Ein „Lexikon“ der „Identitären“

06.10.2017 -

Mario Alexander Müller, Aktivist der „Identitären Bewegung“, legt ein Handbuch mit Erläuterungen zu Begriffe, Ereignissen und Personen vor.

Die „Identitären“ im Überblick; (Screenshot)

Wofür steht die „Identitäre Bewegung“ eigentlich? Aufsehen erregende Aktionen wie die Besetzung von Gebäuden haben sie bekannt gemacht. Ängste und Ideale beschwören ihre Sprecher auf Videos. Doch was ist genau deren Ideologie und Wollen? Nachdem mit Martin Sellner der bekannteste Repräsentanten im deutschsprachigen Raum ein Buch zur Entwicklung der Bewegung vorgelegt hat, (bnr.de berichtete) schließt sich ihm Mario Alexander Müller mit einer Art Lexikon für die Szene an. Der 1988 geborene Autor studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Halle an der Saale und gründete 2014 ebendort das „identitäre“ Projekt „Kontrakultur Halle“.

„Kontrakultur“ heißt auch das Lexikon. Es ist im Verlag Antaios erschienen, der dem Institut für Staatspolitik und damit der Neuen Rechten um Götz Kubitschek nahe steht. Bei der Autorenangabe heißt es über Müller, er sei nach „einer aktivistischen Jugend im nationalrevolutionären Lager“ nach Halle gekommen und habe dort „mit einer Handvoll Renegaten der ‚alten Szene‘“ beschlossen, neue Wege zu gehen. 

Mit Ideologisierung an Alltagskultur anknüpfen

In der Einleitung finden sich die üblichen Auffassungen der „Identitären“: Man befürchte, bald eine Minderheit im eigenen Land zu werden. Dagegen wolle man eine „Kulturrevolution von rechts“ setzen. Und so solle auch die „Multikulti“-Ideologie überwunden und eine neue „identitäre Gegenkultur“ vorangebracht werden. Beachtenswert sind darüber hinaus zwei Aussagen: „Nahezu alles kann Werte vermitteln und eine politische Botschaft bereithalten“ (S. 9). Diese Auffassung erklärt mit, warum die „Identitären“ beziehungsweise Müller auch in Comics, Filmen oder der Literatur inhaltliche Orientierungspunkte suchen. An eine derartige Alltagskultur anknüpfend soll so eine Ideologisierung und Politisierung vorangetrieben werden.

Und dann heißt es noch: „Wer auf den folgenden Seiten eine stringent entwickelte politische Doktrin sucht, wird sie dort nicht finden. An dieser Stelle sei auf Guillaume Fayes Wofür wir kämpfen verwiesen …“ (S. 10). Man selbst ist also nach wie vor nicht in der Lage, die eigenen Auffassungen in eine entwickelte und schlüssige Theorie zu integrieren.

Der Einleitung folgend findet man viele Artikel mit kurzen Beschreibungen zu Begriffen, Ereignissen, Handlungsweisen, Kulturgütern oder Personen. Zu den Letztgenannten gehören insbesondere Repräsentanten der „Konservativen Revolution“, einer antidemokratischen Intellektuellenströmung in der Weimarer Republik. Artikel widmen sich Ernst Jünger oder Carl Schmitt. Damit wird die Anlehnung an die Neue Rechte deutlich. Dies gilt auch für deren ausländische Repräsentanten wie den Euro-Faschisten Pierre Drieu la Rochelle oder den Gewalt-Mythos-Repräsentanten Georges Sorel.

„Rückkehr zur identitären Demokratie“ eingefordert

Es finden sich aber auch überraschende Beispiele wie etwa Muhammed Ali, der aufgrund seiner Beschwörung schwarzer Identität hervorgehoben wird, oder Brigitte Bardot, die im hohen Alter gegen „Islamisierung“ und „Überfremdung“ wetterte. Demgegenüber werden nationalsozialistische Repräsentanten nicht genannt. Man erwähnt aber auch keine konservativen Demokraten. Damit wird bereits die nicht-nationalsozialistische, aber sehr wohl rechtsextremistische Verortung deutlich.

Dies belegt auch der „Demokratie“-Artikel, wo die „Rückkehr zur identitären Demokratie“ eingefordert wird, was auf die Aufhebung des Pluralismus hinausläuft. Es heißt dementsprechend weiter: „Mit Carl Schmitt gesprochen bedeutet das die Übereinstimmung von Herrschern und Beherrschten, also eine homogene ‚Volksdemokratie‘ ohne fremde Einflussnahme“ (S. 60). Mit dieser Argumentation hatte Schmitt bekanntlich eine Diktatur, aber eine angeblich „demokratische Diktatur“, zu legitimieren versucht. Wie man sich aber eine solche Alternative zum demokratischen Verfassungsstaat genauer vorstellen soll, darüber schweigen sich die Autoren in dem „Kontrakultur“-Lexikon von Müller aus. Dass es eine autoritäre Alternative wäre, geht aus der Berufung auf einschlägige Denker deutlich hervor. Dazu gehört dann auch Armin Mohler, der sich zum Faschismus bekannte und die freiheitliche Demokratie verachtete, oder das Buch „Revolte gegen die moderne Welt“ von Julius Evola, der Mussolini noch von rechts als eigentlich zu weich kritisiert hatte.

„Auf verlorenem Posten ausharren ohne Hoffnung ... ist Pflicht“

Auffällig ist darüber hinaus, dass häufig auf bekannte Kinofilme verwiesen wird. Deren mentale Botschaften will man auf das eigene Lager übertragen. Dies zeigt sich beispielsweise bei „Das Boot“ über eine U-Boot-Besatzung im Zweiten Weltkrieg, wo Kameradschaft, Kampfesgeist, Pflichterfüllung und Treue gehuldigt werden. Bei „Braveheart“, wo es um den schottischen Kampf gegen die englischen Besatzer Anfang des 14. Jahrhunderts geht, schimmert die Faszination des Rachegeistes mit Blick auf die Gegenwart durch. Und bei „Gangs of New York“, einem Film über gewalttätige Konflikte zwischen Einwandergruppen in den USA in den 1840er Jahren, sieht man Parallelen zur aktuellen Migrationsentwicklung.

Als Ausdruck einer richtigen „Haltung“ wird Oswald Spengler zustimmend zitiert: „‘ … Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen …“ (S. 105).

„Wenn du noch nie gekämpft hast“

Beachtenswert sind auch die Ausführungen zur Gewalt. Zwar lehnt man sie offiziell ab, zeigt sich aber davon – wie Kommentare verdeutlichen – sehr wohl fasziniert. Im Artikel zum „Kampfsport“ heißt es: „Wie kannst Du wissen, wer Du bist, wenn Du noch nie gekämpft hast?“ Und weiter: „Daher wird fast überall, wo es identitäre Gruppen gibt, gemeinsam trainiert, sei es in Parks, Boxkellern oder professionellen Gyms“ (S. 147). Der Artikel „Mundschutz“ fängt dann auch an mit: „Mach’s, aber mach’s mit!“ (S 195).

Mit Andeutungen zu arbeiten, gehört zu den durchgängigen Methoden. Dazu noch ein anderes Beispiel: Es gibt sogar einen Artikel zu dem Comic „Tim und Struppi“, wobei zwei Bilder daraus abgedruckt werden. Sie zeigen, wie eine Figur aus der Geschichte einen betenden Muslim in den Hintern tritt (vgl. S. 282). Warum wohl ausgerechnet diese Zeichnung ausgesucht wurde? Demnach findet man in dem Buch „Kontrakultur“ viele direkte wie indirekte Bekenntnisse darüber, was die „Identitären“ sind beziehungsweise sein wollen.

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