„Der Versand“ an neuem Standort

Von Kai Budler
06.12.2019 -

Rechtsextremer Vertrieb wechselt nach 16 Jahren sowohl seinen Betreiber als auch den Sitz. Damit rückt eine neue Immobilie im Besitz der extremen Rechten in Thüringen verstärkt in den Blick.

Fest in Neonazi-Hand? Der „Gasthof Haselbach“ in Brattendorf; Photo: Kai Budler

Kunden des rechtsextremen Onlineshops „Der Versand“ mit Sitz im niedersächsischen Bovenden bei Göttingen dürften nicht schlecht gestaunt haben, als sie am 1. Oktober in sozialen Netzwerken lasen: „Ab dem 1.10.2019 geben wir den Onlineshop in gute Hände ab“. Zwar war im Impressum der Facebook-Seite zu diesem Zeitpunkt noch immer Timo Schubert als Verantwortlicher angegeben, auf der eigentlichen Homepage aber wird der 1973 geborene Werner Meisel genannt.

„Erfahrener neuer Inhaber für den Versand“

Auch aus Niedersachsen verabschiedet sich der rechtsextreme Versand, der mit dem Motto „Ungezogen – Angezogen. Markenbekleidung und Textildruck seit 2003“ für sich wirbt. Als aktuelle Adresse wird Brattendorf genannt, ein Ortsteil mit knapp 800 Einwohnern der Gemeinde Auengrund im Südthüringer Landkreis Hildburghausen. Denn der im Impressum genannte Meisel ist der Geschäftsführer der „GGA Grundstücksgesellschaft Auengrund mbH“. Deren Anschrift ist identisch mit der Adresse des „Gasthofs Haselbach“ in Brattendorf, dessen Steuernummer deckungsgleich mit der des Versandes. Unter der Rubrik „Aktuelles“ heißt es auf der Homepage: „In Kürze übernimmt den Versand ein erfahrener neuer Inhaber“, und an anderer Stelle: „Ein qualifiziertes Team übernimmt“. Damit bestätigt sich, worüber bnr.de bereits im Februar dieses Jahres berichtet hatte.

Neben Kleidung mit entsprechenden Aufdrucken und bekannter Marken bietet „Der Versand“ auch an seinem neuen Standort Artikel wie Quarzsandhandschuhe, Stacheldrahtrollen und Baseballschläger an. Der 2003 gegründete Versand unter Leitung von Timo Schubert gehörte zu den zuletzt sieben extrem rechten Vertrieben, die in Niedersachsen ansässig sind. Schubert geriet 2008 besonders ins Licht der Öffentlichkeit, weil sich der Neonazi das Wort „Hardcore“ als Wortmarke für Kleidungsstücke sichern wollte.

Verbindung zu „Kategorie C“ nicht nur musikalischer Natur

Vor seinem Wechsel nach Südniedersachsen spielte Schubert bei den Rechtsrock-Bands „Violent Solution“ sowie „Hauptkampflinie“ und gründete später das Neonazi-Trio „Agitator“. Deren erste zwei CDs waren von dem rechtsextremen Multifunktionär Thorsten Heise produziert worden, mit dem Schubert ein enges Verhältnis pflegte. Die Rechtsrock-Gruppe war berüchtigt für Texte wie: „Ich bin mit Leib und Seele Nazi und ich weiß mit Sicherheit: für mich kann’s nix Schöneres geben, ich bleib Nazis für alle Zeit.“

Aushilfsweise spielte Schubert auch bei der Bremer Hooligan-Band „Kategorie C“ um Hannes Ostendorf Schlagzeug und war Teil von Ostendorfs Sideprojekt „Hungrige Wölfe“. Doch die Verbindung zu „Kategorie C“ war nicht nur musikalischer Natur: So war Schubert neben Ostendorf sieben Jahre lang Geschäftsführer der Zweigniederlassung von „KC Music ltd“ mit Sitz in Bovenden, bis der Eintrag im Juni 2015 aus dem Handelsregister gelöscht wurde. Die Firma war für die Vermarktung der Musik und des Merchandisings von „Kategorie C“ zuständig und hatte ihren Hauptsitz im englischen Birmingham.

Bilder von voranschreitenden Arbeiten im Gasthof

Über Schuberts Motivation, seinen solventen Vertrieb in andere Hände zu geben, ist bislang ebenso wenig bekannt wie über die Qualifikation von Werner Meisel als neuer Betreiber. Doch nicht nur der Wechsel des rechtsextremen Versands ist ein Zeichen dafür, dass Neonazis den Gasthof in Südthüringen mit einer Grundstücksfläche von mehr als 8200 Quadratmetern verstärkt für ihre Zwecke nutzen. Die Bilder von Flohmärkten und Haushaltsauflösungen im Gasthof zeigen, dass die Arbeiten voranschreiten.

An gleich drei Tagen wurden im großen Stil die bisher genutzten Einrichtungsgegenstände und das Zubehör verramscht, kostenlos alte Elektrogeräte wie Kühlschränke feilgeboten. Auch bei einem überwiegenden Teil der Personen, die den Gasthof auf seiner jüngst ins Leben gerufenen Facebook-Seite positiv bewerten, finden sich viele Hinweise auf ihre Affinität zur braunen Szene wie beispielsweise Rechtsrock-Bands, rechtsextreme Symbole oder Links zu entsprechenden Homepages.

Neonazi Frenck zeigt Interesse an weiterer Immobilie

Unterdessen ist ein neuer Fall in Südthüringen öffentlich geworden, in dem ein Neonazi Interesse am Kauf einer Immobilie angemeldet hat. Konkret geht es um das viele Jahre leerstehende Schloss Bockstadt mit einem cirka 60 Hektar großen Grundstück in der Nähe von Eisfeld im Landkreis Hildburghausen. Ein erster Investor hat sich inzwischen zurückgezogen, neben einer weiteren Interessentin hat nun der Neonazi Tommy Frenck bei dem Rechtsanwalt der Verkäufer des Schlosses über einen Mittelsmann Interesse an einem möglichen Kauf geäußert und nach dem Kaufpreis gefragt.

Der langjährig in Neonazi-Kreisen aktive Frenck betreibt im etwa 20 Kilometer entfernten Kloster Veßra den „Gasthof Goldener Löwe“, wo auch sein Internetversand „Druck 18“ seinen Sitz hat und Veranstaltungen der braunen Szene stattfinden. Bei der jüngsten Kommunalwahl erzielte das von Frenck initiierte „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ (BZH) im Landkreis 16 Sitze in Kommunalparlamenten. Frenck sitzt sowohl im Kreistag Hildburghausen als auch im Gemeinderat Kloster Veßra. Bei der Landratswahl im Landkreis Hildburghausen stimmten rund 4400 Wahlberechtigte für den bekennenden Neonazi, der damit 16,6 Prozent der abgegebenen Stimmen holte.