„Hässliche Aktion“ von rechten Hools

Von Theo Schneider
03.07.2018 -

Mit Bewährungs- und Geldstrafen sowie einem Freispruch endete am heutigen Dienstag der Prozess um einen Angriff mit brennenden Fackeln auf eine Flüchtlingsunterkunft 2015 in Berlin-Marzahn.

Auftritt der damaligen Berliner BDH-Truppe; Photo (Archiv): Th.S.

Sieben Angeklagte, darunter eine Frau, mussten sich seit dem 19. Juni vor dem Berliner Amtsgericht Tiergarten wegen eines Angriffs auf eine Flüchtlingsunterkunft 2015 im Ortsteil Marzahn verantworten. Bereits am ersten Verhandlungstag endete der Prozess für drei Beteiligte, am heutigen Dienstag fielen die restlichen Urteile.

Damals, in der Nacht des 20. August 2015 hatten sich 16 Anhänger des Berliner HoGeSa-Ablegers „Bündnis Deutscher Hools“ (BDH) unweit der Unterkunft am Blumberger Damm getroffen und waren mit brennenden Holzlatten zu der Einrichtung gezogen, um „ein Zeichen gegen die deutsche Asylpolitik zu setzen“. Dort angekommen warfen sie die selbstgebastelten Fackeln über den Zaun, die teilweise von den Bewohnern der Unterkunft gelöscht werden mussten.

Als Security für „Bärgida“-Aufmärsche verstanden 

Das „Bündnis Deutscher Hools“ war ein Zusammenschluss Fußball-affiner Rechter, der sich selbst als Security der islamfeindlichen „Bärgida“-Aufmärsche verstand. Die meisten ihrer Protagonisten waren zuvor noch nicht in organisierten rechten Strukturen aufgefallen. Enrico Sch. galt als Kopf dieser Truppe, die vor allem durch Alkoholkonsum und Straftaten in Erscheinung trat. Ein führender Protagonist war auch Steven K. Sie hatten bereits zuvor rechte Versammlungen angemeldet. Beide saßen nun als Angeklagte vor Gericht.

Gegründet hatte sich das BDH im April 2015. Wenige Monate später, kurz nach dem Vorfall an der Flüchtlingsunterkunft löste sich die Gruppe jedoch schon wieder auf. (bnr.de berichtete

Eine „hässliche Aktion“ mit der die Täter „Angst und Schrecken“ unter den Bewohnern verbreiten wollten, war sich die Richterin in ihrer Urteilsbegründung sicher. Um die Unterkunft allerdings in Brand zu stecken, „war die Aktion nicht geeignet“, resümierte sie. Im Nachgang des Vorfalls war in manchen Medien nämlich von einem Brandanschlag die Rede gewesen. Die Fackeln waren jedoch zehn Meter entfernt von der Unterkunft auf der Rasenfläche gelandet. Angeklagt waren die sieben Personen deswegen für „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung eines gemeingefährlichen Verbrechens“.

Gruppenfoto vor der Aktion

Koordiniert hatten sich die selbst ernannten „Hooligans“ damals über eine WhatsApp-Gruppe namens „BDH Support“, in der dazu aufgerufen wurde, sich in der Nacht mit Holzlatten und Laken an der Station Alt-Marzahn zu treffen. Steven K. soll die Nachricht gesendet haben. Vor Beginn der Aktion posierten die Beteiligten noch stolz für ein Gruppenfoto. Den Vorfall aufzuklären fiel der Polizei dann im Nachgang nicht schwer: Zum einen erwischte sie einige der Teilnehmer noch vor Ort, darunter die Angeklagten Andre M. und Beate R. Zudem war die Gruppe durch ihre regelmäßige uniformierte Anwesenheit beim Berliner Pegida-Ableger hinlänglich bekannt. Als der Polizei dann noch das Gruppenfoto in die Hände fiel und Teilnehmer in Vernehmungen ihre dort abgebildeten Kameraden identifizierten, war der Fall schnell gelöst.

Das dies später für Unmut sorgte, war am zweiten Verhandlungstag bemerkbar. Der damals vor Ort angetroffene 24-jährige Security-Mitarbeiter Martin W. wollte sich angeblich an den ganzen Vorfall überhaupt nicht mehr erinnern können, auch nach mehrfachen Vorhaltungen aus seiner Aussage bei der Polizei nicht. Richterin und Staatsanwaltschaft zweifelten daran, konnten aber das Gegenteil nicht beweisen. Womöglich erging es ihm ähnlich wie der zweiten Zeugin an dem Tag. Die 42-jährige Altenpflegerin Ines K. berichtete von Morddrohungen gegen sie im Vorfeld des Prozesses, wenn sie Belastendes über die Angeklagten aussagen würde. Sie hatte damals das Gruppenfoto erstellt und später bei der Polizei ebenfalls den Abgebildeten Namen zugeordnet. Auch sie hatte angeblich nur noch vage Erinnerungen an den Abend.

Angeklagter als DJ für Toleranz-Parade gebucht

Diese beiden Aussagen spielten aber am Ende keine weitere Rolle. K. hatte bereits am ersten Verhandlungstag als Einziger ausgesagt, sich dabei überwiegend geständig gezeigt und nur seine Rolle als Initiator bestritten. Angeblich hätte er den Aufruf von einer Frau aus Magdeburg bekommen und lediglich weitergeleitet.

Letztlich wurden K. und Sch. aufgrund ihrer „zentralen Rolle“ bei der Aktion und ihren erheblichen Vorstrafen zu neun- beziehungsweise sechsmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt. Das Gericht hatte „keine Zweifel daran, dass beide die führenden Gestalten waren“. Robin P., der 2017 nochmal für Aufsehen sorgte, weil ausgerechnet er als DJ für eine Toleranz-Parade in Marzahn gebucht worden war, erhielt als bislang nicht Vorbestrafter eine Geldbuße von 900 Euro. Der 37-jährige Mirko W. wurde freigesprochen, weil sich keine Zeuge mehr an ihn erinnern konnte und womöglich eine Verwechslung auf dem Gruppenfoto mit dem gesondert Angeklagten Romano W. vorlag.

Bereits am ersten Verhandlungstag war Danny B. zu einer Geldstrafe von 400 Euro verurteilt, die Verfahren von Beate R. und Andre M. eingestellt beziehungsweise abgetrennt worden. M. bräuchte laut Verteidiger aus persönlichen Gründen noch mehr Vorbereitungszeit.

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