Der japanische Schriftsteller Mishima als Vorbild für den neueren Rechtsextremismus

Von Armin Pfahl-Traughber
25.11.2020 -

Vor 50 Jahren starb der japanische Schriftsteller Yukio Mishima nach einem lächerlichen Staatsstreichversuch. Gleichwohl gilt er für Aktivisten im neueren Rechtsextremismus als Vorbild. Dabei sind Gewaltkult, Opferbereitschaft und Unbedingtheit relevant.

Mishima während des Putschversuches, Foto: ANP scans 8ANP 222, Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl

Am 25. November 1970, also vor fünfzig Jahren, starb der japanische Schriftsteller Yukio Mishima. Blickt man auf die selbst erwählte „Ahnengalerie“ im neueren Rechtsextremismus, so wird er dort aufgrund seines politischen Aktivismus als Vorbild angesehen. Als Beispiel dafür können die „Identitären“ gelten, verkauft doch der nahestehende „Phalanx-Europa“-Versand sowohl ein Poster als auch ein Shirt mit ihm. Man bekennt dort auch bei der Produktbeschreibung, dass „wir Mishima-Fans sind“.

Das Poster zeigt Mishima mit nacktem Oberkörper und einem Schwert. Dazu steht folgender Text: „Ein Mann zu sein bedeutet, stets und ständig höher zu streben, nach dem Zenith der Männlichkeit, und schließlich dort zu sterben, umgeben vom weißen Schnee dieses Gipfels.“ Das gleiche Mishima-Bild ziert auch das Shirt, wo eine größere Aufschrift „You only die once“ und ein kleinerer Text „Turn your life into a line of poetry written with a splash of blood“ zu finden sind. Was derartige martialische Bekundungen bedeuten sollen, erklärt sich durch die politische Biographie Mishimas.

Entwicklung hin zu einem nationalistischen Putschisten

Geboren wurde er am 14. Januar 1925 noch als Hiraoka Imitake. Bereits in jungen Jahren neigte Mishima zu literarischem Schaffen und schrieb später viele Dramen, Erzählungen, Gedichte und Romane. Dreimal wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert, erhielt ihn aber nie. Gleichwohl gehörte Mishima im Nachkriegsjapan zu den bedeutendsten Schriftstellern und hatte aufgrund seiner Berühmtheit auch viele Kontakte in die westliche Welt.

Indessen sollte er sich zu einem Gegner dortiger Normen wie zu einem nationalistischen Putschisten entwickeln. Auffällig bei Mishima waren indessen noch andere Prägungen. Bereits früh neigte er zu sadomasochistischen Fantasien und präsentierte sich in homoerotischen Selbstdarstellungen. Mishima täuschte bei seiner Musterung eine Tuberkuloseerkrankung vor, damit er nicht als Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfen musste. Gleichwohl gab er sich später auf Fotos mit nacktem Oberkörper und einem Schwert als heroischer Soldat. Ein ästhetischer Gewaltfetischismus prägte sein Selbstverständnis.

Geplanter Staatsstreich als lächerliches Unterfangen

Während Mishima zunächst nicht für politische Positionen bekannt war, orientierte er sich ab den 1960er Jahren immer mehr hin zu einem besonderen japanischen Nationalismus. So veröffentlichte Mishima 1968 einen Aufsatz zur „Verteidigung einer Kultur“, worin er für eine alleinige Herrschaft des japanischen Kaisers eintrat. Gleichzeitig begann Mishima damit, fanatische jüngere Anhänger um sich zu versammeln und eine um die 80 Personen starke Privatarmee aufzubauen.

Mit vier von ihnen wollte er einen Putschversuch unternehmen, besetzten diese doch das Hauptquartier der japanischen Streitkräfte. Mishima hielt dort eine Rede, worin er für eine neue Kaiserherrschaft warb und gegen den Parlamentarismus wetterte. Indessen schlossen sich ihm die Soldaten nicht an. Mitunter verstanden sie ihn akustisch nicht oder lachten ihn gar aus. Daraufhin begann Misihima einen ritualisierten Selbstmord (Seppuku) und ließ sich danach von einem „seiner“ Soldaten enthaupten. Damit endete der geplante Staatsstreich als ein klägliches bis lächerliches Unterfangen.

Faszination für Mishima im gegenwärtigen neueren Rechtsextremismus

Gleichwohl gibt es eine gewisse Faszination für Mishima im neueren Rechtsextremismus. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, lässt er sich doch nicht der dort eingeforderten „ethnisch-kulturellen Identität“ zuordnen. Darüber hinaus sind die Forderungen zugunsten eines dominanten japanischen Kaisers hier nicht kompatibel. Und schließlich ging das politische Engagement von Mishima auch immer mit ästhetisierten Sebstdarstellungen einher. Die Bewunderung erklärt sich indessen aus dem erwähnten Putschversuch, der eigentlich als jämmerliche Farce wirkt.

Indessen artikulierte sich hier eine Gewalt- und Opferbereitschaft, verbunden mit einem besonderen Todeskult. Ähnlich wie junge Männer von dem realen Mishima auf einen bedenklichen Weg gebracht wurden, kann auch der gegenwärtig Kult um ihn für eine problematische Unbedingtheit stehen. Gerade die einleitenden Bekundungen aus dem Bereich der „Identitären“, die von Gewaltfaszination und Kämpfergeist geprägt sein wollen, spielen auf ein solches Verständnis an.

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