Corona-Protestler – hauptsächlich Grünen- und Linken-Wähler?

Von Armin Pfahl-Traughber
13.01.2021 -

Eine Studie zur „Politischen Soziologie der Corona-Proteste“ benannte insbesondere Grünen- und Linken-Wähler als deren Protagonisten. Bei der Medienberichterstattung wurde indessen ignoriert, dass die Untersuchung nicht repräsentativ ist. Das haben die Forscher auch gar nicht behauptet, es wurde nur nicht zur Kenntnis genommen.

Anhänger der AfD auf der Querdenken-Demonstration Ende August in Berlin.

Mitte Dezember veröffentlichte der Baseler Soziologe Oliver Nachtwey eine Studie „Politische Soziologie der Corona-Proteste“, die Ergebnisse einer Befragung von protestierenden Gegnern der Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und Landesregierungen enthielt. Darüber wurde auch in den Medien breit berichtet. Man betonte hierbei, dass die Befragten bei der letzten Bundestagswahl insbesondere Die Grünen mit 23 Prozent und Die Linke mit 18 Prozent, aber nur 15 Prozent die AfD gewählt hätten. Diese Daten erstaunten viele Kommentatoren.

Indessen wurden bestimmte Ausführungen der Forscher zu ihrer Online-Befragung dabei überlesen. Es heißt zu den Ergebnissen: „Mit ihnen lässt sich ein Überblick über den Forschungsgegenstand und bestimmte Einstellungsmuster gewinnen, es kann jedoch kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben werden“. Dies relativiert die Ergebnisse, lassen sich daraus doch keine Verallgemeinerungen ableiten. Es heißt außerdem: „Die Grundgesamtheit der Befragung bilden Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung Mitglied in einer offenen Telegram-Gruppe waren, die direkt mit der politischen Szene der Corona-Kritiker:innen im Zusammenhang steht.“

Kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben

Ob dies für die Gesamtheit der Protestierenden gilt, lässt sich aber nicht sagen. Dies behaupten die Autoren auch nicht. Es heißt außerdem: „Wir konnten (…) nicht feststellen, wie viele Personen in den Telegram-Gruppen unseren Link überhaupt wahrgenommen haben. Es ist davon auszugehen, dass viele Personen ihn nicht gesehen haben, da einige Gruppen durch ein sehr hohes Volumen an Kommunikation gekennzeichnet sind. (...) Eine Rücklaufquote ist somit nicht befriedigend bestimmbar.“ Diese Aussagen machen ebenfalls deutlich, dass die Ersteller der Studie hinsichtlich einer Verallgemeinerbarkeit vorsichtig sind.

Auch ganz unterschiedliche andere Angaben sprechen dafür, so hätten 60,19 Prozent Frauen, aber nur 38,76 Prozent Männer geantwortet. Kann dies angesichts der Bilder von Demonstrationen, wo Männer dominierten, dann repräsentativ sein? Die erwähnten Daten zum Wahlverhalten wurden zwar korrekt referiert. Demgegenüber ignorierten viele Berichte aber die Antworten auf die Frage „Welche Partei würden Sie heute wählen?“ Dann gab es folgende Verteilung: AfD 27 Prozent, Die Linke fünf Prozent und Die Grünen ein Prozent. Kann dies wirklich so sein? Blickt man auf die soziale Zusammensetzung der Wähler von AfD und Die Grünen, so lassen sich auf allen Ebenen größere Unterschiede feststellen. Noch einmal: Die angedeuteten Einwände richten sich nicht gegen die Forscher, sondern gegen die mediale Fehlwahrnehmung der Studie.

Erschienen in: Aktuelle Meldungen