Fretterode-Prozess eröffnet

Von Kai Budler
08.09.2021 -

Vor dem Landgericht Mühlhausen in Thüringen ist dreieinhalb Jahre nach einem brutalen Angriff auf Journalisten der Prozess gegen zwei Neonazis eröffnet worden. In einer ersten Einlassung stellen die Angeklagten sich als eigentliche Opfer dar.

Im Puschkinhaus in Mühlhausen findet der Prozess statt, Foto: Kai Budler

Überraschend schnell geht der erste Verhandlungstag gegen zwei Neonazis wegen eines Überfalls auf zwei Journalisten zu Ende. Nach nur knapp zwei Stunden ist die Sitzung vor dem Landgericht Mühlhausen vorbei, die aus Kapazitätsgründen im Puschkinhaus vor Ort stattfindet. Die Betroffenen, die als Nebenkläger auftreten, aber hatten den Verhandlungssaal aus Protest schon vorher verlassen.

Die Journalisten waren im April 2018 von den Angeklagten im thüringischen Eichsfeld mit dem Auto verfolgt, angriffen, verletzt und ihrer rund 1.500 Euro teuren Fotoausrüstung beraubt worden, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher. Sie legte im Februar 2019 ihre Anklageschrift vor, in der sie den heute 22 und 27 Jahre alten Männern Sachbeschädigung, schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vorwirft.

Keine Unbekannten

Die Angeklagten sind keine Unbekannten. Es handelt sich um Gianluca B., einen politischen Ziehsohn des Neonazi-Funktionärs Thorsten Heise, und um Nordulf H., der älteste Sohn von Heise. Von dessen Grundstück im Eichsfelddorf Fretterode ging der Angriff auf die Journalisten aus, als sie für eine Recherche Fotos von dem Haus und Grundstück machten.

Doch vor Gericht legen die Szene-Anwälte Wolfram Nahrath und Klaus Kunze für die Angeklagten eine ganz eigene Version der Ereignisse vor. Bei den Journalisten habe es sich vielmehr um Antifa-Aktivisten gehandelt. Nordulf H. und Gianluca B. hätten lediglich das Autokennzeichen feststellen wollen, um die Fotos löschen zu lassen und zu vermeiden, auf „Fahndungsplakaten der Antifa“ zu landen.  

Bruch des Schädelknochens

Dabei hätten ihn die Journalisten gleich zwei Mal fast überfahren, auch die physischen Angriffe u.a. mit einem Baseballschläger seien von ihnen ausgegangen. Die Verfolgungsjagd sei vielmehr ein „Hinterherfahren“ gewesen, B. habe dabei sein Auto nicht gefährden wollen, auch von einem Messer will er nichts gesehen haben. H. räumt ein, er habe mit Werkzeug auf das Auto der Journalisten eingeschlagen. „Es war, als hätte sich ein Schalter umgelegt", lässt der 22-jährige in seiner Einlassung verlauten.

Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht es als erwiesen an, dass Nordulf H., als das Auto der Journalisten liegen geblieben war, Reizgas in das Innere sprühte und einem der Opfer mit einem Messer in den Oberschenkel stach. Gianluca B. schlug nach Ansicht der Strafverfolgungsbehörde dem anderen Journalisten mit einem ca. 50 cm langen Schraubenschlüssel auf den Kopf, so dass er einen Bruch des Schädelknochens und eine Kopfplatzwunde erlitt.

Saal aus Protest verlassen

Angesichts der Schwere der Tat hatten die Anwälte der Nebenkläger darauf gedrängt, neben den angeklagten Delikten auch „einen versuchten Totschlag strafrechtlich mit in den Blick zu nehmen“. Den beiden Betroffenen sind die Folgen des Überfalls vor mehr als drei Jahren noch heute anzumerken, einer von ihnen hat seine Tätigkeit als Journalist deswegen aufgegeben.

Als die Anwälte der Angeklagten dann noch die Version einer Selbstverteidigung präsentierten, reicht es den beiden Nebenklägern. Sie stehen auf und verlassen den Saal. Doch schon in den nächsten Verhandlungstagen müssen sie sich vor Gericht befragen lassen, insgesamt sind für den Prozess zwölf Verhandlungstage vorgesehen