„Flügel“-Treffen: Abgeschottet auf Rügen

Von Oliver Cruzcampo
27.11.2019 -

Zwei Wochen, nachdem das radikale Lager auf dem Parteitag der AfD Mecklenburg-Vorpommern eine schwere Niederlage einstecken musste, kamen erstmals Anhänger des „Flügels“ zusammen und feierten Hauptredner Björn Höcke. Auch wurden Chat-Nachrichten publik, in denen angeblich ein Parteimitglied Landeschef Holm Gewalt angedroht haben soll.

„Flügel“-Vormann Björn Höcke war selbstredend Hauptredner beim Treffen auf Rügen; Photo (Archiv): K.B.

Dass Vertreter des „Flügels“ gerne unter sich sein würden, überrascht kaum. Zwar hatte der Landtagspolitiker Ralph Weber anfangs noch von einer offenen Veranstaltung gesprochen, später ließ dann der AfD-Bundestagsabgeordnete Enrico Komning gegenüber der „Ostsee-Zeitung“ verlauten, dass „grundsätzlich keine Presse zugelassen“ sei. Anmelden mussten sich Interessenten vorab im Bundestagsbüro von Komning, einer der Mitorganisatoren des „Königsstuhltreffens“.

Keine Mitschnitte

Zugezogene Jalousien im Tagungsraum und zusätzliche Bauzäune mit Flügel-Transparenten sollten einen möglichst umfangreichen Sichtschutz für die Veranstaltung bieten. Hauptredner Björn Höcke erreichte das Arkona-Hotel in Binz auf Rügen erst Stunden nach der Eröffnung und wenige Minuten vor Beginn seiner Rede, sein Wagen fuhr direkt in die Tiefgarage des Hotels. Selbst Teilnehmer sollen aufgefordert worden sein, keine Videos der Reden mitzuschneiden. Zu groß offenbar die Angst vor heiklen Aussagen von Höcke oder Andreas Kalbitz, der ebenso als Redner auftrat.

Wohl nicht ganz zufällig wurden kurz vor Beginn des „Flügelfestes“ Inhalte aus Chats öffentlich, die dem AfD-Kreisvorsitzenden René Kruschewski – Mitorganisator der Veranstaltung – zugeordnet werden. Darin soll es laut NDR auch um Bedrohungen gegenüber Landeschef Leif-Erik Holm und seiner Frau gehen, weitere Parolen tauchen auf, die man eher im Neonazi-Spektrum verorten würde. „Flügel“-Mann Kruschewski spricht von einer „durchschaubaren Schmutzkampagne“, mit „Mitteln der Verleumdung und des Rufmords“ sollten Kritiker aus dem Weg geräumt werden.

An dem „Flügel“-Treffen nahmen insgesamt rund 100 Personen teil, darunter auch einige Landtagsabgeordnete wie der AfD-Fraktionsvorsitzende Nikolaus Kramer oder Bert Obereiner, Gunter Jess und Christoph Grimm. Die angekündigten Grußworte der Landesvorsitzenden mussten offenbar entfallen, weder Leif-Erik Holm, noch sein Co-Sprecher Hagen Brauer wurden vor Ort gesehen, die beiden werden dem gemäßigten Lager zugerechnet.

Gäste: Terrorverdächtiger und „Identitäre“

Zugegen war auch ein weiterer Abgeordneter des Landtags, der seit geraumer Zeit jedoch kein AfD-Mitglied mehr ist: Holger Arppe. Der wegen Volksverhetzung verurteilte Politiker nahm am Tisch neben „ehemaligen“ Kollegen des Kreisverbandes Rostock Platz. Nicht die einzige heikle Personalie an dem Tag: Mit Haik J. reiste auch eine zentrale Person aus dem „Nordkreuz“-Komplex an. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Mann die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor, die Ermittlungen laufen mittlerweile seit über zwei Jahren. Mindestens zwei weitere Personen nahmen an dem „Flügelfest“ teil, die zuvor im rechtsextremen Spektrum verortet wurden. Und gleich mehrere Anhänger der „Identitären“ waren ebenfalls vor Ort, darunter Franziska G. und Daniel M.

Auffällig war die Abwesenheit einiger AfD-Funktionäre, die klar „Flügel“-Positionen vertreten, die Teilnahme jedoch mieden. Auch der ehemalige Landesvorsitzende Dennis Augustin ließ sich nicht blicken, was vermutlich auch auf Zerwürfnisse mit Organisator Enrico Komning zurückzuführen sein dürfte.

Gegen das rechte „Flügel“-Treffen protestierten rund 500 Personen, eine Demonstration zog durch den 5.000-Einwohner-Ort, zahlreiche Bündnisse und Vereine hatten in das Ostseebad mobilisiert. Für Unmut hatte im Vorfeld die wiederholte Vermietung an die AfD und ein angekündigtes Grußwort der Hoteldirektorin gesorgt.

Der Text ist auf Endstation Rechts erschienen.