Die NPD als neue Landvolk-Bewegung?

Von Kai Budler
26.11.2021 -

Immer wenn es schlechte Wahlergebnisse hagelt, beginnen in der NPD Debatten über Perspektiven und Chancen der Partei. Mit dem Erstarken der AfD fand bereits 2014 eine Diskussion über „Strategie und Positionierung der NPD“ statt, während es aktuell um das nackte Überleben geht.

In der kleinen Gemeinde Jamel in Nordwestmecklenburg ist die Mehrheit der rund 40 Bewohner dem rechten Spektrum zuzuordnen.

Angesichts des rasanten Bedeutungsverlustes der NPD schwelt in der Partei erneut eine Debatte um ihre künftige Ausrichtung. Nachdem der Bundesvorsitzende Frank Franz bereits im vergangenen Jahr erklärt hatte „Wir müssen zuerst an uns arbeiten!“, konstatierte er jüngst in dem Online-Talk „Wohin deutsche Rechte?“, es bedürfe eigentlich einer inhaltlichen und strukturellen Neuaufstellung.

In der aktuellen Ausgabe des Parteiblattes „Deutsche Stimme“ legt nun der langjährige NPD-Funktionär Jürgen Gansel, der für die Partei zeitweise auch im sächsischen Landtag saß, nach. Angesichts des niederschmetternden Ergebnisses von 0,1 Prozent bei der Bundestagswahl kommt Gansel zum Schluss, „dass die NPD als Wahlpartei fürs Erste gestorben ist“. Im gleichen Atemzug schränkt der NPD-Politiker, der auch Mitglied im Stadtrat Riesa ist, jedoch ein: „Für Kommunalwahlantritte kann anderes gelten“.

Völkische Graswurzelbewegung

Zu stark hallt noch immer das Credo nach, das der ehemalige Parteivorsitzende Udo Voigt mit seinem „Drei Säulen Modell“ bereits 1999 ausgegeben hatte: „Kommunalwahlen müssen unser Fundament bilden. (…) Das nationale politische Fundament muß in den Kommunen aufgebaut werden“. Als Ausweg aus der aktuellen Abwärtsspirale schlägt Gansel „eine strategische Neuausrichtung als völkische Graswurzelbewegung im ländlichen Raum“ vor.

So könnte die NPD und ihr Umfeld „zur Keimzelle einer neuen Landvolk-Bewegung werden“, sagt Gansel und bezieht sich dabei auf die historische „Landvolk-Bewegung“ in der tiefgreifenden Agrarkrise Ende der 1920er Jahre mit ihrer Fahne, auf der ein weißer Pflug mit rotem Schwert auf schwarzem Grund abgebildet sind. Sie hatte für ihre Ziele zum Steuerboykott aufgerufen und zu militanten Aktionen gegriffen. Zunächst hatte die NSDAP diese Bewegung abgelehnt, war aber später auf ihre Forderungen eingegangen und hatte sich so innerhalb der Bäuerinnen und Bauern eine breite Basis geschaffen.

Weitere völkische Projekte

Gansel träumt von „einer ethno-kulturellen Reconquista“„eine Rückeroberung unseres Landes von fremden und volksfeindlichen Kräften“. Während die westdeutschen Großstädte dafür verloren seien, soll der Schwerpunkt in den ländlichen Regionen der ostdeutschen Bundesländer liegen, „wo es ethnisch und kulturell intakte Rückzugsräume für Abstammungsdeutsche gibt“.

Hier gelte es, „die geistige Hegemonie in ländlichen Räumen“ anzustreben und eine „neue ländliche Widerstandsbewegung“ gegen „die da oben“ zu initiieren. Als Beispiele solcher „Rückzugsräume“ werden in dem Text völkische Siedlungsprojekte der „Anastasia-Bewegung“ in Sachsen-Anhalt ebenso genannt wie die Versuche der Gruppe „Zusammenrücken in Mitteldeutschland“ um den langjährigen Neonazi Christian Fischer, die seit Anfang 2020 für den Umzug in die ostdeutschen Bundesländer wirbt.

Umweltschutz in der extremen Rechten

Sie alle haben das Ziel, mit ihren Sammlungsversuchen die Hegemonie in ländlichen Regionen Ostdeutschlands anzustreben. Für Gansel bedeutet die Rückbesinnung auf den ländlichen Raum auch, das „Umwelt-Thema“ von rechts zu besetzen, weil die „urkonservative“ Angelegenheit Naturschutz Teil der neuen Landvolk-Bewegung sein müsse. Unter Rückgriff auf die alte Parole „Umweltschutz ist Heimatschutz“ nennt es der NPD-Aktivist „den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen“. Dies wäre ein „Angebot an umweltbewegte junge Leute, die noch nicht von den Klima-Apokalyptikern verstrahlt sind“, so Gansel.

Dabei übersieht er offenbar, dass auch bei diesem Thema ausgerechnet Politiker der AfD, die der NPD erst ihre Wahlverluste beschert hat, schon die Nase vorne haben. In einem Interview mit der neurechten Zeitschrift „Die Kehre“ machte sich bereits der Thüringer Landes- und Fraktionsvorsitzende Björn Höcke daran, „den Grünen das Thema Naturschutz wieder [zu] entreißen, weil es nur bei uns richtig aufgehoben ist!“.

Gerangel am rechten Rand

Im Gespräch mit dem Chefredakteur und ehemaligem Mitglied der „Jungen Alternative“ Bremen und der Identitären Bewegung, Jonas Schick aus dem Umfeld des extrem rechten Netzwerkes „Ein Prozent“, sagt Höcke, dazu aber müsse sich die AfD bewegen und dürfe nicht die ökologischen Probleme ignorieren. Selbstzufrieden konstatiert er, im Bereich des Naturschutzes sei die Thüringer Landtagsfraktion „die Speerspitze in der AfD“.

Und auch wenn Gansel zu Beginn seines Textes „Neue Landvolk-Bewegung statt reine Wahlpartei“ behauptet „Die NPD ist nicht überflüssig geworden“, dürfte es ihn vehement ärgern, dass ausgerechnet die von ihm als „Partei von Systempolitikern“ ein vermeintlich aussichtsreiches Politikfeld bereits für sich besetzt. Und damit weiter daran arbeitet, dass die NPD überflüssig wird.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen