Die Zemmour-Kandidatur: Konkurrenz von Rechts für Marine Le Pen

Von Bernard Schmid
16.12.2021 -

Am 30. November wurde offiziell eine zweite rechtsextreme Präsidentschaftskandidatur in Frankreich angekündigt, neben jener von Marine Le Pen. Hinter der Bewerbung des bislang parteilosen Ex-Journalisten Eric Zemmour, der am 5. Dezember eine eigene Partei ausrief, sammeln sich Teile der militanten außerparlamentarischen Rechten, aber auch Überläufer aus dem konservativen Lager.

Eric Zemmour als zweiter rechtsextremer Präsidentschaftskandidat, Foto: Illian Derex, CC BY-SA 4.0

Die erste Auslandsreise des Kandidaten diente ihm dazu, seine These vom „Zusammenprall der Zivilisationen“, vom Kampf der Kulturen zu unterstreichen. Am 12. Dezember besuchte der nunmehr erklärte Kandidat zur französischen Präsidentschaftswahl vom April kommenden Jahres, der frühere Starjournalist und Buchautor Eric Zemmour, Armenien. Unter anderem suchte er ein Kloster an der armenisch-türkischen Grenze und die Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords von 1915 im Osmanischen Reich auf.

Das dürfte man insofern pikant finden, als Zemmour gegen die in Frankreich im Januar 2001 erfolgte gesetzliche Anerkennung des Armenier-Genozids und die daraus erwachsende Strafdrohung gegen seine Leugnung wetterte. Diesbezüglich forderte der damalige Journalist Anfang März 2011 vor der Parlamentsfraktion der damaligen UMP – Vorläuferin der heutigen stärksten konservativen Partei Les Républicains (LR) – „die Abschaffung aller Gesetze zur Erinnerungs/Gedächtnispolitik“, also etwa zur Strafandrohung gegen Holocaust-Leugnung und zur Anerkennung der Sklaverei als historisches Verbrechen, sowie der Anti-Rassismus-Strafbestimmungen im französischen Pressegesetz.

Vichy-Regime

Diese Ablehnung eines „nationalen Masochismus“, welcher in seinen Augen den Blick auf die historische Größe der Nation verstellt, zählt zu Zemmours ständigen Obsessionen. Der Mann wurde unter anderem dadurch bekannt, dass er 2014 in einem seiner Bücher (Le suicide français, „Der französische Selbstmord“) behauptete, das Vichy-Regime zwischen 1940 und 1944 habe angeblich die französischen Juden „beschützt“ und nur die ausländischen der Deportation anheim gegeben, und dass er im Oktober 2020 in zwei aufeinanderfolgenden Interviews die – in den Augen der Historiker zweifelsfrei erwiesene – Unschuld des 1894 verurteilten jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus öffentlich anzweifelte.

Vor Ort in Armenien erinnerte er allerdings nicht daran, sondern an den ihm zufolge immerwährenden Konflikt zwischen Abendland und Islam, wobei der Präsidentschaftsbewerber auch noch auf die historische Rivalität zwischen Griechen und Persern zurückging.

Jüdische Familie

Unter anderem auch ein fanatischer Holocaust-Leugner wie der deswegen mehrfach gerichtlich verurteilte Hervé Ryssen und ein besessener Antisemit wie Thomas Joly – Cher der Splitterpartei PdF (Parti de la France), er rief im November 2010 bei einer Saalveranstaltung in den Raum, die heute regierenden Eliten würden bei einer bevorstehenden nationalen Revolution „nach Tel Aviv fliehen“ – unterstützen Zemmours Kandidatur. Das wirkt auf den ersten Blick erstaunlich, stammt Eric Zemmour doch selbst aus einer jüdischen Familie. Aber nur wenige Protagonisten der extremen Rechten, namentlich der verschwörungsideologische Publizist und Berufsantisemit Alan Soral sowie der Chef der 2013 verbotenen Splittergruppe L’Oeuvre française („Das französische Werk“), Yvan Benedetti – lehnen Zemmour deswegen ab. Die Mehrheit ihrer Aktivisten und Kader unterstützt ihn. Dies hat drei Hauptgründe.

Zum Einen sind viele von ihnen der Auffassung, dass Zemmour sich gerade aufgrund seiner Abstammung Vieles herausnehmen könne, was an Äußerungen von anderer Seite sofort Verurteilungen nach sich ziehen würde. Genau damit begründete der in früheren Zeiten selbst wegen antisemitischer Aussprüche unter Druck geratene Altpolitiker Jean-Marie Le Pen – mittlerweile 93 – Anfang Oktober seine vorübergehende Unterstützung für Zemmours damalige, in dem Zeitraum noch nicht offiziell bestätigte Kandidaturpläne: „Er ist Jude und kann sich erlauben, was man mir nie durchgehen lassen würde.“

Revanchegefühle

Zum Zweiten waren Zemmours Vorfahren nicht europäische, sondern algerische Juden. Im Unterschied zu französischen und, mehr noch, osteuropäischen Juden ist deren Geschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte nicht durch die Erfahrung von Entrechtung und Verfolgung geprägt. Sondern vorwiegend dadurch, dass die französische Kolonialmacht diese Bevölkerungsgruppe in Algerien – das für Frankreich eine Siedlungskolonie darstellte – gegenüber allen anderen Einheimischen weitgehend privilegierte und ihr im Oktober 1870, anders als der überwiegend Mehrheit der Altansässigen, die volle französische Staatsbürgerschaft übertrug.

Eric Zemmours Eltern kamen unabhängig vom antikolonialen Unabhängigkeitskrieg in Algerien (1954 bis 1962) in den Raum Paris, wo sie sich bereits 1951 aus wirtschaftlichen Gründen ansiedelten. Seine Familie wurde also keineswegs im Zuge der Entkolonisierung vertrieben. Zemmour teilt jedoch die Mentalität jener, die 1962 im Zuge des Abzugs der Kolonialmacht auf die nördliche Seite des Mittelmeers übersiedelten und seitdem Revanchegefühle unterhalten.

Grand Remplacement

Den dritten Grund muss man in den Inhalten suchen. Vielen Rechtsextremen kommt die Kandidatur Zemmours zupass, um die Hauptpartei dieses Spektrums, den Rassemblement National (RN, „Nationale Sammlung“, so lautet seit 2018 der Name des früheren Front National) von rechts her unter Druck zu setzen – schien ihre Vorsitzende Marine Le Pen, die 2011 die Führung von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen übernahm, in ihren Augen viel zu viel Zugeständnisse an die Imperative ideologischer Mäßigung zwecks Erlangung von Bündnisfähigkeit zu machen.

Insbesondere benutzt Zemmour immer wieder offensiv den Begriff vom Grand Remplacement („großen Austausch“ der Bevölkerung), der dem deutsch-völkischen Konzept der „Umvolkung“ entspricht. In Frankreich hatte ihn der Schriftsteller Renaud Camus, er wurde im April 2000 wegen einer antisemitischen Buchpassage und im April 2015 wegen muslimfeindlicher Äußerungen gerichtlich verurteilt, in Umlauf gebracht. Die Identitäre Bewegung hat ihn wörtlich übernommen, und Brenton Tarrant, der Attentäter von Christchurch im März 2019, benutzte ihn in der Übersetzung great replacement.

Marine Le Pen: „eine Frau der Linken“

Hingegen erklärte Marine Le Pen im Dezember 2014 in einem Interview mit der Sonntagszeitung JDD, sie lehne dieses Konzept eines durch die Eliten planmäßig betriebenen Austauschs von Bevölkerung zwecks Unterminierung der Nationen als zu verschwörungstheoretisch ab. Ansonsten bleibe sie bei ihrer Programmatik gegen Zuwanderung. Zemmour bezeichnete, unter anderem aufgrund dieser Differenz, Marine Le Pen am 26. Oktober bei einem Auftritt in Biarritz voller Verachtung wörtlich als „eine Frau der Linken“.

Andere Vertreter dieses Spektrums genossen es, auf diese Weise die sich zu sehr verweichlichende Partei – den RN – unter Druck gesetzt zu sehen. Zemmour, dessen seit längerem im Raum schwebende Kandidatur am 30. November durch die Online-Veröffentlichung einer Video-Ansprache offiziell bestätigt wurde, rief anlässlich seiner ersten Großveranstaltung zum Wahlkampf, am 5. Dezember in der Pariser Trabantenstadt Villepinte, eine eigene Partei unter dem Namen Reconquête („Rückeroberung“) aus. Diese verfügt bislang über Zugänge vor allem aus dem rechten studentischen Milieu.

Konserversatives Lager

Daneben kann Zemmour auf „Dissidenten“ aus dem konservativen Lager zählen. Ursprünglich wurde er nicht der parteiförmig strukturierten extremen Rechten zugerechnet, sondern eher zum konservativen Lager gezählt, in dessen Massenmedien er tätig war wie bei der Tageszeitung Le Figaro und ihrer Wochenendbeilage Figaro Magazine.

Der Aufstieg Zemmours spiegelt auch die ideologische Radikalisierung eines Teils der französischen Konservativen zu Themen wie Staatsbürgerschaft, Einwanderung und Islam wider. Diese hatte sich ab 2007 mit der Einrichtung eines (drei Jahr lang existierenden) Ministeriums für „Einwanderung und nationale Identität“ unter der Präsidentschaft Nicolas Sarkozys manifestiert, in Verbindung mit dem Versuch, der Konkurrenz auf der Rechten das Wasser abzugraben. Diese Tendenz nimmt in Wellenbewegung zu und ab.

Schnittstelle zwischen konservativem Lager und der extremen Rechten

Dennoch wäre es falsch, Zemmour als reines Produkt einer Entwicklung im konservativen Lager zu betrachten. Als Journalist beim Figaro war Zemmour ab 1997 auf die Wahlkämpfe des damaligen Front National angesetzt worden. Dabei verfiel er offenkundig einer Faszination für dessen Mobilisierungskraft. Wie ein am 1. November durch den Privatfernsehsender BFM TV ausgestrahlter Dokumentarfilm (Zemmour, une obsession française) öffentlich machte, fing Zemmour damals an, sich auch privat mit dem seinerzeitigen Chefideologen des FN, Bruno Mégret – ihn schasste Jean-Marie Le Pen später – zu treffen.

Zemmours längerfristiges Projekt ist es, eine Schnittstelle zwischen dem konservativen Lager und der extremen Rechten in Frankreich zu schaffen, die seit der Ära von Jacques Chirac und Jean-Marie Le Pen scharf auseinanderklafften.

Sozialpolitik Mangelware

Sein hauptsächliches Manko ist jedoch, dass er neben seinen großen Erzählungen zu Themen wie nationaler Geschichte und „Identität“ jedenfalls bislang programmatisch herzlich wenig zu bieten. Sozialpolitische Vorschläge sucht man insbesondere sehr weitgehend vergeblich, im Unterschied zum RN. Deswegen rückten manche Köpfe der extremen Rechten, unter ihnen auch Jean-Marie Le Pen, mittlerweile auch von ihrer im Frühherbst geäußerten Unterstützung für Zemmour wieder ab und unterstreichen dessen Programmschwächen.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen