das weitaus größte Neonazi-Musikevent wurde mit 5960 Besuchern Mitte Juli auf einer Wiese in Themar veranstaltet, die dem Bürgermeister des nahegelegenen Örtchens Grimmelshausen und ehemaligen AfD-Mitglied Bodo Dressel gehört. Er hat bereits angekündigt, seine Wiese auch im kommenden Jahr zur Verfügung stellen zu wollen. Bei fünf der aufgelisteten Konzerte unter freiem Himmel hat das Ministerium nach eigenen Angaben „keine Kenntnisse" über mögliche Eintrittsgelder, bei einem Open Air in Kloster Veßra und dem „Rock für Deutschland" in Gera seien feste Eintrittsgelder erhoben worden. Beim „Eichsfeldtag" in Leinefelde wären die Besucher mit einer „freiwilligen Spende" auf das Gelände gelangt, bei zwei Open Airs in Themar sei neben Eintrittskarten im Vorverkauf in Höhe von 30 beziehungsweise 35 Euro am Veranstaltungstag ein „freiwilliger Unkostenbeitrag" erhoben worden.

„Rechtsrock-Konzerte bringen enorme Einnahmen“

Diese Auflistung stößt bei der Mobilen Beratung in Thüringen. Für Demokratie - gegen Rechtsextremismus (MOBIT) auf Kritik. Auf Anfrage heißt es: „Es ist völlig unverständlich, dass das Innenministerium bei der Antwort auf mögliche Eintrittsgelder von ‚freiwilligen Spenden' oder ‚freiwilligen Unkostenbeiträgen' spricht. Offenbar schauen die zuständigen Behörden immer noch viel zu wenig auf die Einnahmensituation bei den Rechtsrock-Open Airs und damit auf ihren lukrativen Nutzen. Sie stützen damit aber auch die Argumentation der extrem rechten Veranstalter, die diese Formulierung nutzen, um ihre Hassmusik-Konzerte unter freiem Himmel als politische Versammlungen anmelden zu können“. Die Grünen-Politikerin Madeleine Henfling spricht von Thüringen als einer „Wohlfühlzone für Neonazis und ihre Erlebniswelten“ und fordert gegenüber bnr.de ebenfalls, dass „sich staatliche Institutioen auch auf die Finanzströme innerhalb der rechten Szene konzentrieren“ müssten. Henfling sagt: „Die Rechtsrock-Konzerte bringen enorme Einnahmen, die in den Erhalt der rechten Szenen fließen. Bei den Schwerpunktregionen Kirchheim, Themar beziehungsweise Kloster Veßra braucht es gezielte Unterstützung der Landesregierung für die kommunalen Zuständigen.“

In der Anfrage der Abgeordneten Henfling ist noch nicht das jüngste von dem Neonazi Patrick Schröder initiierte Open Air „Rock gegen Links“ am 28. Oktober in Themar aufgeführt. Hier zählte die Polizei knapp 1100 Besucher, die aus dem gesamten Bundesgebiet, der Schweiz, Tschechien, Polen, der Slowakei und Italien anreisten.

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