Corona-Dissidenten: Hauptsache dagegen

Von Horst Freires
07.01.2021 -

Wissenschaftler vom Institut für Soziologie in Basel haben durch eine Befragung von Corona-Skeptikern und durch die Beobachtung von Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen probiert, der Sozialstruktur der Pandemie-Proteste auf den Grund zu gehen. Sie haben nunmehr das Projekt „Politische Soziologie der Corona-Proteste“ gestartet und kommen in einer ersten 63-seitigen Bewertung zu dem Schluss, dass die affektiven Widerständler es mit ihren Inhalten gar nicht so genau nehmen: „Wichtig ist nicht, wogegen man konkret ist, sondern dass man dagegen ist.“

Die Teilnehmer der Studie würden über ein hohes über ein hohes Radikalisierungspotenzial verfügen.

Für erste Erkenntnisse ihrer Expertise haben Oliver Nachtwey, Robert Schäfer und Nadine Frei insgesamt 1.152 Fragebögen von Corona-Zweiflern und -Leugnern aus dem deutschsprachigen Raum, insbesondere aus Deutschland und der Schweiz, ausgewertet. Kontaktiert wurden diese über etliche Telegram-Gruppen, also somit vielfach in ihrer eigenen Kommunikationsblase. Bei allem Misstrauen gegenüber der etablierten Wissenschaft kam trotzdem eine große Anzahl an Rückläufen zusammen, weil die Angefragten offenbar die Gelegenheit sahen, ihre Motivation bzw. Sichtweise und „ihre Wahrheit“ über eine weitere öffentliche Mitteilungsmöglichkeit zu artikulieren. 60 Prozent der Antwortbögen kamen dabei von Frauen. Das Durchschnittsalter der Probanden betrug 47 Jahre.

Von der Demokratie entfremdet

Die Studie zeigt, dass es sich bei den teilnehmenden Befragten und damit in der Substanz der Corona-Dissidenten überwiegend um Personen aus einem gehobenen Bildungsbürgertum der Mittelschicht handelt. Sie haben zu 34 Prozent einen Hochschulabschluss bzw. zu 31 Prozent das Abitur abgelegt - Werte, die über dem Bevölkerungs-Querschnitt liegen.

Das Soziologen-Trio lässt in der Darstellung der Fragebogen-Auswertung überwiegend Grafiken, Kurven und Skalen sprechen. Die Summe der vom 18. bis 24. November eingesammelten Äußerungen sowie die persönliche Begleitung von Querdenken-Events in Konstanz und Leipzig führen zum Ergebnis, dass es sich um eine heterogene Bewegung handelt, die sich aber nach rechts offen zeigt und über ein hohes Radikalisierungspotenzial verfügt. Haben Politik und Demokratie bereits erheblichen bis jeglichen Kredit verloren und damit in den Augen der meisten Befragten eine Generalverdachts-Rolle eingenommen, genießt einzig das Justizsystem noch ein bedingtes Vertrauen.

Antisemitische Einstellungen

Ein Hang zu Esoterik, Sektierertum und Verschwörungsnarrativen kennzeichnet einen nicht unerheblichen Teil der Befragten. Statt Rationalität ist Romantik gefragt. Mit der Aufnahmebereitschaft gegenüber Verschwörungsideologien gehen dann auch antisemitische Einstellungsmuster einher. Wenn rund 36 Prozent der Aussage „Die Bundesrepublik ist kein souveräner Staat“ zustimmen, charakterisiert dies auch die Zusammensetzung der Corona-Dissidenten und eine unmittelbare Nähe zu vom Verfassungsschutz beobachteten Reichsideologen. In eine ähnlich verharmlosende Richtung geht auch die etwa 51-prozentige Zustimmung zu der Aussage, dass die Aufregung über die bei Protestevents gezeigten Reichsfahnen doch übertrieben sei.

Hartnäckig glaubt die überwiegende Mehrheit zudem, die Regierung werde einen Impfzwang verordnen und plane die Einführung eines Immunitätsausweises. Nicht wirklich überraschend kommt hingegen die mit knapp 64 Prozent verbreitete Ansicht, Schul- und Alternativmedizin gehören gleichgestellt.

Ansätze einer solch emotionalisierten generellen Infragestellung von Politik, Establishment und Medien waren in der jüngeren Vergangenheit nach Ansicht der Forscher bereits bei vorhergehenden Kampagnen anzutreffen, etwa bei Montagsmahnwachen für den Frieden, beim rasch Sammlungscharakter angenommenen Phänomen „Pegida“ und bei den kurzzeitigen „Occupy“-Protesten. Nicht nur diese spannende These verlangt allerdings nach einer vertiefenden Analyse. Allein die Fragebögen bilden lediglich ein singuläres Fragment, doch ergänzende Blickwinkel, etwa eine systematische Auswertung von Redebeiträgen auf Kundgebungen, würden mit Sicherheit ein umfassenderes Bild liefern.